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Geschenkt

20. Mai 2015

Eigentlich wollte ich einen Text zu „Fassade“ schreiben, aber mir kommen immer wieder Dinge dazwischen. Arbeit, Erledigungen. Und dann der Streik bei der Bahn.

Es ist nicht so, daß ich gar nicht betroffen wäre. Ich werde eine kleine Reise nicht antreten, das Meer nicht sehen, keine lieben Menschen wiedertreffen. Dennoch halte ich den Streik für richtig (schon was die Bahn AG es sich kosten läßt, die Forderungen der GDL abzuwehren, spricht dafür, daß er nötig ist) — aber darüber wurde und wird wahrhaftig genug geschrieben.

Für mich, ohne Auto, bedeutet ein Bahnstreik: massive Einschränkung meines Radius. Das heißt, ich muß Termine verlegen oder, wo ich sie nicht verlegen kann, viel Zeit für die Reise veranschlagen. Vorsichtshalber nehme ich zwei Bücher mit, und die Zeitung schaffe ich meist auch noch. Manchmal muß ich sagen: ich versuch’s, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Umgekehrt erwarte ich auch keine Pünktlichkeit, keine Lieferung innerhalb 24 Stunden. Und wenn’s nicht klappt, nun, dann wird sich eine andere Möglichkeit finden.

Nun arbeite ich in Bereichen, die nicht lebenswichtig sind; Termindruck wird da oft künstlich hergestellt und übertrieben. Überhaupt fällt mir auf: wir werden immer mehr auf instant gratification getrimmt. Sofort bestellt, am nächsten Tag nach Hause geliefert (hinter die erste abschließbare Tür) — drunter machen wir’s nicht. Schnell, billig, bequem. Den Belohnungsaufschub verlernen wir dabei zunehmend — und geben einen Teil unserer Autonomie dahin.

Insofern nehme ich die Verzögerungen und Einschränkungen als Geschenk, ein Geschenk der Langsamkeit, der Ideen. Statt der geplanten Reise werde ich rausgehen, zu Fuß, und meine nähere Umgebung erkunden. Ich freue mich schon sehr darauf.

 

Nachtrag: Nun also doch nicht, bzw. doch: gereist wird. Und die nähere Umgebung, na, die läuft ja nicht weg.

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23 Kommentare leave one →
  1. 20. Mai 2015 10:49

    Da ist viel Bedenkenswertes drin. Und das Geschenk das Beste, was man aus und in einer solchen Situation tun kann. Das ist schon die schlichte Kunst des Lebens! Sie erinnert mich auch an manches, was ich in einem Buch über „Slow Travel“ gelesen habe. (Darf ich? https://zeilentiger.wordpress.com/2013/09/15/auf-du-und-du-mit-kairos-dan-kieran-slow-travel-die-kunst-des-reisens/) P.S. Gestern hielt ich einen Vortrag über „Slow Publishing“.

    • 20. Mai 2015 10:57

      Danke für den Link! Das Buch war mir schon über den Weg gelaufen; nun weiß ich mehr. „Slow Publishing“, das hätte mich interessiert. Kriegen wir darüber auch noch was zu lesen?

  2. 20. Mai 2015 10:53

    Was ist „Fassade“- oder wolltest du so allgemein zu diesem Wort was schreiben?
    Gut, dass du wohl in einer Sparte arbeitest, wo kein überaus drückender Druck herrscht.
    Und das Zufußgehen erdet mehr und obenrum lüftet es!

    • 20. Mai 2015 11:05

      Fassade: ach, mehr Schreibaufgaben. (Manchmal mag ich so was ja.) Kommt noch.
      Und zum drückenden Druck: Mein erster Chef pflegte seine To-do-Liste mit Nummern zu versehen. 1: gleich erledigen, 2: diese Woche erledigen, 3: bald erledigen. Und dann strich er alle Dreien aus. Und es stimmte, meist fiel es gar nicht auf; und wenn doch, dann kam die Sache eben wieder auf die Liste. So kaltblütig, dachte ich damals, will ich auch mal sein.
      Erdung wie Lüftung werden gern genommen!

  3. 20. Mai 2015 11:29

    Schöner Blick auf die Streiks. Meine Position sieht da anders aus. Der Streik wird auf Kosten der Privatleute und Geschäftsleute ausgetragen. Die Bahn spricht von Verlusten aber wer zahlt für die zu spät kommenden Angestellten in Betrieben oder kleinen Büros, wer für die verlorene Lebenszeit der anreisenden Beschäftigten, (z.B. kenne ich einen Maler der um 4.20 Uhr zuhause losfährt um mit verschiedenen Fahrtricks bis 7.00 Uhr auf der Baustelle ist). Wenn diese Millionen von Euros der Bahn und der GDL aufgeteilt berechnet werden würden käme die Einigung ganz schnell….

    • 20. Mai 2015 11:59

      Wie gesagt, ich bin froh, daß ich einige praktische Probleme nicht habe; mich beeindruckt sehr, wie alles geht. Mit Abstrichen, mit Verzögerungen, mit Umwegen, aber die Welt — noch ist sie nicht untergegangen.

    • 20. Mai 2015 12:01

      Nee Untergang wegen der Lokführer? Morgen fahren die Züge und Autos ohne Fahrer…., mit einem App natürlich (haha)

    • 20. Mai 2015 12:06

      Nun, Apps brauchen keine Pausen und haben keine Familie, um die sie sich trotz Schichtdienst kümmern müssen — insofern wäre das eine Verbesserung. Die allerdings einige weitere nach sich ziehen müßte …

  4. 20. Mai 2015 11:31

    Ob die Angestellten dieses Chefs auch so hätten verfahren dürfen? Kaltblütigkeit muß man sich erst einmal leisten können. Viele Lohnsklaven können das nicht. Und spazierengehen, weil die Bahn streikt, ist für diese Menschen meist auch keine Lösung.

    • 20. Mai 2015 12:01

      Jener Chef war, nun ja, Beamter. (Der einen verdammt guten Job gemacht hat.)
      Und: Spazierengehen statt Fernreisen, das würde ich doch gern mal sehen. (Heimarbeit statt Büro geht vielleicht auch mal; und wenn dann nur noch die Hand-Werker vor Ort sein müssen, drängt sich’s vielleicht nicht so auf den Straßen?)

  5. 20. Mai 2015 12:49

    Ich kann viele Seiten sehen und verstehen, am wenigsten die der Deutschen Bahn AG, die den schwarzen Peter an die GDL abschiebt. Ja, der Streik geht auf Kosten anderer, aber wenn er das nicht würde, wäre er ja sinnlos. Zu versuchen, etwas Positives aus dem Ärgernis zu ziehen ist immer eine der besseren Herangehensweisen, wie ich finde.

    • 20. Mai 2015 13:02

      Was nützt auch Schimpfen?
      Ich wundere mich vor allem über die Berichterstattung, die im Gewerkschaftsführer die Wurzel allen Übels lokalisiert; der Mann ist nicht der Alleinentscheider, sondern der, der sein Gesicht in die Kamera hält. (Kein Job, den ich haben wollte.)

  6. 20. Mai 2015 17:28

    „Ist fatal!“ bemerkte Schlich.
    „Hehe! Aber nicht für mich.“

    • 20. Mai 2015 18:08

      Nun, wer zuletzt lacht, und so; aber in diesem Fall weiß ich wirklich nicht, wer das letzte Lachen haben wird. Watschen können andere besser (ist aus der letzten Streikperiode, aber).

  7. 20. Mai 2015 19:23

    Insgeheim freue ich mich über die freien Pfingsttage, an denen ich jetzt nicht verreisen muss.

  8. 20. Mai 2015 20:55

    Da steckt viel Weisheit drin, in deinen Gedanken. Vor allem der Verlust von Autonomie, der mit der Allmach(t)barkeit einher geht, ja, genau. Wir glauben, wir haben mehr, in Wirklichkeit haben wir weniger, weil wir immer abhängiger werden.
    Danke für deine Gedankeninputs!

    Fassaden passt da ziemlich gut als Überbegriff, finde ich.

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