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Mit Flügeln

17. Mai 2015

Nicht so weit, meint Herr G. und hat seine Gründe dafür, und er weiß ein handliches, hübsches Ziel: die Feldkapelle bei Wachendorf.

Eine Landmarke in der Eifel: die Bruder-Klaus-Kapelle.

Landmarke in der Eifel: die Bruder-Klaus-Kapelle.

Ordentlich Zug muß man fahren, tief in die Eifel hinein, und da ist sie schon, die Natur samt ihrer Grausamkeit: Auf dem Bahnsteig plustert sich ein Mönchsgrasmückenbub gegen all die Schuhe. Fliegen kann er noch nicht. Ein Reisender setzt den Jungvogel etwas beiseite, doch schon kommt ein Rollkoffer, haarscharf das Ganze, nicht anzusehen — und so nimmt Herr G. den Kleinen an sich und trägt ihn behutsam aus dem Schußfeld, unter dem Gezeter der Altvögel. Passieren ja schlimme Dinge, wie man liest.

Die Eifel dann: eine Augenweide. Sattgrüne Hügel, lichter Wald und Gebüschinseln in den Äckern; hier blüht noch, was im Tal längst Fruchtansätze trägt. Darüber ein Postkartenhimmel mit Federwolken, der ganze Tag wie frisch gewaschen — da reichen die Gedanken leicht mal bis ans Meer. Wir aber haben ja ein Ausflugsziel.

Die Kapelle ist zu neu für unsere Karten, doch läßt sie sich auch freihändig finden: ein karger Turm, ein falber Splitter ragt da in der Landschaft, entzieht sich aller Einschätzung, was Größe und Entfernung betrifft. Ein fünfeckiger Bau, aus grobem Beton geschichtet und faustgroß durchlöchert. Einziges Zeichen von Gastfreundlichkeit: die Bank um den Gebäudesockel, auf der bunte Menschen rasten. Die Tür ist eine glatte Stahlplatte, dreieckig mit nach oben gezogener Spitze. Man muß einzeln hindurchschlüpfen.

Innen umfängt die Besucher stille Dunkelheit, wie zwischen zwei zusammengelegten Händen. Die Wände sind gerippt von den Baumstämmen, um die sie gegossen wurden; Glastropfen verschließen die Löcher im Beton, und sie strahlen von gebündeltem Sonnenlicht. Schaut man nach unten, fließt der Boden wie erstarrte Lava. In der Mitte steht Wasser. Schaut man hoch, scheint oben blau der Himmel: diese Kapelle hat kein anderes Dach.

Einen Stand für Kerzen gibt es hier, eine Holzbank und ein Heiligenbild. Zwischen den Ausflüglern und Architekturbegeisterten kommen Leute herein und beten. Alle sind sie angerührt von diesem Ort, der es kunstvoll-kunstlos schafft, außerordentlich zu sein.

Als wir wieder nach draußen treten, blendet der Sommer und ist laut, und die Luft scheint es so eilig zu haben. Um die Kapelle herum mähen zwei Traktoren die Wiesen und schaufeln das Gras in Bahnen. Das dröhnende Treiben am Boden hat stille Schatten am Himmel: lautlos steigen, fallen und kreisen drei, vier Rotmilane um die Landmaschinen, die Flügel mit der weißen Zeichnung weit gespannt, raubvogeläugig nach vertriebenen Mäusen.

wd-vogel wd-gartenhaus wd-scheunendach wd-feldkapelle wd-butterblumen

Auf der Rückreise ist am Bahnhof von der kleinen Mönchsgrasmücke nichts zu sehen. Hoffentlich hat sie’s geschafft.

 

 

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6 Kommentare leave one →
  1. 17. Mai 2015 12:17

    Zeit, *meinen* Bruder Klaus mal auszupacken, über den ich in der Schweiz an einem Tag gleich zwei Mal gestolpert bin, in Rapperswil und Luzern. Was sucht der denn bloß in der Eifel? Na, ich werds eruieren.

    • 18. Mai 2015 6:55

      Ja, ein Schweizer Heiliger; und der Patron der Katholischen Landvolkbewegung. Deretwegen haben ihm die Stifter die Kapelle geweiht.

    • 18. Mai 2015 16:34

      Bis ich die Skulptur dieses Patrons in dessen originalem härenen Gewand bestaunen durfte, war „Bruder Klaus“ für mich der aus dem (welchem?) Schlager: „… grüß deinen Bruder Klaus und euer ganzes Haus!“ War das vielleicht aus „Hallo, wie geht es Robert?“ Gesungen von Dingenskirchen. Seltsame Erinnerungsfetzen, aber ich kann nichts dafür. Zu viel Radio gehört.

    • 18. Mai 2015 19:07

      Argh. Ich bitte ausdrücklich nicht um Links und nähere Informationen; das habe ich mal unvorsichtigerweise bei „Fritz, der kleine Traktorist“ gemacht. Klingt nach schrecklichem, schrecklichem Ohrwurm.

    • 18. Mai 2015 20:15

      Ach so, Trakto-! Spontan habe ich Terro- gelesen.

    • 18. Mai 2015 21:33

      .))))

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