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Der Weg mit den Kirschen

26. Juli 2020

Wenig blüht noch; die Felder sind abgeerntet.

Herr G., jammere ich, ich habe die Kamera vergessen. Was hätte ich für Vergleichsbilder machen können! – Wir gehen denselben Weg, auf dem wir uns letztes Mal, Ende Juni, mit Kirschen vollgefuttert hatten. Helle, dunkle, glasige, halb- und ganz wilde, und nicht zwei Bäume schmeckten gleich … Jetzt ist alles anders. Die Vögel sind verstummt, und trotz der Frühe ist die Luft schon warm und dicht. Felder strecken sich stoppelig im Sonnenschein; als wäre das Jahr schon rum. Die Kirschen hängen wie Rosinen an den Bäumen oder liegen darunter.

Auch der Wald scheint erschöpft. Nicht so kühl wie erwartet, nicht so grün, und all das tote Holz … Hier, zeige ich, wären wir letztes Mal fast naß geworden. Herr G. nickt; aber heute kann er sein Tarp im Rucksack lassen. Regen ist eine ferne Legende. Der Waldboden knackt und staubt.

Der Teich am Wegrand liegt diesmal sehr kahl und riecht etwas streng. Was wohl aus den Libellen geworden ist, was aus der Entenfamilie vom letzten Mal? Aber hier: die Bank, an der damals der Hund fast in deinen Rucksack gekrochen wäre. Herr G. muß grinsen. Der Besitzerin war das sehr peinlich; dabei wollte er doch nur die Wurst …

Auch diesmal ist es am Ende herrlich, zwischen den Bäumen hinaus ins freie Ackerland zu treten. Das Korn ist fast überall schon gemäht, und wir schauen weit über gelbe Felder und schwarzen Wald. In der Ferne zieht ein punktgroßer Mähdrescher eine Wolke Staub hinter sich her.

Fernblick.

Dafür, sage ich, würde ich das immer wieder machen. Wenn das Land so vor einem liegt wie eine Schaufensterauslage, und man kann mit dem Finger auf die Ziele zeigen: da war ich schon, da will ich hin, und da, und da … Ich möchte gerne noch mal so richtig in den Wald. In einen, der nicht aussieht, als würde er das nächste Jahr nicht überstehen. – Während wir Pläne machen, stehen Falken auf der Jagd über den leeren Feldern, und darüber reisen graue Wolken. (Immer noch kein Regen.) Vielleicht gehen wir in ein paar Wochen noch mal hier, im Herbst oder, warum nicht, im Winter? Oder zur Kirschenzeit, natürlich.

Und dann: keinesfalls die Kamera vergessen.

12 Kommentare leave one →
  1. 26. Juli 2020 11:41

    Jeder macht Fotos wie er es sieht, da gibt es nichts zu vergleichen. Dein Streifen gefällt mir besonders.

    • 26. Juli 2020 18:58

      Danke. .) Ich mag das, Strecken öfter zu gehen und zu schauen, was verschiedene Jahreszeiten, Witterungen und Stimmungen damit machen.

  2. 26. Juli 2020 11:42

    Blauen oder grauen Himmel mit wenig Regen gibt es. Die Schilderung des staubigen Vertrocknetseins mitsamt dem strengen Wassergeruch, wenn überhaupt. Ach ja. Als wäre das Jahr schon rum. Echt jetzt. Was wohl noch kommt?

    • 26. Juli 2020 18:58

      Ich würde mir ja Regen wünschen, jede Nacht vier Liter. Aber da kann ich lange wünschen.

  3. 26. Juli 2020 12:01

    Doch noch mal auf Smartphone aufrüsten? Da hast du wenigstens immer eine Kamera dabei.

    • 26. Juli 2020 18:59

      Naja, aber dann verliert man gleich zwei Geräte auf einmal, wenn man’s mal verliert!

  4. 26. Juli 2020 12:32

    Dann hat Herr G. die Bilder gespendet? Schön sind sie. Und ja … ich teile deine Gedanken mit dem vor einer liegenden Land und den Punkten, die erwandert werden könnten und schon wurden. Ich mag das sehr.

    Und ich hoffe, dass wir auch mal wieder zusammen wandern werden. Im Herbst? Schön wäre das. Sehr!

    • 26. Juli 2020 19:01

      Die Bilder sind schamlos die aus dem Juni. .) Herr G. macht keine, nie; das ist auch irgendwie konsequent.
      Und wandern? Oh! Das wär was! (Raus ist ja das Gescheiteste, was man im Moment machen kann.)

  5. 26. Juli 2020 13:55

    Das staubige Land, all die sterbenden Bäume trüben meine Gänge, trotz noch verbliebener Schönheit.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    • 26. Juli 2020 19:01

      Ja, das tut regelrecht weh. Ich sehe auch zunehmend die Welt als gewährten und zerstörten Lebensraum. Städte zum Beispiel.

  6. 26. Juli 2020 16:59

    Endlich wieder! Das ist schön.

    Und ja: Diese Freude und diese Zufriedenheit, wenn wir Wegverbindungen herstellen – ein Netz spannen durch den Gang unserer Füße.

    • 26. Juli 2020 19:02

      Das Netz aus Sichtachsen und dem Wissen, wie man wo hinkommt. Das ist von sehr eigener Schönheit.

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