Skip to content

Maiwurm

9. April 2017

So sieht der Maiwurm aus.

Gut drei Zentimeter ist er groß und gar nicht scheu, blauglänzend, Fühler wie ägyptische Zeremonialstäbe aus Perlen: der Schwarzblaue Ölkäfer. Warum er so unbefangen über den Weg spaziert, erfahre ich später – aus seinen Beingelenken kann er bei Bedrohung ein Nervengift absondern, das ihn offenbar vor den meisten Freßfeinden schützt: Cantharidin, auch bekannt als Aphrodisiakum, gewonnen aus der Spanischen Fliege. Beim Menschen kann es Hautblasen und Nekrosen verursachen.

Beim Nachlesen über dieses seltsame Tier staune ich aber weit mehr über seine Freßfeinde. Einige Insekten nutzen sein Gift für die Fortpflanzung, als Lockstoff, der Paarungsbereitschaft signalisiert. Napoleons Soldaten sollen sich in Ägypten mit Froschfleisch vergiftet haben; Fröschen, Igeln und einigen Vögeln schadet das Gift wohl nicht. Und dann gibt es einen Gänsevogel, der gezielt Ölkäfer frißt, ihr Gift anreichert und so für den Menschen ungenießbar wird.

Gescheites Tier.

 

 

Frühlingsspaziergang mit Herrn G. und (innerem) Esel

1. April 2017

So geht das nicht weiter, sagt Herr G., und er meint damit meine Arbeit und mich. Du mußt mal raus, und bald. Na gut, sage ich. Also gehen wir wandern. Im Zug drücke ich die Stirn an die Scheibe: Da! Das blüht ja alles! Oh!, und Herr G. schüttelt den Kopf: Du warst wirklich lange nicht mehr draußen.

Also: gehen, vom Rhein bis an die Mosel, einen Weg, den ich schon kenne, und einen ganzen Tag nicht dran denken, daß es Schreibtische gibt, an die man müssen kann.

Beim Aufstieg (ich bin etwas knapp bei Atem) überlegen wir, was Bettina von Arnim wohl für Schuhwerk hatte? Sicher Lederstiefel, sagt Herr G., genagelt. Ja, und? Ist sie wohl zum Brentano’schen Haus-Schuhmacher gegangen und hat gesagt: diesmal wie mein Bruder? Oder: wie Lisette, die Magd? Vielleicht, meint Herr G., ist sie auch standesgemäß in Knöpfstiefelchen die Hänge am Rhein hochgetrippelt. Mit Absatz. Bettine Brentano war hart im Nehmen.

Oben scheint die Sonne. Schafe, Ziegen und Esel grasen auf der Weide. Ein Esel kommt und läßt sich streicheln. Den stehlen wir, schlage ich vor, der kann das Gepäck tragen; Esel sind kräftig. Herr G. rät ab: Dann müssen wir immerzu diskutieren, wo’s langgeht, und Esel haben meist die stärkeren Argumente. Wir verabschieden uns und gehen; der Esel steht noch lange am Zaun, als wär da wer. Vielleicht will er uns aber auch nur mitteilen, daß wir sooo interessant auch nicht sind.

Über die Autobahn müssen wir, und das geht nur mit zusammengebissenen Zähnen. Sofort fühle ich mich im Nacken gepackt vom Lärm. Wir gehen schnell, bis ein Tal weiter wieder Ruhe ist. Dem Esel gefällt das auch besser, sage ich. Der Wald ist noch licht, und die Buschwindröschen schicken sich an zu blühen. Ist das schön! — Ein Raubvogel!, ruft Herr G. und faßt mich am Arm, aber dann ist es doch nur der Schatten eines Windradrotorblatts. Dafür ziehe ich Herrn G. zur Seite, als der Wind in eine Gruppe Nadelbäume fährt — ich dachte, ein Auto kommt. Raubvögel und Autos, dabei sind wir weder Mäuse noch in einer Stadt – die Fluchtreflexe jedenfalls sitzen.

Waldlicht, frühlingshaft.

Schließlich kommt die Klamm, der Teil des Weges, wo man sich nasse Füße holen kann. Links und rechts gezackter Fels, und darin grünt es zart, die Hänge sind mit Blumen bestreut, weiß, gelb, blau, als hätte das jemand eigens für uns gemacht; es pfeift, flitzt und flattert zwischen den Bäumen, es knospt und blüht — es wäre kitschig, wär es nicht der Frühling. Manchmal teilt der Weg sich mit dem Bach ein Bett. Hoffentlich, sage ich, ist der Esel nicht wasserscheu. Dann wird es auch schon breiter und lieblicher, und wir haben die Mosel erreicht.

Ich schaue auf die Uhr. So schnell waren wir? Trotz Esel? Herr G. merkt an: Deine Uhr steht noch auf Winterzeit, und potzblitz, da hat er recht. Herr G., sage ich, als wir in den Bus steigen, wenn ich dich nicht hätte, wäre ich mit allem eine Stunde zu spät dran. So aber bin ich bloß schlagskaputt und endlich, endlich wieder mal rausgekommen.

Schöne Sachen XLIV

31. März 2017

Esel gucken.

Rand-Rundumradlung

29. März 2017

Was man so alles verpassen kann: Irgendlink war im Fernseh. Wieso die Eifel netter ist als der Westerwald, warum ausgerechnet im März und wo eigentlich die Heimat herkommt: anschauen!

 

 

 

Vorsingen

21. März 2017

Die geschätzte Frau Trippmadam hat eine Episode aus der Schule geschildert: das allseits gefürchtete Vorsingen, dem man, je nach Talent und Einfallsreichtum, mit unterschiedlichen Strategien begegnete, aber kaum je ungeschoren davonkam. Auch im eigenen Erinnerungskeller schlummert eine Vorsing-Geschichte, gut abgehangen.

Die Geschichte beginnt mit dem Besuch des Hauchlobenthaler Kindergartens in der Klasse von Frau B.: So, liebe Kinder, werdet ihr es auch bald haben. Wir Kleinen saßen an den Wänden auf Turnbänken, und vor meinen staunenden Augen fand Musikunterricht statt.

Ein Frühlingslied wurde eingeübt. Der Text erschien an der Wand (Owerhettprojekter), Zeile für Zeile sang Frau B. vor, die Klasse sang im Chor nach, und wer von den Vorschülern wollte, durfte auch. So schön ist’s im Mai, ja, schön ist’s im Mai, so schön, schön ist’s im Mai! In Büschen und Hecken woll’n wir uns verstecken, wer sucht, eins, zwei, drei? So schön ist’s im Mai. Doofe Melodie, aber eingängig.

Na, wie war’s in der Schule, fragte man uns später, und: gut, sagten wir.

Ich kam als Schulkind tatsächlich in die Klasse von Frau B. Ich fand sie, wie alle Kinder ihre Lehrerinnen, nett und schön. Als wir dann irgendwann das Frühlingslied lernen sollten, jetzt im eigenen Unterricht und ganz im Ernst, rutschte mir fröhlich heraus: Ach, das kennen wir schon!

Was?, fragte Frau B. schmal, und ich begriff nicht ganz, was sie meinte. Das Lied, sagte ich. Das haben wir damals gelernt, und ich erklärte das mit dem Besuch der Kindergartenkinder. Nein, sagte Frau B., das Lied kannst du nicht. Doch, sagte ich, das haben wir damals gelernt. Ich schaute mich um, aber es schien sich niemand sonst zu erinnern.

Dann, sagte Frau B., und es klang gar nicht freundlich, sing es vor. Steh auf.

Trotzig stellte ich mich hin; alle drehten sich zu mir. So schön ist’s im Mai, fing ich an. Frau B. hatte die Stirn gerunzelt. Ja, schön ist’s im Mai. Meine Stimme klang komisch im totenstillen Klassenraum, und mir wurde sehr heiß. Ja, schön, schön ist’s im Mai. Irgendwas war hier ganz verkehrt. Frau B. starrte mich an. In Büschen und Hecken —

Ich hörte auf zu singen und setzte mich. Ich weiß es doch nicht mehr, log ich.

Na, siehst du, sagte Frau B. zufrieden, und auch das klang nicht freundlich.

Hier und da drehte sich noch verstohlen ein Kind nach mir um, aber das war’s, der Vorfall kam nicht wieder zur Sprache. Trotzdem fand ich danach meine Lehrerin nicht mehr ganz so hübsch, nicht mehr ganz so nett. Oh, ich hatte ein gutes Gedächtnis, und das behielt ich von da an für mich.

 

 

 

Vom richtigen Umgang mit Nachrichten

10. März 2017

Die Nachrichten jagen einander und bereiten derzeit mehr als üblich Schmerzen, und lieber heute als morgen zöge ich ganz hinter den Mond. Doch Rettung kommt aus Helsinki: das finnische Radio Yle bringt Nachrichten auf Lateinisch, zum Hören und zum Nachlesen im Netz.

Der Latinist Tuomo Pekkanen und sein Kollege Reijo Pitkäranta vollbringen das kleine Wunder, aktuelles Weltgeschehen in lateinische Vier-Minuten-Beiträge zu verwandeln, die einmal pro Woche wunderschönst und mit schnarrendem Akzent verlesen werden. Das Alter der Sprache merkt man den Nachrichten nicht an; die Redakteure schaffen es, auch unhandliche Modernitäten plausibel zu übersetzen.

Es klingt beruhigend, man versteht angenehm wenig, und selbst wenn es heißt: Trump Obamam accusat, kann man sich vorstellen, man säße in der Schulbank, gleich wird es klingeln, und man darf hinaus, in die Sonne.

Wärmste Empfehlung: Nuntii Latini vom finnischen Radiosender Yle.

 

 

 

Heidelberg, du feine

3. März 2017

Einmal muß es ja sein: Ich besuche Heidelberg, denn Millionen Touristen können nicht irren, oder. Mein Herz für Sonntagsausflüge jedenfalls schlägt höher: Alte Brücke, Schloß mit allem, was darinnen ist, Seilbahn über Molkenkur bis Königstuhl, kurz: neue Ufer am Neckar. Und das am ersten frühlingshaften Tag.

Links vom berühmten Brückenaffen.

Links vom berühmten Brückenaffen.

Heidelberg hat eine Hauptstraße, autofrei und, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, voller Läden, die es überall gibt. Hier reisen sie busladungsweise an, um an den Brennpunkten Weine, Kuckucksuhren, Bierkrüge, Würstchen in allen Sprachen der Welt zu kaufen. Ich biege wohlweislich ab. Es ist zwar noch zu früh für Reisebusse, aber zu sehen gibt es abseits mehr: als hätte sich die eigentliche Stadt in die schmalen Sträßchen verzogen mit Plattenläden, Eisenwaren, Buchdruck, Blechnerei, und die Hauptstraße den Ketten und Kaufhäusern überlassen.

Mit einem Schwung …

Schöne Sachen XLIII

2. März 2017
Erinnerungen.

Erinnerungen: da war doch was!

 

Unverbesserlich

25. Februar 2017

Wasser gleich ohne Krug, rinnt gemeinsame Zeit durch die Finger:
   War auch nie sie genug,   bleibt sie doch eins: ein Geschenk.

 

 

 

 

Nachricht aus der echten Welt

15. Februar 2017
tags:

Jahrelang hat Magister Kraska seine Staunmeldungen gebloggt: aus dem Kulturbeutel älterer Jugendlicher geplaudert, die Banalität des Blöden beleuchtet, Träume kritisiert, seinem Ghetto ein Denkmal gesetzt. Nun lebt der Magister nicht mehr; vergangenen Dezember ist er plötzlich gestorben.

Blogger sind ein seltsames Volk. Wir können Menschen, die wir doch eigentlich nur schriftlich kennen, virtuell ins Herz schließen, sie einfach unserem Horizont einverleiben. Und jetzt? Jetzt können wir Kraskas Geschichten immer noch lesen, aber es ist nicht mehr dasselbe; da ist eine Lücke.

Ich denke an seine Frau, für die die Lücke unendlich viel größer sein muß, und an alle, denen er in ihrer echten Welt fehlt, Tag für Tag.