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Zum Meer

29. Juni 2018
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Bei Geschichten und Meer hingefunden; Abzweigung einer Blogparade zu Europa und das Meer:

Rinnsale streben in Bäche, Bäche in Flüsse, Flüsse in Ströme. Ich könnte einem beliebigen Wasserlauf folgen und käme früher oder später ans Meer. Das hat mir immer schon gefallen, das Meer als Ziel. Klare Farben, klare Verhältnisse: unten Wasser, oben Himmel, mit denkwürdigen Ausnahmen.

Stunden schaue ich dem Licht zu, den Wolken und den Farben. Wer am Meer steht, steht vor der Frage: Und nun? Was gibt es noch Fremderes, und wie komme ich da hin? Nirgends ist Wetter schöner und nirgends gefährlicher als hier; Sonne, Wind und Salz zermürben, was sich nicht immerzu erneuern kann. Am Meer ist alles klein, nur Himmel und Wasser nicht. Ich Zweibeiner und Lungenatmer bin ihm ganz und gar egal, es hat ja nicht mal Augen, um mich zu betrachten. Die Liebe zum Meer ist eine einseitige.

Das Meer trägt, ernährt, bezaubert uns. Wir hielten es einst für unendlich und noch bis vor kurzem für unerschöpflich und unverwundbar; das alles ist es, wissen wir inzwischen, nicht. Es hat nicht Fisch für alle, schenkt sein Öl nicht her, schluckt nicht jeden Müll. Es ist bereist und besungen, vermessen, beschrieben und kartiert. Grenzen hingegen sind dem Meer gleich. Menschen haben auch auf See Hoheitsgebiete abgesteckt, und Menschen scheitern an ihnen. Dem Wasser selbst sieht man das nicht an; nur die Toten, die legt es uns an die Strände.

Von der Wasserfläche können wir es lesen: Alles kommt und geht, nichts hat Bestand und nur weniges Gewicht, was wir nicht in uns tragen. Es gibt keine Barmherzigkeit in der Welt als die kleine, alltägliche, die wir zu verschenken haben, und das können wir, weil wir nicht gleichgültig, nicht ewig, sondern weil wir Menschen sind.

 

Alle Flüsse fließen ins Meer. Alles Wasser fließt hinab, hinab bis Normalnull, bis es irgendeins der sieben Weltmeere erreicht; aus Menschensicht strömt es immerzu fort von der Mitte, wie ein umgekehrter Blutkreislauf, dessen Motor und Bestimmung nicht im Zentrum des Ganzen liegt, sondern es rings umgibt.

 

 

 

16 Kommentare leave one →
  1. 29. Juni 2018 11:09

    Ein schöner Text, den ich in allen Details nachvollziehen kann

  2. 29. Juni 2018 11:11

    Ein weiser, feiner, berührender und so wahrer Text.
    Das Meer ist Lehrerin, denen die es sehen können.

    • 1. Juli 2018 7:58

      Es gibt ja wenig in der Geographie, was wir so als Wesen wahrnehmen.

  3. 29. Juni 2018 17:08

    Schönen Dank für Ihren Text. Dazu klingt im Hintergrund Charles Trenet – La Mer.
    Sommerliche Grüsse vom anderen Ufer

    • 1. Juli 2018 7:59

      Flüsse sind ja schon ein Vorgeschmack. Insofern: Hinübergrüße!

  4. 1. Juli 2018 7:57

    Statt Pingback: Hier die Meer-Geschichte von liuea. Manchmal ist Ebbe, manchmal kann man sie lesen.

    • Liuea permalink
      3. Juli 2018 8:34

      Danke. Ich bin mir so unsicher ob er was taugt. Kann nur irgendwie nicht mit dem Schreiben aufhören.

      Ihr Text ist großartig!

    • 4. Juli 2018 11:33

      Ich würde ja sagen, 50% der Qualität eines Textes machen die Leser; insofern läßt sich die Frage, ob ein Text was taugt, immer nur halb beantworten. Bitte, bitte weiterschreiben!

  5. 1. Juli 2018 9:52

    Einfach nur schön! Mich freut es sehr, dass wir dich zu diesen Gedanken animieren könnten. Tatsächlich fühle ich mich, ob deiner Wortgewalt in meinem Sprachgebrauch beschränkt und einfallslos, um das zu beschreiben, was du bei mir auslöst.

    Das hier bleibt definitiv haften: „Es gibt keine Barmherzigkeit in der Welt als die kleine, alltägliche, die wir zu verschenken haben, und das können wir, weil wir nicht gleichgültig, nicht ewig, sondern weil wir Menschen sind. “

    Merci!
    LG, Tanja

    • 1. Juli 2018 21:06

      Oh, danke sehr! Ist ja doch etwas off topic.
      Ich mag Museumsblogparaden; Museen lenken den Blick auf ungewohnte Wege.

  6. 2. Juli 2018 21:21

    Toller Text, mit bewegenden und klugen Gedanken. Der sehnsuchtsvolle Blick hinaus aufs Meer ist inzwischen gebrochen, ihm haftet die Tragödien an, die sich auf dem Meer ereignen. Die Unschuld der Sehnsucht steht auf dem Spiel.

    • 4. Juli 2018 11:47

      Danke. So empfinde ich das auch. Natürlich haben sich auf dem Meer schon immer Tragödien abgespielt; die neuen aber, die sind menschengemacht. Das ist das Bittere.

  7. Philipp Elph permalink
    19. Juli 2018 17:20

    Dabei fällt mir ein: „Im Bann des Ozeans“, ein Sachbuch: https://philelph.wordpress.com/2018/04/08/robert-hofrichter-im-bann-des-ozeans/

Trackbacks

  1. Märchenhaftes! Wie das Salz ins Meer kam - #dhmmeer
  2. Verfahren – wie sie mit dem Meer leben ~ Cabinetto

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