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Der Herr Doktor ist gleich da

19. Februar 2012

Natürlich sei es ein Sonntag gewesen, erzählte sie, an dem mit einem »Kracks« die Plombe in der Brotrinde verblieb. Am Montag hätten Telefonate mit mehreren Zahnarztpraxen unterschiedliche Wartezeiten ergeben, und sie habe natürlich die notiert, bei der es hieß: Kommen Sie gleich; ja, jetzt sofort.

Es gibt keine sanfteren Sitzgelegenheiten auf Erden als Zahnarztstühle, und trotzdem ist man darin immer verspannt, mit beschleunigtem Puls und feuchten Händen, während die Zahnarzthelferin um einen herum hantiert und vorbereitet. Und nach ihrem »Der Herr Doktor ist gleich da«, wenn es dann ganz still wird im Behandlungszimmer, da hört man sein Blut rauschen und sagt sich: Wird schon nicht so schlimm. Schonnichsoschlimm. Nichsoschlimm. Nchschlimm. Nchschlimm. Nchschlimm.

Dann sei der Herr Doktor auch schon da gewesen, erzählte sie, die Brille mit eingesetzter Lupe um den Hals, fester Händedruck, und habe gefragt, was es denn gebe. Sie habe die Geschichte erzählt von der Brotrinde, von der Plombe – schon bißchen älter, ja –, und hinzugefügt: Gut, daß ich so schnell drangekommen bin bei Ihnen.

Ja, habe der Herr Doktor gesagt, mit einem langen Blick, habe dann die Brille aufgesetzt und sich seinen Unterlagen zugewandt. Ah. Sie studieren. Physik, habe sie geantwortet, im zehnten Semester. Physik, habe er wiederholt, Physik, und ihr den gebogenen Sauger in den Mundwinkel gehängt. Schön weit aufmachen.

Physik … Dann habe er mit einem Haken in ihrem Gebiß gestochert, und sie habe die Augen zugekniffen in der Erwartung, daß er gleich in den entplombten Krater vorstoßen würde.

Physik, Physik, Physikphysik … Dann kennen Sie Herrn Professor F.?
A-ha, gab sie leicht gurgelnd von sich, zu nicken traute sie sich nicht.
Näher?
A-ha, schließlich schrieb sie bei ihm ihre Diplomarbeit, konnte das aber mit schön weit geöffnetem Mund nicht erläutern.
Dann kennen Sie natürlich auch seine Forschung?
A-haaa — natürlich kannte sie die.
Alle seine Forschung?
Ah?
Ich sage mal (während der Haken oben rechts über den Zahnschmelz schrammte), die, die nicht in der Institutsbibliothek steht. Die über die Strahlung.
Aaaah?
Sie wissen also von nichts? (Haken oben links.) Und meinen Namen haben Sie nie gehört?
Hah?
Ich weiß, ich daß sie über mich reden. Hinter verschlossenen Türen natürlich. Und der Herr Professor, der Herr Professor F., hat die Parole ausgegeben, mich wissenschaftlich auszuschalten. Meine Ergebnisse würden sie brennend interessieren, die Herren Physiker, natürlich. (Der Haken, unten links, bleibt kurz im Zahnfleisch hängen.) Aber ich lasse mich nicht aushorchen (Aaahaaaaaha …) über mein Abschirmungsverfahren (Aaaahaaha!) – und wenn der Herr Professor persönlich auf meinem Behandlungsstuhl säße —

AAAAAAAAARH!!!

Er habe dann, erzählte sie, den Haken aus ihrem Mund genommen, wahrscheinlich vor Überraschung; sie sei unter seinem Arm weggetaucht und habe den Sauger ausgespuckt. Wie sie zur Tür hinaus gekommen sei, wisse sie nicht mehr, aber im gähnend leeren Wartezimmer habe sie ihre Jacke hängen lassen. Die hänge wahrscheinlich noch heute da.

Bei ihrer Kasse habe sie sich beschwert, telefonisch; man werde sich kümmern. Hat man nicht, da ist sie überzeugt; erst neulich – jetzt, wo das Diplom durch ist – habe sie in den Gelben Seiten nachgeschaut, unter »Zahnärzte«, da stehe sein Name, dieselbe Adresse, dieselbe Nummer … Ob sie angerufen habe? Oh. Besser nicht.

 

 

Diesen Text krame ich für das dritte Wort abgrundtief im Projekt *.txt noch einmal hervor.

–> alle meine *.txte

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23 Kommentare leave one →
  1. 19. Februar 2012 22:05

    Besten Dank für die unterhaltsame Sonntag-Abend-Lektüre. Es ist im übrigen stets verdächtig, wenn Zahnarztwartezimmer leer sind. Ich war mal notfallmäßig an einem Feiertag bei einem Dorfzahnarzt, sein Behandlungszimmer war anscheinend auch sein Wohnzimmer. Es war auch nicht schön, weder sein Alkoholproblem, noch, dass ein fachkundigerer Kollege den NACH Verarztung durch den Dorfbader den Zahn komplett entsorgen musste.

    • 19. Februar 2012 22:24

      Argh. Auch so eine Geschichte, bei der ich im Reflex die Kiefer schließe. Ich hoffe, der Dorfbader praktiziert nicht mehr. (In dem Zusammenhang würde man gern »das Handwerk legen« verwenden …)

    • 19. Februar 2012 22:28

      Ich weiß ja nicht, ob Deine Geschichte gut erfunden ist, oder auf Realitäten beruht (diese Abschirmung hat schon echten Charme): Aber meiner Wahrnehmung nach muss ein Arzt sehr viel mehr versemmeln, um für irgend etwas zur Rechenschaft gezogen zu werden. Man sieht es ja auch an den Kunstfehlerprozessen gegen Ärzte: Als Patient hat man nur minimale Chancen, einen solchen Rechtstreit zu gewinnen.

  2. 19. Februar 2012 23:11

    Schönschön!

  3. 6kraska6 permalink
    19. Februar 2012 23:24

    Huh! Frau Lakritze wird gespenstig! Milder Grusel wabert im Hinterkopf, der „Marathon-Mann“ und alles…

  4. 6kraska6 permalink
    19. Februar 2012 23:25

    Nein, warte, es heißt: gespenstisch, oder?

  5. 19. Februar 2012 23:33

    Afra, Dankdank!

    Och, Herr Magister, ich nehme alles. Wie wär’s mit »gespenstiglich« vielleicht?

    (Übrigens, erinnye: nein, nicht erfunden; vor gut 15 Jahren in einer deutschen Universitätsstadt so ähnlich passiert.)

  6. 20. Februar 2012 8:25

    Vln Dnk, Lkrtz,

    und was mach ich jetzt mit meinem anstehenden Termin ?

    • 20. Februar 2012 9:28

      Oh. Hm. Naja, solange Du kein Physiker bist …?

  7. walterlenz permalink
    20. Februar 2012 9:41

    Köstlich geschrieben. Und diese Selbstbeschwörungen: „Nchschlimm. Nchschlimm.“ Und dieser psychopathische Doktor. Und…

    • 20. Februar 2012 9:45

      Ah, ja, wenn ich mich recht erinnere, hast Du da etwas andere Zahnarzterfahrungen. :)

  8. 20. Februar 2012 11:06

    Ganz großartig.Aber weißt Du was? Jetzt sitze ich hier an einem sonnigen Morgen und habe Gänsehaut. Und zum Zahnarzt gehe ich nicht mehr, noch weniger als vorher. Geht gar nicht mehr. Extrem gespensterig.

    • 20. Februar 2012 11:30

      Naja, zu diesem würde ich auch nie wieder gehen. Aber mehr als vier Prozent wahnsinnige Zahnärzte gibt es nicht – das sagt die Normalverteilung. Damit bist Du in der Regel auf der sicheren Seite.

  9. 20. Februar 2012 16:25

    Huh, gut geschrieben, mich gruselt’s!

  10. 20. Februar 2012 17:07

    Ein Alptraum! Ich musste an die berühmte Zahnarztszene im „Marathonmann“ denken, aua ; )

  11. 20. Februar 2012 17:23

    Rotewelt, danke!
    Petra, so schlimm war er nicht. Nicht dämonisch oder auch nur kriminell. Bloß verrückt.

  12. richensa permalink
    20. Februar 2012 18:58

    Na toll, Lakritze, da sind bei einigen der Leser jahrelange, ach was jahrzehntelange Therapiebemühungen zum Teufel! Alte Urängste dräuen an die Oberfläche, keiner geht mehr zum Zahnreißer. Der Beruf wurde übrigens im Mittelalter gerne in aller Öffentlichkeit vom Bader oder mitunter auch vom Metzger des Örtchens erledigt… das erinnert mich gerade an die Entfernung meiner noch nicht dem Kiefer entwachsenen Weisheitszähnlein, damals in Hameln…. brrrrr…..

    • 20. Februar 2012 19:48

      Liebe Lakritze,
      hier muss ich mich richensa anschließen und schwere Vorwürfe gegen die Konfrontation mit der dentalen Realität erheben: GERADE EBEN SO hat es eine beflissene Helferin, die den Hypnoseschein seit einigen Wochen besitzt, geschafft, mich zu einer Extraktion eines minimalistischen Überbleibsel meines oberen Backenzahns zu überreden (vermutlich hatte sich mich heimlich schon hypnotisiert, als ich den Termin für das Ziehen vereinbarte), und dann kommt dieser schlimme Text derart knallhart daher …
      Mir ist schlecht.

    • 20. Februar 2012 19:58

      Och nö, oder? Und ihr werdet mich in fünfzehn Jahren mit Schadensersatzklagen überziehen und mir die Rechnungen für eure Gebisse schicken, weil ich euch allen den Zahnarztbesuch verleidet habe?

      Ich verspreche, der nächste Text wird von irgendwas Erfreulicherem handeln. Und nun geht bitte zu euren jeweiligen Zahnärzten. Und schön weit aufmachen, ja?

  13. 20. Februar 2012 20:42

    So soll es sein, liebe Lakritze (während ich „Lakritze“ schreibe, tut der oben aber schon wieder weh): schreib doch bitte schöne Texte über Ausflüge in die freie Natur, wo keiner einem Böses will. Ansonsten bin ich nicht mal mehr in ZEHN Jahren in der Lage, eine Schadensersatzklage gegen Dich aufpfupfreffen.

    • 20. Februar 2012 22:28

      Oweh. Bis ich mir was Nettes mit Schmetterlingen und Sonnenflecken auf Baumwurzeln o.ä. ausgedacht habe, bitte vorsichtig kauen. Und nicht mal an Lakritze denken –! ,)

  14. 27. Februar 2015 8:56

    herrlicher text! gsd mag ich meinen Zahnarzt. obwohl der auch immer mit mir reden will;-)

    • 27. Februar 2015 17:43

      Danke! .) Wenn Friseure mit ihren Patienten reden, läuft das unter Kundendienst, aber Zahnärzte sollten vielleicht besser Musik laufen lassen …

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