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Surfen auf der Hitzewelle

30. Juli 2019

Daß es ausgerechnet der heißeste Tag des bisherigen Sommers werden würde, konnten wir nicht ahnen, als wir uns verabredeten. Und nun? Versprochen ist versprochen, sagt Herr G. Gehen wir halt ein Stündchen früher. Im Schatten, durch Bachtäler.

Der Bahnhof heißt Blankenheim Wald, das klingt gut, aber um halb acht steht die Hitze bereits auf den Bahnsteigen. Empfangskomitee. Schweißgebadet schauen uns ein paar Arbeiter aus ihrer Baugrube nach, als wir Richtung Wanderweg stiefeln. Jadoch, wir sind freiwillig draußen.

Rastplatz im Wald

Rastplatz am Bach. Überraschenderweise nicht kühl.

Raus aus dem Ort wirkt es still und seltsam unbelebt. Die Wegränder blühen, aber in den weißen Dolden zeigt sich kaum ein Insekt. Eine riesige smaragdfarbene Heuschrecke läuft einen Fichtenstamm hoch, ich höre ihre Widerhakenfüße in der Rinde. Der Wald, Überraschung, spendet keine Kühle, nichts. Trocken wie Zunder, sagt Herr G.

Inzwischen ist es zehn und ernstlich heiß. Bei einer Schutzhütte schauen wir in den „Erdkühlschrank“, Getränkeflaschen in einem Loch im Boden (mit Vertrauenskasse), aber auch die stehen nicht mehr feucht. Alle Schnecken, die wir auf dem Weg sehen, sind zu Fragezeichen zusammengeschmurgelt.

Es geht sich anders. Das Spiel von Hitze auf den Feldern und Kühle im Wald, vertraut wie Licht und Schatten, funktioniert nicht. Was im Unterholz grünt, läßt die Blätter hängen; ein runder Teich im Wald, nach Schild: ein Bombentrichter, ist fast trockengefallen. Vom Morast am Grund nippen Singvögel. Auch wir nehmen alle paar Kilometer die Trinkflaschen heraus; so viel habe ich noch nie getrunken auf einer Wanderung. Noch ein paar wenige solcher Sommer, sagt Herr G., und die Rotbuchenwälder sind hin. Die brauchen eine Mindestregenmenge. Um die Fichten ist es nicht schade; nur: mit was wird da wohl aufgeforstet werden?

Einmal höre ich ein Summen, fast wie entfernte Bienen. Ich zupfe Herrn G. am Ärmel. Als wir stehenbleiben, hört das Summen schlagartig auf. Wir gehen weiter, es summt wieder: Tausende, Abertausende winziger brauner Fliegen steigen von der Waldwegböschung auf und schwirren ein paar Millimeter über dem dürren Moos. Sobald wir uns nicht mehr bewegen, fallen sie ins Gestrüpp zurück. Das kennen wir beide nicht; der Ton begleitet uns einige Kilometer.

Wir kehren bei der erst-, der zweit- und auch bei der drittbesten Gelegenheit ein. Eine davon ist die einstige Prämonstratenserabtei Steinfeld, wo die geschäftstüchtigen Katholiken einen Handel mit Kaffee, Kuchen und Ratgeberliteratur jeglicher Couleur betreiben. Besinnlichkeitskommerz, knurrt Herr G. mit Blick auf Kunstharzengel und Kerzenständer, während wir ein belegtes Brot essen.

Später in der Kirche bin ich mit allem versöhnt, beinahe sogar mit dem Klostergarten, der komplett als Parkplatz gepflastert wurde. Die Potentinus-Kirche ist ein wunderschöner, freundlicher Raum, und dazu noch kühl.

Hl. Hermann Joseph.

Der Heilige Hermann Joseph.

Noch später, da haben wir Kirche und Kloster längst hinter uns, zieht sich’s zu. Von Westen sind Gewitter angesagt, und ehe wir Kall erreichen, hören wir es grummeln. Mit dem Zug fahren wir dem Regen davon.

Der schönste Blick der ganzen Wanderung.

Es waren, lesen wir später, über vierzig Grad nicht allzu weit von unserer Wanderstrecke.

 

 

 

12 Kommentare leave one →
  1. 31. Juli 2019 7:21

    An den heißen Tagen bin ich nicht mal zur Mittagspause rausgegangen, Respekt vor eurem Durchhaltevermögen. Aber deine Schilderungen sind wieder einmal so lebendig und interessant, dass es sich durchaus (auch für uns) gelohnt hat! :-)

    • 31. Juli 2019 9:03

      Ich hatte wirklich gedacht, im Wald wird’s gehen, und war schockiert, daß diese übliche feuchte Kühle einfach fehlte. Auch sonst: einmal Schuhebinden, und der Kreislauf wollte lieber am Boden bleiben. Aber es ging, und der Regen am Ende war wie eine Belohnung.

    • 1. August 2019 7:05

      Ich finde den trockenen Wald auch eigenartig. Auf dem Weg zur Arbeit fahre ich mit dem Fahrrad täglich morgens und abends durch eine Baumallee mit mächtigen Linden und Kastanien. Es ist dort deutlich kühler und angenehmer, gerade als es so heiß war.

    • 1. August 2019 12:19

      Es war Nadelwald, der kühlt von vornherein nicht gar so gut wie Laub~; aber nicht mal im Boden war noch genügend Wasser zum Verdunsten. (Liest sich alles nicht so gut, was die Förster melden – Nadelwald wird fallen, so oder so.)

    • 1. August 2019 19:31

      Ah! Nadelbäume haben also weniger Kühleffekt als Laubbäume. Klar, sie haben ja weniger Oberfläche, aus der etwas verdunsten könnte. Interessant, sowas mal bei Extremtemperaturen zu entdecken, auch wenn es sicher anstrengend war für euch.
      Kurios sind diese kleinen Fliegen, die sich nur bei Wanderern in Bewegung selbst auch bewegen. Ihr seid ganz sicher, dass es nicht irgendwas am Schuh oder Rucksack war? ;-)
      Sachen gibts …

    • 1. August 2019 21:28

      Also, diese Fliegen! Ich hätte sie ja fotografiert, aber sie waren entweder in Bewegung oder nicht zu sehen. Das Summen klang wie eine Million Bienen im Nachbarwald, oder so. Wenn ich nur wüßte, wo ich mehr darüber erfahren kann –! Die Suchbegriffe „Fliegen Wald summen“ sind leider nicht sehr ergiebig. .))

    • 2. August 2019 13:45

      Ich fand im Internet auch keine laut summenden kleinen Fliegen. Weiß natürlich auch nicht, wie sie genau ausgesehen haben. Vielleicht erkennst du sie hier?
      http://www.insektenbox.de/zweifl.htm

    • 10. August 2019 21:46

      Keine Chance … Ich konnte sie ja nicht sehen, sowie wir stehenblieben, verschwanden sie. Hilft nichts, ich muß mal eine Entomologin finden, die sich Laienfragen gefallen läßt.

  2. 31. Juli 2019 16:02

    Ich kenne das auch – gut, es waren NUR 38 Grad. – Berlin Friedrichstraße wurde der Bahnhof überschwemmt – bei uns hier im Süden von Berlin kein einziger Tropfen.
    Jahrelang ist an meinem Geburtstag zu Ehren von Maria immer schönes Wetter – ich wünsche mir dieses Jahr davor und danach drei Tage Regen – doch bei wem kann ich das buchen?

  3. 31. Juli 2019 17:01

    Da würde ich gleich mitbuchen … Mal eine ganze Woche Regen. Und dann noch drei Wochen immer nachts.
    In den Städten werden wir sowieso noch mit besonderen Problemen zu kämpfen haben. Alles Wüste … Bis ein Baum groß genug ist für ernstzunehmende Kühlwirkung, braucht es zehn, zwanzig Jahre. Wir sind aber nun schon mittendrin in der Ofenhitze.

  4. 1. August 2019 11:45

    Der Bericht vom Wandern im Wald klingt nach einem fernen, merkwürdigen Land! Besonders das mit dem Summen der kleinen Fliegen. Hinterindien oder Arizonatrockenwald.
    Hat sich das schlagartig geändert?
    Ich weiß, ich weiß. Ob das grüne Tal jemals das wird, was es einmal war…

    • 1. August 2019 12:17

      Die Fliegen waren bizarr! Ich habe im Netz nichts dazu gefunden, weiß aber ehrlichgesagt auch nicht, nach was genau ich suchen soll.
      (Immer noch kein ordenticher Regen.)

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