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Unbebilderte Aussichten mit Herrn G.

2. September 2018

Ach, klage ich, nun ist sie kaputt, die Kamera. Nix mehr zu machen. Ein Gutes allerdings hat das – wir werden ein bißchen schneller vorankommen; und das ist auch nötig, denn wir haben uns was vorgenommen, Herr G. und ich. Wir wollen ja den Moselsteig, ganz. Die Landschaft bietet Abwechlung auf engem Raum und immer wieder Überraschungen. Schöner als der Rhein!, urteilt Herr G. Ich finde, es ist anders und habe außerdem ein Herz für den Rhein; daher: unentschieden.

Wir starten mit einer Busreise durch Weinberge und Neubaugebiete. Wer hier kein Auto hat, braucht viel Zeit für solche Sachen. In Leiwen beginnt unser Wanderweg. Das Dorf bereitet sich auf ein Weinfest vor; wir lassen das schnell hinter uns und betrachten von fern den hübschen Ort und die Ferienanlage ein paar hundert Meter daneben, beliebtes Ziel für Junggesellenabschiede, wie man liest.

Der Weg spannt sich wingertsweise zwischen Rebreihen den Berg hinauf. Sauber gekämmte Hänge, rechts grün, links grün; eigentlich sind die Reben das Grünste nach diesem trockenen Sommer. Oben am Waldweg steht ein Ebereschenbaum, überwuchert und dicht behangen mit dunkelblauen Trauben. Bißchen hoch, leider; aber, mutmaßt Herr G., vielleicht haben die Römer das wirklich so gemacht? Ulmen als Stützen für den Wein, wie Ovid schreibt?

Am Steilhang hat ein Gemetzel im Weinberg stattgefunden: da liegt das Grün am Boden, der Winzer hat alle überschüssigen Blätter von den Reben entfernt, händisch, damit nichts die kostbaren Trauben beschatte. Wir sehen ihn, wie er zwischen den Rebstöcken turnt und ein Blatt nach dem anderen abknipst. Wenn man darüber nachdenkt –! Das wird hoffentlich kein Wein für dreifuffzich.

Nach Mehring führt der Weg durch Wald über eine kahle Bergkuppe, von Schafen freigeweidet; der Pfad schnürt durch das bleiche Gras, von der Hitze plattgewalzt, hier und da erhebt sich dunkel gegen den Himmel ein Baum. Der strohige Grund flimmert – keine optische Täuschung: kleine Schwärme von Staren flattern auf, alle wechseln gleichzeitig die Richtung und lassen sich anderswo nieder. Wir schnaufen bergauf; dann liegt das Land vor uns, weit und rund bis an die Ränder des Himmels. Dafür –!, sagt Herr G., und ich nicke.

Da knattert es in unserem Rücken: ein Mofa überholt uns auf dem Fußpfad; den Fahrer finden wir etwas weiter, wie er von seinem Gefährt aus in die Ferne schaut. Den Helm behält er auf. Wenige Minuten später rollt er auf dem Abwärtsweg wieder an uns vorbei, mit Handzeichen grüßend. Sein Abendvergnügen, vermutet Herr G.; und jetzt fährt er wieder heim zu Fernsehen und Feierabendbier.

Abends ist die Pension abscheulich eingerichtet und hat dafür am Morgen selbstgemachte Marmeladen zum Frühstück. Wir sind höchst zufrieden. Der zweite Teil des Weges wird immer länger, je weiter wir kommen; jedes neue Schild hat ein paar hundert Meter mehr, Trier rückt in die Ferne wie eine Fata Morgana. Trotzdem kommen wir an. Die Stadt ist voller chinesischer Reisegruppen und Karl Marx. Eine Konditorei, die Herr G. von früher kennt, ist verschwunden, aber auch andere Cafés haben guten Kuchen.

Das nächste Mal machen wir bald, nehmen wir uns vor; aber es ist gar nicht mehr so viel übrig vom Moselsteig. Vielleicht muß man ihn einfach noch mal gehen? Dann vielleicht doch mit Kamera?

Ach, du liebe Stadt!

28. August 2018

Wie gern ich dich habe! Es ist eine Freude, in dir zu leben, und nur manchmal zum Verzweifeln, und ich werde dich nie verlassen, solang ich kann!

Wohnen in der Innenstadt ist zu 20 Prozent Rücksichtnahme und zu 80 Prozent freundliches Ignorieren, das weiß ich und bekomme es auch meist mühelos hin; du bist im großen und ganzen von freundlichen, friedliebenden Menschen bewohnt. Ich verzichte auf Platz, auf Garten und Blick ins Grüne, auf Ruhe und Abgeschiedenheit. Dafür bekomme ich: einen herrlichen Wochenmarkt (von der Vielfalt können Supermärkte nur träumen), Theater, Kinos, Museen, Buchläden, was zu gucken, öffentlichen Raum – und das alles in Gehweite. Auch wenn’s nicht immer leise ist, habe ich meine Ruhe (lies: hier ist es anonym). Und wenn’s mir doch mal reicht, gibt es Busse und Bahnen hinaus.

Nun wirst du ziemlich schnell immer teurer. Das sagen alle, die her- oder auch nur umziehen möchten. Neulich habe ich mir eines deiner neuen Viertel angeschaut: Reiche-Leute-Wohnungen, mit dicken Autos auf neu angelegten Parkflächen, und nix los. In meiner Straße hingegen gab es vor ein paar Jahren noch in jedem dritten Haus ein Ladengeschäft. Bäcker, Lebensmittelladen und Kiosk haben inzwischen geschlossen. (Mir könnte das wurscht sein, aber mit dem Rollator ist eine Straße weiter leicht zu weit.) Eine Ladenbetreiberin erzählte, daß sie sich die Monatsmiete nicht mehr leisten könne – aber ihre Vermieterin könne ihr nicht entgegenkommen, sonst gäb’s Ärger mit dem Finanzamt. Leerstand hingegen lasse sich steuerlich geltend machen … Liebe Stadt, das kann nicht dein Ernst sein, oder?

Ach, und erinnerst du dich an das große Fest, bei dem du (vielleicht nicht ganz freiwillig) fast zwei Wochen autofrei warst? Das hätte ich gern wieder, und dauerhaft. So viel Platz, Stille, so wenig Streß! Mach doch mal das Parken teuer. Also richtig, richtig teuer; teurer als ein ÖPNV-Tagesticket. Und wenn dann endlich die Autos raus sind, dann pflanz Bäume in die Straßen, reiß die Innenstadtparkhäuser ab und bau erschwingliche Wohnungen. Und sorg für Einkaufsmöglichkeiten in jedem Viertel.

Schon klar, Stadt. Das schaffst du nicht allein, ist auch nicht alles deine Baustelle. Aber irgendwer muß mal anfangen, oder? Es geht ja nicht darum, sofort und gleich alle frommen Wünsche zu erfüllen, sondern lebenswert zu bleiben, für viele verschiedene Menschen.

Auf die Sprünge: Bloghürdenlauf

20. August 2018

Es ist seit ein paar Jahren die Rede vom Sterben der Blogs, und da kann jede mitunken, die schon mal in immer größeren Abständen den immer gleichen Beitrag auf einem vormals oft besuchten Leseplatz hat stehen sehen. Die Älteren unter uns werden sich erinnern, wie das war, als Blogs Neuland waren und das Internet voller Überraschungen; und war das nicht wunderbar?

Nun hat der Herr Zeilensturm sich ein Spiel ausgedacht (gesehen habe ich’s bei Glumm und Geschichten&Meer), das nicht bloß das Gefühl von Abenteuer und unbetretenen Pfaden heraufbeschwört, sondern direkt aus der eigenen Filterblase herausführt: einfach mal was lesen, was man gar nicht kennt! Ich finde das hinreißend und habe es gemacht. Es folgt der innere Monolog beim Hürdennehmen. (Anleitung ganz unten.)

Lakritzes Hürden-Monolog

Ich fange an bei der Blogroll des letzten Eintrags von Frau G&M, und da geht es schon los: Koch- und Kreativblogs, Skylla und Charybdis. Nun. Muß ja. Also via Frau MajoRahn zu …

1: Food, südbadisch: Schöner Tag noch! (Juliane).
Der fehlende Akkusativ erinnert mich ans Saarland, hach. Ausgehtips in Karlsruhe; erstaunlich schöne Bilder von Essen (wenn ich Essen fotografiere, sieht es selten appetitlich aus). Rezepte, natürlich. Ein Toastbrotrezept; falls mir das weltbeste Toastbrot mal ausgehen sollte … Ah, nicht nur die Nahrungszufuhr ist Thema, ein Link führt zum Zeit-Artikel über Plastikmüll. – In der Blogroll finde ich …

2: Die Schreibmaschine (Miriam).
Wieder Karlsruhe, Kategorie: Kurioses! Ich lese über Vor-Hochzeits-Partys und freue mich, daß ich zu alt bin für so was. O-ha, Thema Dates! Plötzlich Affäre! Wie gut, wie gut, daß ich zu alt … Es hat wohl alles seine Zeit.

Hier könnte die Sache enden, denn ich bin auf ein Blog ohne Blogroll geraten. Einen Schritt zurück, weitere Blogs anschauen. Jedoch: Wenn ich Dinge wie Freebies / Workshops / Kooperationen / Newsletter / Sponsoren lese, wächst mein Widerwille. Ich werde kiebig, wenn mir wer „Lifestyle“ unterjubeln will. Da müßten die Geschichten schon verdammt gut sein. Und jetzt habe ich mich in einer Hochglanz-Instagram-DIY-Welt mit Gutschein und Sofort-kaufen-Button verfangen. Zu Hilfe! – Ausfallschritt, Salto mortale, und ich lande bei …

3: Wortgepüttscher (Gerrit Jan Appel).
Oh, schick, was mit Platt! Nicht nur, deshalb ist es nicht so anstrengend und, he, das liest sich aber flüssig weg. Ich bleibe bei einer Schmuggelgeschichte hängen; lustig, aber eben nicht nur. Da schau ich mich mal weiter um, das ist schön. – Über die Blogroll finde ich zu …

4: queergedacht (Hans-Georg).
Urlaubsbericht von der Nordkapkreuzfahrt, das Schiff sieht aus wie ein ins Wasser geplatschter Wolkenkratzer. Musical-Besuche. Essen. Hie und da Nachdenkliches über den Rechtsruck in unserer Mitte, mitsamt erfreulich gesitteter Diskussion in der Kommentarspalte. Es ist ein bißchen wie unsichtbar in einem fremden Wohnzimmer sitzen. – Weiter geht’s zu …

5: Oskar.
Ein gaaanz altes Blog, mit Archiv bis 2003, mal eins auf einer anderen Blogplattform. Und wieder Wohnzimmer mit Urlaubsberichten, die sicher nicht für vorübersprintende Hürdenleserinnen geschrieben wurden. Oh, echt, den ESC 2018 hat Deutschland gewonnen? Ich hab’s für einen Moment geglaubt.

Na, das war mal divers. Die Übung kann ich wärmstens empfehlen. Schon zur Hirnstubenentstaubung; und dann findet man ja doch immer wieder was Lesenswertes und sieht: so tot ist die Blogosphäre nicht. Wie schön!

 

So funktioniert der Blogger-Hürdenlauf (Copy and Paste, please):

Dein Beitrag startet, wo dieser hier endet. Nimm dir die Blogroll/Blogliste des fünften von mir kommentierten Blogs vor. Von dieser Liste klicke eines an. Das ist nun deine Station 1. (Aber nur, falls es selbst eine Blogroll hat, sonst ein anderes Blog der aktuellen Blogroll auswählen! Diese Bedingung gilt logischerweise immer.)

Lies im Blog 1 einen Beitrag, den du auch verlinkst, und schreibe nur drei Zeilen darüber: Lob, Kritik, Erstaunen, Fassungslosigkeit, Dank, whatever.

Nun klicke auf ein Blog der Blogroll von Station 1. Hat dieses seinerseits eine Blogroll? Sehr gut, dann ist es Station 2. Lies einen Beitrag … verlinke … schreibe drei Zeilen …

Und so noch drei Mal. Bis einschließlich Station 5. Deine Arbeit ist fast getan: fünf Reisenotizen zu fünf Blogbeiträgen. Nur noch diese Regeln hier anhängen – fertig!

Nun muss jemand anderes den Staffelstab (und vielleicht sogar mehrere) bei der Blogroll des letzten in deinem Beitrag kommentierten Blogs übernehmen – und fünf weitere kommentieren.

Vielen Dank für den gemeinsamen Streifzug durch die Meinungsvielfalt!

Essen gehen mit Herrn G.

13. August 2018

Fährt man aus Wiesbaden hinaus ins Grüne, windet sich die Straße durch scheinbar nichts als Wald. Die Bushaltestellen heißen nach allerhand Mühlen; Eishaus; Chausseehaus und (aha!) Knusperhäuschen. Häuser sind aber kaum zu sehen; um die Unterstände drängen sich Bäume.

Das hier ist der Taunus, ein Rauschewald, wie er im Märchenbuche steht. Die meisten Orte hier haben irgendwas mit Kur zu tun; es gibt Heilwasser (Haltestelle: Brodelbrunnen) und Infrastruktur (Haltestellen: Kurhaus, Bäderstraße). Man ist seit hundertfuffzig Jahren auf Tourismus eingestellt; am Straßenrand eine Werkstatt mit dem Schild „Wagenpflege“ läßt charmanterweise offen, ob der Wagen einen Motor haben muß.

In einem der kleinen Orte steigen wir aus. Wir wollen Wald, Anstiege und Aussichten und, wo möglich, eine Einkehr. Es geht zunächst durch Gärten und Felder. Die Brombeeren sind, wo die Sonne scheint, vertrocknet und wo sie nicht scheint, noch nicht reif, die Äpfel Speierlinge oder eingezäunt (an einem Baum sehen wir neben den sich rötenden Früchten: Blüten! mitsamt Bienenbesuch!), die Schlehen zwinkern prall und blau, sind aber adstringierend – kurz, nichts zu holen am Wegrand. Wir verzehren, was die Rucksäcke hergeben.

Wie war das früher? So um Seumes Zeit herum? Wasser mußte man nicht mit sich tragen, da reichte ein Bach und ein guter Geschmackssinn. Brot, Speck, viel mehr wird’s nicht gegeben haben. Wie war wohl das Essen in Gasthäusern – die Schilderungen sind da sehr verschieden; und wenn man bei Bauern anklopfte, bekam man da was auf Treu und Glauben, oder war man dann einen halben Tag als Erntehelfer verdingt? Wie weit trug das Prinzip der Gastfreundschaft? Und: was hätten wir zu geben, wenn wir uns durchschlagen müßten? Ich könnte flicken, sage ich. Und du Gedichte, zu Herrn G.

Im Rheingau werden wir fündig. Das Schild an der Landstraße ist so groß, daß man’s zu Fuß fast übersieht: Forsthaus Weißenthurm 200 Meter, und klein: Kaffee & Kuchen. Am Forsthaus schimpfen uns Gänse aus. Wir poltern in die Stube, wo wir die einzigen Gäste sind. Es duftet nach Pflaumenkuchen, aber der, sagt die Wirtin, ist noch im Ofen. Die hausgemachte Wildsülze, mit frischen Zwiebeln und Bratkartoffeln, ist aber auch hervorragend. Ich käme mir komisch vor, hier ein Tellerfoto zu machen; die Wirtin lächelt, als sie unsere blitzblanken Teller sieht.

Da gehen wir wieder hin, beschließen wir, als wir uns satt und zufrieden in Richtung Rhein aufmachen. 25 Kilometer zum Essen, mir gefällt das. Ein Tagwerk, bei dem man ganz genau weiß, wofür’s gut ist.

Theatrum mundi

2. August 2018

Ich gehe da hin, wenn ich es nur irgend kann: Die Aufführungen der Bühnen Dautenheims im hügeligen Rheinhessen sind nicht nur wegen des Ortes etwas sehr Besonderes.

Dieses Jahr gibt es das Große Welttheater des Pedro Calderón de la Barca (1600–1681), ein Stück des barocken Ideentheaters, und es geht um, nun ja, alles: Was ist der Mensch, wo ist sein Platz, wieso geschieht, was geschieht, und was kommt danach? Der Schöpfer gibt seine Bestellung bei der Welt auf, und die führt dann mit den Menschen, die sie nun gerade zur Verfügung hat, die große Allegorie aufs Leben auf. Die geschliffenen Texte Calderóns in der Übersetzung Eichendorffs werden begleitet von kleinen Musikensembles; die Nacht legt sich langsam über die Spielstätte; es ist ein ganz bezauberndes Spektakel.

Das ist dieses Jahr aber noch lange nicht alles. Dieses Jahr ist das Theater auf Tournee. Die Bühne, ein Aufbau auf zwei schönen alten Erntewagen, wird ein ordentliches Stück durch Rheinhessen gezogen und macht an fünf Spielorten halt.

Den Einzug des Theaters sollte man nicht verpassen. Ich habe ihn in Alzey auf dem zentralen Roßmarkt erlebt: Es rumpelt und klirrt, der Boden bebt, das Publikum hält den Atem an, zwei mächtige dunkle Kaltblutpferde ziehen das Gespann auf den Platz – ein standesgemäßer Auftritt für eine barocke Schauspieltruppe, ein angemessener für den Kosmos. Die Pferde werden weggebracht, die Bühne fertig aufgebaut, und dann entfaltet sich das Stück.

Kostet nichts, Wein ist leicht zu bekommen, Sitzgelegenheiten selbst mitzubringen, und – Profi-Tip – dicht an der Bühne hört man besser. (Für Fern-Zuschauer hält das Theater einen Stapel Reclam-Hefte zum Mitlesen bereit, gegen Spende erhältlich.)

Energie und Liebe zum Detail stecken in dieser Produktion, in der Profis und Laien zusammenarbeiten. Im Hintergrund wirkt die ganze Familie Storr daran mit, daß das Drumherum reibungslos vonstatten geht, und ehrlich, es ist ein kleines Wunder, was da aus einem 500-Seelen-Dorf so alles kommt.

(Mit den öffentlichen Spielorten nimmt das Theater in Kauf, daß nicht nur Theaterinteressierte am Platz sind; auch Stänkerer und Ignoranten gehören wohl dazu zum Welttheater. In Alzey haben sich ein paar gründlich danebenbenommen. Daß es ihnen nicht gelungen ist, der Truppe die Aufführung zu verderben, spricht für die gute Stimmung vor Ort.)

 

Freilichtaufführungen Das große Welttheater von Calderón
Heute in Gau-Bickelheim, morgen und übermorgen in Mainz, jeweils 20:30 – ein wunderbares Sommerabend-Spektakel. Hingehen!

Butter bei die Fische: Europa und das Meer

30. Juli 2018

Nach der Blogparade nun der Ausstellungsbesuch:

Den Neubau des Deutschen Historischen Museums kannte ich noch nicht; ein steinernes Kreissegment, mit Glas verzwirbelt, wie eine überquellende Filmdose. Drinnen ist der Stein glatt und abgerundet, das Raumkonzept auf angenehme Art verwirrend. Es führt eine Rolltreppe nach unten und, beim aktuellen Wetterbericht gewiß interessant, ins Kühle. Unbedingt warme Kleidung mitnehmen – ich zumindest mußte mich zwischendurch immer wieder aufwärmen gehen.

Schon die Übersicht über die Ausstellung zeigt: es ist kompliziert. Europa hat viel Küste, da gibt es viel zu zeigen. Einfach den weißen Linien auf dem Boden folgen und die Ausstellungsinseln besuchen: Mythos, Handel, Politik, Militär, Nautik … Wie sich das gehört, tritt das Thema immer wieder über die Ufer und streift Philosophie, Kunst, Kultur, Ethik. Die Entwicklung des Menschen mag an Land stattgefunden haben – am Meer ist er gewachsen; oft über sich hinaus.

Der zweite Teil der Ausstellung, und wer nur kurz kommt, müßte hier eigentlich den Schwerpunkt legen, befindet sich im Erdgeschoß. Hier geht es ans Eingemachte: Was machen wir Menschen mit dem Meer? Und wie ist das, wenn der gefährliche Weg übers Meer der einzig gangbare scheint, um Armut, Krieg, Repressalien zu entkommen? Detailliert erfahren wir zum Beispiel vom Schicksal der Auswanderer, die jahrhundertelang Europa verlassen haben, um in Übersee ein besseres Leben zu finden.

Geschichte wiederholt sich. Wir sind in der Pflicht, gelegentlich einen Schritt zurück zu treten und uns das zu vergegenwärtigen. Und nicht vergessen: die Vorzeichen können sich jederzeit wieder umkehren. Ebbe und Flut. Diese Ausstellung macht ein gigantisches Angebot an Geschichten. Eintauchen muß man selbst, und sich weitertragen lassen.

 

Deutsches Historisches Museum in Berlin
Ausstellung bis 6.1.2019, Eintritt unermäßigt 8€

Schöne Sachen XLIX

13. Juli 2018

Kirschen im Wald.

Lücken

1. Juli 2018
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Die Sommer werden heißer seither, denke ich jedes Jahr. Als fehlte dein Schatten auf der Erde. Ich frage mich, ob du, was alles fehlt, mitgenommen hast? Und wo geht hin, was ich vergesse?

Einen Stein für meine Tasche.

 

 

 

Zum Meer

29. Juni 2018
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Bei Geschichten und Meer hingefunden; Abzweigung einer Blogparade zu Europa und das Meer:

Rinnsale streben in Bäche, Bäche in Flüsse, Flüsse in Ströme. Ich könnte einem beliebigen Wasserlauf folgen und käme früher oder später ans Meer. Das hat mir immer schon gefallen, das Meer als Ziel. Klare Farben, klare Verhältnisse: unten Wasser, oben Himmel, mit denkwürdigen Ausnahmen.

Stunden schaue ich dem Licht zu, den Wolken und den Farben. Wer am Meer steht, steht vor der Frage: Und nun? Was gibt es noch Fremderes, und wie komme ich da hin? Nirgends ist Wetter schöner und nirgends gefährlicher als hier; Sonne, Wind und Salz zermürben, was sich nicht immerzu erneuern kann. Am Meer ist alles klein, nur Himmel und Wasser nicht. Ich Zweibeiner und Lungenatmer bin ihm ganz und gar egal, es hat ja nicht mal Augen, um mich zu betrachten. Die Liebe zum Meer ist eine einseitige.

Das Meer trägt, ernährt, bezaubert uns. Wir hielten es einst für unendlich und noch bis vor kurzem für unerschöpflich und unverwundbar; das alles ist es, wissen wir inzwischen, nicht. Es hat nicht Fisch für alle, schenkt sein Öl nicht her, schluckt nicht jeden Müll. Es ist bereist und besungen, vermessen, beschrieben und kartiert. Grenzen hingegen sind dem Meer gleich. Menschen haben auch auf See Hoheitsgebiete abgesteckt, und Menschen scheitern an ihnen. Dem Wasser selbst sieht man das nicht an; nur die Toten, die legt es uns an die Strände.

Von der Wasserfläche können wir es lesen: Alles kommt und geht, nichts hat Bestand und nur weniges Gewicht, was wir nicht in uns tragen. Es gibt keine Barmherzigkeit in der Welt als die kleine, alltägliche, die wir zu verschenken haben, und das können wir, weil wir nicht gleichgültig, nicht ewig, sondern weil wir Menschen sind.

 

Alle Flüsse fließen ins Meer. Alles Wasser fließt hinab, hinab bis Normalnull, bis es irgendeins der sieben Weltmeere erreicht; aus Menschensicht strömt es immerzu fort von der Mitte, wie ein umgekehrter Blutkreislauf, dessen Motor und Bestimmung nicht im Zentrum des Ganzen liegt, sondern es rings umgibt.

 

 

 

Mit Herrn G. Büffet

17. Juni 2018

Ein bedeckter, feuchtkühler Sommertag ist wie gemacht zum Wandern: da kann man unverbrannt durch die Felder gehen, und das Wasser im Rucksack reicht gewiß. Man kommt, so dachten Herr G. und ich, gut voran und hat sogar noch Atem übrig.

Bild des Tages.

Zum Beispiel fürs Frühstück. Die nächste Bank nehmen wir, sage ich und habe schon den Rucksack in der Hand, da sehe ich Bremsen auf mir landen, fünf allein auf meiner Vorderseite. Leuchtendgraue Zweiflügler mit nur einem Ziel und Stechwerkzeugen, die durch Kleidung dringen. Wah! Rucksack wieder auf, Tempo beschleunigen, hie und da mal zuhauen und nicht stehenbleiben, bis wir das Bremsengebiet verlassen haben, denn, das wissen wir, ihre Stiche sind die Hölle, und mir fallen mindestens drei böse Geschichten von Infektionen ein.

Der Tag schreitet voran, die Feuchte bleibt, und mit ihr bleiben die Bremsen. Essen ist nicht. Müssen wir die Karte konsultieren, schaut einer auf das Blatt, wärend der andere wedelt und zuschlägt, wo nötig. Von Bremsen beschleunigt, witzeln wir; aber, ganz im Ernst, so allmählich reicht es. Wir reden über Insektenrezepte. Sowie wir langsamer werden, umschwärmen uns die Hungrigen. Von den Mücken nur die Weibchen, das hilft aber auch nicht. Wo sind die Schwalben, wenn man sie mal braucht? Wo ist die Bremsenbremse?

Schrecklich gerne würde ich bei den wilden Kirschen bleiben, aber Schweiß und Fleisch und Blut – wir sind eine Attraktion, sagt Herr G. Da sind zum Beispiel diese winzigen Fliegen, die uns als Schwarm folgen. Stechen tun sie nicht, immerhin. Aber die Mücken: Woher, fragt Herr G., wissen die, in welche Richtung unsereins gucken kann?!

Ich bin einmal schneller gewandert, da waren wir in eine Treibjagd geraten. Diesmal sind wir selbst die Beute. Im Vorübertraben sehen wir: ein Waldeichhorn, eine Handvoll Rehe, Wildschweine mit einer Kaskade Frischlinge, ein paar Aussichten (genauer weiß man’s nicht) und einen Maulbeerbaum, über und über behangen mit glänzenden Früchten.

Ganz erschlagen und halb verhungert fallen wir am Ziel in ein Café. Wir haben Zeit; nur, bitte, bloß nicht draußen sitzen. Wir wurden schon gegessen.

(Die Zecke, die mich erwischt hat, finde ich erst am Tag darauf.)