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Lücken

1. Juli 2018
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Die Sommer werden heißer seither, denke ich jedes Jahr. Als fehlte dein Schatten auf der Erde. Ich frage mich, ob du, was alles fehlt, mitgenommen hast? Und wo geht hin, was ich vergesse?

Einen Stein für meine Tasche.

 

 

 

Zum Meer

29. Juni 2018
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Bei Geschichten und Meer hingefunden; Abzweigung einer Blogparade zu Europa und das Meer:

Rinnsale streben in Bäche, Bäche in Flüsse, Flüsse in Ströme. Ich könnte einem beliebigen Wasserlauf folgen und käme früher oder später ans Meer. Das hat mir immer schon gefallen, das Meer als Ziel. Klare Farben, klare Verhältnisse: unten Wasser, oben Himmel, mit denkwürdigen Ausnahmen.

Stunden schaue ich dem Licht zu, den Wolken und den Farben. Wer am Meer steht, steht vor der Frage: Und nun? Was gibt es noch Fremderes, und wie komme ich da hin? Nirgends ist Wetter schöner und nirgends gefährlicher als hier; Sonne, Wind und Salz zermürben, was sich nicht immerzu erneuern kann. Am Meer ist alles klein, nur Himmel und Wasser nicht. Ich Zweibeiner und Lungenatmer bin ihm ganz und gar egal, es hat ja nicht mal Augen, um mich zu betrachten. Die Liebe zum Meer ist eine einseitige.

Das Meer trägt, ernährt, bezaubert uns. Wir hielten es einst für unendlich und noch bis vor kurzem für unerschöpflich und unverwundbar; das alles ist es, wissen wir inzwischen, nicht. Es hat nicht Fisch für alle, schenkt sein Öl nicht her, schluckt nicht jeden Müll. Es ist bereist und besungen, vermessen, beschrieben und kartiert. Grenzen hingegen sind dem Meer gleich. Menschen haben auch auf See Hoheitsgebiete abgesteckt, und Menschen scheitern an ihnen. Dem Wasser selbst sieht man das nicht an; nur die Toten, die legt es uns an die Strände.

Von der Wasserfläche können wir es lesen: Alles kommt und geht, nichts hat Bestand und nur weniges Gewicht, was wir nicht in uns tragen. Es gibt keine Barmherzigkeit in der Welt als die kleine, alltägliche, die wir zu verschenken haben, und das können wir, weil wir nicht gleichgültig, nicht ewig, sondern weil wir Menschen sind.

 

Alle Flüsse fließen ins Meer. Alles Wasser fließt hinab, hinab bis Normalnull, bis es irgendeins der sieben Weltmeere erreicht; aus Menschensicht strömt es immerzu fort von der Mitte, wie ein umgekehrter Blutkreislauf, dessen Motor und Bestimmung nicht im Zentrum des Ganzen liegt, sondern es rings umgibt.

 

 

 

Mit Herrn G. Büffet

17. Juni 2018

Ein bedeckter, feuchtkühler Sommertag ist wie gemacht zum Wandern: da kann man unverbrannt durch die Felder gehen, und das Wasser im Rucksack reicht gewiß. Man kommt, so dachten Herr G. und ich, gut voran und hat sogar noch Atem übrig.

Bild des Tages.

Zum Beispiel fürs Frühstück. Die nächste Bank nehmen wir, sage ich und habe schon den Rucksack in der Hand, da sehe ich Bremsen auf mir landen, fünf allein auf meiner Vorderseite. Leuchtendgraue Zweiflügler mit nur einem Ziel und Stechwerkzeugen, die durch Kleidung dringen. Wah! Rucksack wieder auf, Tempo beschleunigen, hie und da mal zuhauen und nicht stehenbleiben, bis wir das Bremsengebiet verlassen haben, denn, das wissen wir, ihre Stiche sind die Hölle, und mir fallen mindestens drei böse Geschichten von Infektionen ein.

Der Tag schreitet voran, die Feuchte bleibt, und mit ihr bleiben die Bremsen. Essen ist nicht. Müssen wir die Karte konsultieren, schaut einer auf das Blatt, wärend der andere wedelt und zuschlägt, wo nötig. Von Bremsen beschleunigt, witzeln wir; aber, ganz im Ernst, so allmählich reicht es. Wir reden über Insektenrezepte. Sowie wir langsamer werden, umschwärmen uns die Hungrigen. Von den Mücken nur die Weibchen, das hilft aber auch nicht. Wo sind die Schwalben, wenn man sie mal braucht? Wo ist die Bremsenbremse?

Schrecklich gerne würde ich bei den wilden Kirschen bleiben, aber Schweiß und Fleisch und Blut – wir sind eine Attraktion, sagt Herr G. Da sind zum Beispiel diese winzigen Fliegen, die uns als Schwarm folgen. Stechen tun sie nicht, immerhin. Aber die Mücken: Woher, fragt Herr G., wissen die, in welche Richtung unsereins gucken kann?!

Ich bin einmal schneller gewandert, da waren wir in eine Treibjagd geraten. Diesmal sind wir selbst die Beute. Im Vorübertraben sehen wir: ein Waldeichhorn, eine Handvoll Rehe, Wildschweine mit einer Kaskade Frischlinge, ein paar Aussichten (genauer weiß man’s nicht) und einen Maulbeerbaum, über und über behangen mit glänzenden Früchten.

Ganz erschlagen und halb verhungert fallen wir am Ziel in ein Café. Wir haben Zeit; nur, bitte, bloß nicht draußen sitzen. Wir wurden schon gegessen.

(Die Zecke, die mich erwischt hat, finde ich erst am Tag darauf.)

Postkarte aus Lorch

16. Juni 2018

In Lorch im Rheingau ist gut ankommen: führt ein Taunuswanderweg in den Ort, so kann man gleich hinter dem Ortsschild die Autostraße nach links verlassen und ein enges Sträßlein in den Ortskern nehmen. Dort muß man gar nicht lange suchen, sondern trifft direkt auf eine Bäckerei mit Café, wo es Kaffee auch in Pötten gibt. (Suchen muß man dann am Bahnhof erst; dort stellt ein originelles Gleiszugangskonzept sicher, daß man Richtung Frankfurt schwarz fährt.) Ansonsten hat das Städtchen einen verwinkelten Kern; das Hilchenhaus, ein Renaissancebau, mit dem es gerade noch mal gutgegangen ist; und ein barockes Fachwerkhausgärtlein mit dem allerschönsten Blühdurcheinander, das ich je in einer Stadt gesehen habe. Und was finde ich nachher auf meiner Speicherkarte?

Bloß Bilder von der Mauer zum Rhein hin. Nun. Lassen Sie sich nicht irre machen; in Lorch ist wirklich gut ankommen. Schauen Sie einfach selbst.

Im Museum

9. Juni 2018

defekt eros
Hie defekt, da geflickt.

Pohlednice z Prahy

29. Mai 2018

Prag, Mutter aller Städte, die Vielfotografierte: im Sommer ist sie tatsächlich golden. Kein hochglanzpoliertes, sondern ein altes Stück, schnörkelig, schadhaft, gewiß nicht leicht zu reinigen. Von den Hügeln aus wirkt Prag, als habe man die Glanzstücke aus allen Stadtbildern zu einem zusammengeschoben, so daß das Auge kaum weiß, wohin. Auch im Kleinen keine Ruhe: jede Fassade grüßt mit Figuren und Fratzen, man will durch die Straßen und Gassen wandern mit dem Kopf im Nacken und bloß keinen Giebel verpassen; man würde wohl von Hunderten, ja, Tausenden vorangeschoben, mitgerissen an den Sehenswürdigkeiten vorbei.

Postkartenhimmel, natürlich.

Die Moldau, breit fließt sie hier, gesäumt von Steinpracht und kühlen Parks, schenkt Ruhe, wenn man die Anmache der Vergnügungsschiffsmatrosen ignoriert und den wirbelnden Strom von Touristen in den Uferanlagen.

Versteckt mitten im Gewühl gibt es Orte, an denen man mehr Tschechisch hört als Englisch. Parks mit tiefen Bänken für Schachspieler, Innenhöfe voller schlafender Tische und Stühle, Museen, Passagen. Und überall Gedenkplaketten: Mahnmale für ermordete Ketzer, Juden, Nonkonforme, Intellektuelle, Kämpfer für Demokratie und Freiheit. Gerade wieder gegenwärtig ist der Einmarsch sowjetischer Streitkräfte, die den Prager Frühling vor fünfzig Jahren blutig beendeten.

Heute wird der Stadt eine andere Art Gewalt zugefügt: Nicht zu übersehen ist die Touristenflut, die zwar Geld bringt, den Altstadtbewohnern aber ein normales Leben unmöglich macht. Unsichtbar sind die Investoren, die den ohnehin kostbaren Wohnraum ins Unglaubliche verteuern. Wer in der Prager Innenstadt wohnt, verkauft keine Brötchen, hat keinen Handwerksbetrieb, steuert keine Tram. Nicht einmal Akademiker können sich das leisten. Aber wer bewohnt, wer belebt dann das Herz dieser Stadt? Oder genügt sie als Kulisse?

 

 

 

Schnörkel ohne Leine

23. Mai 2018

Die Mosel macht es uns leicht, sie zu mögen. Sie mäandert durch Landschaften von lieblich bis spektakulär, es ist recht einfach, gutes Essen zu finden, und in den kleinen Orten herrscht die Höflichkeit, die ich als Kind eingebimst bekam: man grüßt erst mal jeden. Auf Fragen gibt man Antwort, zur Not halt: tut mir leid, das weiß ich nicht. Wir sind nicht ein Mal unfreundlich behandelt worden, abgerissen, wie wir aussehen. Im Gegenteil. Die meisten fragen nach dem Woher und Wohin, berichten Wetter, und sie freuen sich mit, wie schön es hier ist.

In diesem Abschnitt ist die Landschaft sanft und weit.

Unser Weg führt über die Hügelflanken oberhalb von Piesport, zwischen Rebstöcken in praller Sonne, wahrhaftig kein Sommerweg. Ganz da hinten, wo der Hügel die Mütze aus Wald etwas tiefer gezogen hat, blitzt es: die Fenster einer Gaststätte. Da wollen wir hin. Hoffentlich haben sie nicht gerade Ruhetag, meint Herr G. Andere Leute würden jetzt ihr Smartphone zücken … Als wir sicher sind, daß da oben eine Markise weht, klettern wir zwischen zwei Rebreihen hinauf, poltern auf die Terrasse und lassen uns unter einen Sonnenschirm plumpsen: Kaffee, Kuchen, Eis. Das Leben ist schön.

Später, wieder auf dem Weg, streiten wir darüber, was man sich mehr wünschen könnte als die Fähigkeit, im Stehen zu pinkeln. (Ich finde, nix; da kann Herr G. sagen, was er will.) Das Ganze löst sich auf in Limericks und Wohlgefallen. Derweil ziehen wir sehr gemächlich unsere Bahn oberhalb des Flusses; da hinten kommen wir her, und da unten, da wollen wir hin. Schneller ging’s per Gleitschirm; den Startplatz schauen wir uns von oben an. Ob Fliegen wirklich schöner ist?

Der Nachmittag neigt sich. Die letzten Meter nach Neumagen hinein müssen wir Straße gehen; das sind immer die anstrengendsten Strecken, die man mit Autos teilen muß. Im Städtchen haben wir uns ein warmes Essen redlich verdient, nur: wo? Meine Informationen sind hoffnungslos veraltet. Tripadvisor!, sagt Herr G. und fragt kurzerhand eine Dame, die gerade vor ihrem Haus Geranien gießt. Sie erkundigt sich, was wir uns so vorstellen; dann schickt sie uns in ihr Lieblingsgasthaus. (Volltreffer.)

Da brüten wir dann bei Bratkartoffeln und Rieslinghuhn über der Karte. So ein Weg ist schön; schöner ist es, schon die nächste Etappe zu wissen. Fliegen wäre da nun wirklich keine Lösung; im Stehen pinkeln können hingegen praktisch. Naja.

Schöne Sachen XLVIII

20. Mai 2018

Schönheit mit sechs Beinen.

Kurorte

14. Mai 2018

Kurorte zählen unter den Städten zu den beschaulichen. Groß sind da höchstens die Kliniksklötze am Stadtrand, vielleicht die Stadtsparkasse noch. Kurorte sind so sauber, man könnte von den Bürgersteigen essen (wenn man denn runterkäme). In Kurorten besteht die Fußgängerzone aus Blumenläden und Boutiquen und Goldschmieden. Man grüßt sich auf der Straße und weiß auch außer Dienst, wer hier Doktor ist.

Sitzen vor Salinen.

So war das mal, und in manchen Kurorten ist es immer noch kaum anders. Sicher, die Lädchen kämpfen, und hübsche Ecken werden wegsaniert (man braucht Parkplätze dringlicher als Grün), doch einiges bleibt über die Zeiten erkennbar: der Anspruch, mit dem man hier baute, die Mühe, die im Stadtbild steckt, der ganze Stolz ihrer Bewohner.

Betreten verboten

26. April 2018

Zauber.


Am Rand der Walnußplantage stehe ich und schaue in die lichten Bäume wie in ein Gemälde. Der Frühling reicht hier bis zum Boden, der Himmel stützt sich locker auf die Wipfel. Jeder Ast reckt Zweige, jeder Zweig ganz neue Blätter in die Sonne, samtige Händchen – ein paar Tage noch, und sie fangen das fallende Licht.

Ich schritte gern mitten hindurch, doch müßte ich dazu das Bild zertrümmern. Drei Meter in diese Herrlichkeit hinein, und es blieben: ringsum ein paar Stämme, die Luft wie überall, Gras mit der Spur meiner Tritte und da hinten der Weg.