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Erinnerungsfäden: Mein heiliges Hemd

27. Juni 2010

Textile Erinnerung Hemd

Vor seiner Existenz als Hemd diente es Jahre als Bettlaken, bis die Zeiten besser und die Matratzen zu groß wurden. Dann lag es im Schrank, auf dem Stapel »kann man vielleicht noch mal brauchen«.

1988 dann war Kinderkirchentag. Meine Kleinen sollten mit einem nächtlichen Himmel auftreten, komplett mit Mond und Sternen. Delegieren hatte ich noch nicht gelernt, durchwühlte darum daheim die Schränke und okkupierte tagelang die Waschmaschine. Überall ums Haus herum trocknete Gefärbtes. Nur war das Blau nicht richtig oder die Dosierung falsch — das Leinen wurde nicht tiefdunkel und samtig, sondern höchstens ein dunstiger Sommerhimmel. So kam es Erntedank auf den Altar; da machte es sich gut zu Rainfarn und Hagebuttendolden.

Dann lag das Tuch, hellblau, wieder im Schrank, bis ich die Solinger Schneiderschere nahm, lernte, intaktem Stoff Schnitte zuzufügen und etwas Neues damit anzufangen. Reihen, säumen, bügeln, Knöpfe dran: meine erste Näharbeit vielleicht, Männermodell und viel zu groß, wie alles damals. Ich trug das Ergebnis und alle seine Fehler mit Stolz. In der Wäsche hieß es »das heilige Hemd«, wegen seiner kirchlichen Vergangenheit.

Leinenhemd

Mittlerweile ist es fadenscheinig, vor allem an den Ärmelkanten und da, wo der Rucksack aufliegt. Eigentlich kann man es nicht mehr anziehen, aber auf Reisen begleitet es mich trotzdem immer wieder, als ein guter Zauber.

Aus dem Dialog zur Textilen Erinnerung wurde dieses Stöckchen. Ich werfe nicht besonders gut, deshalb lege ich es hier hin und lade jede / jeden ein, es sich zu nehmen: Welches Kleidungsstück bleibt zur Erinnerung in deinem Schrank?

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16 Kommentare leave one →
  1. 27. Juni 2010 15:16

    Als erstes fällt mir die alte grüne Strickjacke von Ephraim Kishon ein, die die beste Ehefrau von allen immer wieder klammheimlich wegzuwerfen versuchte. Sie wurde aber eben so oft wieder gefunden …

    Solche Lieblingsstücke habe ich natürlich auch, die will ich hier aber nicht beschreiben. Ich hab was viel Schwachsinnigeres aufbewahrt, nämlich Kleidungsstücke, die längst viel zu klein geworden sind – um nicht zu sagen: in die ich schlicht nicht mehr ‚reinpasse.

    Darunter ist eine knielange seidene Hemdbluse, mit großen Karos in verschiedenen kühlen, kräftigen grün- und blau-Tönen. Sie schimmert wunderbar und sieht einfach schön aus.

    Auch meine Abbaya – mein Hijab – meinen Tschador – meine Burqua werfe ich nicht weg. Ich war oft in arabischenLändern unterwegs, dort habe ich sie gekauft und getragen. Damit sind so viele angenehme Erinnerungen verbunden, daß mir das Herz bräche, müßte ich mich von ihr trennen.

    Mein aller- allerliebstes Teil ist aber meine ‚Schlafdecke‘, und sie paßt noch: Ein mehr als 20 Jahre alter beiger langärmeliger Rundhals-Kaschmirpullover, den ich einmal für einen Freund gekauft habe. Der war Gott sei Dank größer und breiter als ich, aber er mochte die Farbe nicht. Also habe ich das teure Stück adoptiert, durch die ganze Welt mitgeschleppt, es als Kopfkissen, Decke, Kompresse, Sonnenschutz, Handtuch, Kopfbedeckung, Lendenschurz, Dreiecktuch für einen verletzten Arm, Fußwärmer, Wärmflaschenhülle und was weiß ich alles benutzt. Anziehen kann man ihn übrigens auch, zum Wärmen in kühlen Sommernächten auf Schiffschaukeln zum Beispiel …
    Er ist noch makellos und wird nur mit feinstem Feinwaschmittel gewaschen (in einer Kissenhülle in der Waschmaschine, Kaschmir kann das), damit er noch gaaanz lange hält. Mit den Jahren hat er den Duft meines Lieblingsparfums, 1000 von Patou, angenommen und ist ein Stück Zuhause und ein Stück von mir.

  2. 27. Juni 2010 15:52

    *hmm* Diese Kleidungsstücke habe ich letztes Jahr beim großen Umzug alle komplett entsorgt…

  3. 27. Juni 2010 19:42

    Was für schöne Stücke, vera! Kleidung, in der man wohnen kann, ist mir auch die liebste. Lang lebe Dein Kaschmirpulli!

    Ich staune, Wortman. Bei mir hat das sicher schon zehn Umzüge lang nicht funktioniert.

    • 27. Juni 2010 20:27

      Dieser eine Umzug ging über 720 km ;) Da musste jeglicher Ballast weg, damit es nicht zu teuer wurde. Der Umzug war so schon teuer genug… :(

  4. meme permalink
    28. Juni 2010 11:52

    Wohnpullover, knielange Blusen – ich liebe schon den Gedanken daran – wohingegen mir die aktuell körperbetonte, hüft-befreiende Mode außerordentlich suspekt ist. Ganz oft rekrutiere ich „meine Mode“ daher aus den Herrenabteilungen diverser Modehäuser. Schon während meiner „Bayernzeit“ vor über 40 Jahren habe ich damit angefangen. Ein wunderbar weiches rotkariertes Herrenhemd – holzfäller- und bergsteigergeeignet – habe ich noch viele Jahre aufgehoben, bevor es letztendlich als perfekter Putzlappen endete.

    Was ich aber noch heute liebend gern trage, ist ein altes Leinenoberhemd in Riesengröße. Ich weiß nicht mal mehr genau, ob ich es aus dem Fundus der Familie oder dem Fundus eines Altkleidershops habe. Es hat eine zart hellblaugraue unregelmäßig strukturierte Beschaffenheit und einen Kragen, den kein Knopf beengt. Kühl und luftig – pur auf nackter Haut oder ergänzend zu Shirt und Top – perfekt für jede Lebenslage ist dieses wunderbare Teil, das ich ganz sicher bis an mein Lebensende tragen werde.

    Natürlich trage ich auch manchmal Seriöseres, um nicht zu sagen „Bünzliges“, wie meine Schweizer Qype-Freunde die Mode mal genannt haben, als ich eine „Vögele“ Filialeröffnung beschrieb (und sie haben Recht, in der Tat). Gar nicht „bünzlig“ ist ein Teil, dass ich schon mehrmals für Ebay-Verkäufe in’s Auge gefasst hatte, hängend auf dem Ständer zur Foto-Dokumentation. Wie von selbst ist es immer wieder im Kleiderschrank verschwunden – ein dreiteiliges Kleid von Betty-Barclay, gekauft vor über 30 Jahren zur Taufe meines Ältesten. Midi – Maxi, irgendwo dazwischen die Länge des schwarzen unglaublich bequemen Faltenrocks, darüber eine minikleidlange cremefarbene Bluse im klassischen Hemdblusenstil mit kühn designtem schwarz-grünen Muster – darunter ein grünseidenes Top. Der zugehörige Gürtel schließt mit schlichter Goldschnalle, die ein Glitzerstein ziert. Ich habe das Teil über alle Größen hinweg geliebt, bis auf den Rock aber kaum getragen – warum auch immer. Gerade eben habe ich es wieder in den Schrank gehängt – die Pfunde schmelzen, vielleicht könnte ich ja die Bluse ………

  5. meme permalink
    29. Juni 2010 12:08

    „Von Höcksken op Stöcksken“ – noch’n Stöckchen.

    Vom Bettlaken zum Hemd – perfekt in Szene gesetzt übrigens – das gibt’s bei mir andersrum. Kreativ, mit viel Zeit und Muße – das war ich mal als junge Hausfrau und Mutter. Sparen lag mir als Westfälin im Blut, wohin also mit den farbenfrohen Hemden meines Angetrauten aus schlankeren Zeiten?

    Kennt Ihr „Fritzchen“? – „Fritzchen“ nannte man in Köln die kleinen Knuddelkissen, die man im Krankenhaus zusätzlich zum Kopfkissen bekommt, um seine ganz persönliche Wohlfühllage zu gestalten. Ausgebildet in einem Kölner Krankenhaus habe ich diese feine Sache natürlich sofort für’s heimische Bett übernommen – an passende Bezüge war damals nicht ganz so leicht heranzukommen.

    Was lag also näher, als diese herrlich bunten, kühn bis wild, oder auch mal ganz dezent mit Streifen gemusterten Hemden für diesen Zweck zu nutzen. Durchweg ziemlich tailliert geschnitten, passten sie dem gestandenen Familienvater nicht mehr ins Konzept, noch um den Bauch ;-)

    Mit manchem nähtechnischen Kunstgriff reichte der Stoff aber immer für einen Fritzchen-Bezug – herrlich pflege- und bügelleicht – genau wie die Hemden aus der Werbung.

    Heute sind üppiger Federpfuhl und kuscheliges Fritzchen längst der orthopädischen Altersausstattung mit festem Nackenkissen gewichen. Die Bezüge sind noch da – Erinnerungen an eine lange Zeit der Gemeinsamkeit.

    • 29. Juni 2010 21:23

      Meme, ich wünschte, Du hättest ein Blog. Dann müßte ich mir die famosen Kissenbezüge nicht vorstellen, sondern könnte sie mir anschauen.

      Ein guter Name für Dein Blog wäre übrigens „Von Höcksken op Stöcksken“! :)

  6. 29. Juni 2010 23:47

    @lakritze, gute Idee für @meme (ist dabei an Mémé gedacht?).
    Menschen sollen endlich aufhören zu denken, ein Blog müsse man jeden Tag schreiben. Ein guter Beitrag ersetzt viele mittelmäßige – weiß ich, weil ich wegen Fuß doofe Tabletten essen muß, die schrecklich müde machen und Konzentrationsschwäche verursachen. Übel.

    Trau Dich, meme. Hilfe biete ich gern an, lakritze sicher auch :)

    Fritzchenbezüge, witzig: ich habe auch noch zwei aus alten vornehmen van Laack-Streifenhemden, eines hellblau und eines bordeauxrot gestreift. Von mir mit Knopfleisten versehen, machen sie einen sehr distinguierten Eindruck, und ein englisches Landhausbett müßte sich ihrer nicht schämen.
    Schade, daß Kinder heute nicht mehr nähen lernen (kochen auch nicht – noch schlimmer).

    Ich liebe die Stöckchen.

  7. meme permalink
    1. Juli 2010 12:11

    @opalkatze – Du meinst nicht diese Mémé ??

    Ganz so weit ist es noch nicht, und auch mit diesen http://www.bertramkoehler.de/memetik.htm habe ich nichts zu tun – leider. Es sind ganz einfach meine Initialen, die ich für Buchführungsübungen auf die Schnelle gewählt habe – und dann bin ich drauf hängen geblieben.

    Verführerischer Gedanke – ein eigenes Blog – und der Name wäre tatsächlich Programm. „Von Höcksken op Stöcksen“ bedeutet hier so ungefähr vom „Hundertsten ins Tausende kommen“, Gedankensprünge, Assoziationen. Und das liegt mir – deshalb finde ich die Stöckchenidee auch so gut.

    Wer weiß – irgendwann vielleicht habe ich mehr Zeit (spätestens dann, wenn Qype endgültig den Bogen überspannt ;-)) – Ihr seid die Ersten, die ich dann um Hilfe bitten werde bei der Einrichtung eines eigenen Blogs. Danke für das Angebot :)

  8. walterlenz permalink
    20. Juli 2010 13:11

    Heiliger Bimbam! Was für ein schönes Thema. Ich bin total gespannt auf memes „Von Höcksken op Stöcksken“.

  9. 5. Februar 2016 10:18

    Kompliment: Du hast also schon vor zig Jahren das betrieben, was heute der letzte Schrei und unter der Bezeichnung Upcycling bekannt ist.
    Vielen Dank für Deinen schönen Text für das Kleider-machen-Leute-Projekt.

    • 5. Februar 2016 10:41

      Und ich habe es nicht mal erfunden –! Außerdem geht die Geschichte noch weiter — man kann ja aus allem noch etwas machen, wenn es nichts mehr ist. .)

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