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Ich hatte mal ein Abendkleid.

28. Januar 2016

Beim Herrn Wortmischer: So was Hübsches, so viele schöne Geschichten, und ich finde es erst jetzt!

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Eigentlich ist es schon vollständig, aber da sich noch keiner um das Abendkleid gekümmert hat, mach ich das eben rasch.

 

Meine Mutter hatte es sich selbst genäht: astrein 60er, schulterfrei und fußlang, vorne Schlitz, hinten Schlitz, aus fieberrotem Samt. Mir paßte es perfekt, nur: was damit machen? So mit siebzehn? Zumal ich gar nicht tanzte?

Ich wechselte die Lebensumstände und die Städte, und immer hing im Schrank das rote Kleid. Manchmal zog ich es einfach so an; doch, paßte perfekt. Die Mitbewohnerinnen staunten.

Irgendwann fehlte einer, A., ein spektakuläres Gewand. Klar, ich lieh ihr mein Kleid. Sie war deutlich kleiner als ich, das glich sie mit hohen Absätzen aus; dann besorgte sie sich noch Handschuhe bis zu den Ohren, und abends gingen wir auf das Fest.

A. und ich nahmen bald getrennte Wege, aber für ihr Kleid bekamen wir beide Komplimente. Spät am Abend sah ich sie, wie sie mit hochrotem Kopf in Richtung Bad stürzte. Erst am nächsten Tag erfuhr ich, daß sie Salatsoße verschüttet und sich von oben bis unten bekleckert hatte.

Mit einem „Sorry!“ bekam ich das Kleid von A. zurück. Die Flecken hatte sie halbwegs herausbekommen, doch der Samt, ein nachtragendes Gewebe, der war hin.

Ich behielt das Kleid noch eine Weile im Schrank, nur: keine Reinigung half, und Stoff für eine neue Vorderseite war nicht mehr zu bekommen; irgendwann muß ich es doch weggetan haben, sicher schweren Herzens. Andererseits brauchte ich es doch wirklich nicht, und heute kann ich staunenden Zuhörern erzählen: wißt ihr, ich hatte mal ein Abendkleid, oh ja, fußlang aus Samt, in Fieberrot. Echt wahr.

 

 

 

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18 Kommentare leave one →
  1. 28. Januar 2016 12:40

    In einem Roman meiner Lieblingsschriftstellerin gibt es eine Szene, wo ein Schmied seiner heimlich Angebeteten ein Kleid kauft; in der Werkstatt einen Hammer nimmt; und mit einem Schlag aufs Kleid dem Stoff eine Prägung gibt, einen dunklen, transparenten Fleck. Die Beschenkte ist hin und weg über das Geschenk. Zu dem Fleck fragt sie nur, ob das so gehöre? Und ist zufrieden, als der Schmied antwortet, doch doch, das Kleid sei eben so, das habe er schon so gekauft.

    • 28. Januar 2016 12:48

      Ist das schön! Einen Fleck mit einer solchen Geschichte hätte ich wohl auch getragen; aber die Sache lag hier anders. Das Kleid war tatsächlich ruiniert; der Fleck war prosaisch, ohne Bedacht, ohne Freude.

  2. 28. Januar 2016 13:28

    Fieberrot – was mag das sein? Scharlachrot?

    • 28. Januar 2016 13:58

      Eindeutig zu rot für die damals eher bräunlich-beigen Zeiten.

    • 28. Januar 2016 14:26

      „… und bin so schlau als wie zuvor!“ :-( Die Zeiten habe ich wohl erlebt, aber keine modischen/farblichen Erinnerungen, da völlig textilunaffin. Gibt es das, unaffin? Na ja, jetzt schon. ;-) Abendkleider in bräunlich-beige kann ich Modemuffel mir gar nicht vorstellen.

    • 28. Januar 2016 14:33

      Unaffin. Das nehme ich gleich mal in den aktiven Wortschatz. .)
      Also, das Kleid war in meiner Jugend so unmodern, daß es fast schon wieder ein Aufreger war. Man trug so Dallas/Denver-Gebläsekunststoff in Pastell, da war A-Linie in einer reinen Farbe wirklich nicht angesagt. Ich mochte es schon sehr, das Kleid …

    • 28. Januar 2016 17:40

      Du setzt voraus, dass ich einen Fernseher habe bzw. hatte. Falsch. Doch, ich habe ein paar wenige Folgen von Dallas/Denver gesehen (in Schwarzweiß) , aber für Mode/Klamotten habe ich überhaupt keinen Blick. Interessiert mich schlicht nicht. Es ist eine Qual, wenn ich Klamottenbeschreibungen übersetzen muss. Unaffin, aber so was von! A-Linie kenne ich rein zufällig. Was angesagt ist, war mir schon immer egal.

    • 29. Januar 2016 9:28

      Hihi. Ich habe mir mein Fernseh-Wissen mühselig im Internet angelesen (und staune, wie viele Fernsehunaffine es doch gibt …). Ich gucke mir gern Kleidung an, wie ich Kunst gucke; mit Modezeitschriften (und allem, was dazugehört) kann man mich allerdings jagen.

    • 29. Januar 2016 13:24

      Ja, jetzt gibt es zum Glück das Internet mit ausführlichen Episodenführern (oder wie das heißt) und alten Filmen. Vorher musste ich beim Recherchieren immer Leute finden, die sich mit so was auskannten. Und die Bildersuche im Netz hilft auch enorm. Aber mich ärgert, dass ich mich gegen meinen Willen mit Trivia befassen muss, die mich einfach nur anöden. Und was Mode betrifft – mir wäre es gleichgültig, im Mao-Anzug, Kartoffelsack oder Bärenfell rumtigern zu müssen. Vielleicht ja auch nur, weil ich es nicht MUSS. Und ich weiß immer noch nicht, wie ich mir dieses Fieberrot vorzustellen habe. DAS interessiert mich nämlich, Textilien sind doch nur angeblich schmückendes Beiwerk.

  3. 29. Januar 2016 9:23

    du hast das rote, bodenlange, sündhaft teure, spitzenkleid aus meinem kleiderschrank gezaubert. mutti trug es zu irgendeiner hochzeit vor fast 50 jahren. sie hat es mir vor 35 jahren geschenkt. ich trug es niemals öffentlich. gestern abend habe ich es sofort nach dem lesen deiner zauberhaften geschichte aus dem schrank gekramt und angezogen. passt noch. tatsächlich.
    ich war für die ganze nacht eingehüllt in geborgenheit, schöne erinnerungen. und ich bin sicher, mutti hat von oben gelächelt. :D
    liebe grüße und danke für deine schöne geschichte

  4. 29. Januar 2016 10:21

    Herzlichen Dank für den Beitrag zum Kleider-machen-Leute-Projekt. Zwar schade um das Kleid, aber so ist das eben. Alles ist vergänglich, nichts unverwüstlich.
    Ich finde übrigens, dass Du nette Kommentatoren hast; die machen die Geschichte beinahe noch interessanter.

    • 29. Januar 2016 10:26

      Besten Dank! Oh, auf meine Kommentarspalte halte ich große Stücke, die führt aufs angenehmste auf Abwege; die möchte ich manchmal rahmen und an die Wand hängen.
      Außerdem stelle ich fest, daß es schwierig ist, aufzuhören mit den Kleidern. Oder mit dem Alphabet. Eine wirklich herrliche Aktion, vielen Dank für diese Idee!

  5. 29. Januar 2016 17:16

    „fieberrot“ ist ein mir unbekanntes Farbadjektiv und wirft die Frage auf, ob die männlichen Betrachter des Abendkleids gleich in Hitze geraten und fahrig, fiebrig werden oder ob es umgekehrt die Trägerin betrifft. Samt kann ja ziemlich warm sein. Egal, „fieberrot“ ist eine schöne Erfindung, erinnert mich an „Drommetenrot“, das der geniale Leo Perutz für seinen Roman „Der Meister des jüngsten Tages“ erfunden hat.
    Eine Frage zum Geschehen, wieso hast du das Abendkleid verliehen, wenn du doch selbst auf der gleichen Veranstaltung warst? Hattest du ein weiteres Abendkleid?

    • 29. Januar 2016 17:35

      Zum Fieberrot schweige ich lieber, aber die letztere ist eine gute Frage. Ein Abendkleid hätte ich damals nicht in der Öffentlichkeit angezogen — nicht der Typ. Das heißt, doch, einmal als ganz junges Ding trug ich es auf dem Schulball, da wurde ich vollkommen anders behandelt; das hat mich von Abendkleidern kuriert, und von Bällen gleich dazu. (Leo Perutz. Muß ich wohl auch mal. Danke.)

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