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Lüftelberg mit Herrn G.

19. Februar 2019

Herr G., hatte ich gesagt, ich weiß da was aus dem Internet, so katholisch, daß es schon wieder heidnisch ist, die Römer kommen auch drin vor, es soll scheußlich sein. Da müssen wir hin! – Und so stapfen wir an einem rauhreifigen Wintertag durch überraschend liebliches Gartenland. Hier haben Generationen Obst und Gemüse und Blumen auf kleinsten Parzellen angebaut, die heute noch verschachtelte Fachwerkdörfer umgeben. Raubvogelgebiet. Hier und da liegen Bäche frei.

Für mich ist die Gegend fremd. Man kann weit schauen im Flußtal und die Türme der großen Städte sehen, für die hier einmal das Gemüse gezogen worden ist. Die Hochebene ist topfeben, zerrissen nur von Kiesabbau, der uns zu seltsamen Umwegen zwingt, immer in Sicht des Ziels. Nordrheinwestfalen, behauptet Herr G., besteht aus Reiterhöfen. Irgendwo müssen ja die ganzen Pferde für die Landeswappen herkommen. Langsam glaube ich’s auch; eine Pferdekoppel grenzt an die nächste, an fast jedem Zaun hängt ein Bitte-nicht-füttern-Schild.

Es ist kalt, deshalb trödeln wir nicht. Es gibt ohnehin wenig zu sehen am Wegesrand; zwei, drei Wasserburgen, die aber längst auf dem Trockenen sitzen. Die römische Wasserleitung, die hier einmal verlaufen ist, ist nur noch Legende. In manchen Orten haben Vereine ihren Verlauf auf den Straßen markiert oder einen ausgegrabenen Abschnitt in die Ortsmitte gestellt und mit Blumen umpflanzt, aber wirklich übrig ist nichts.

In Lüftelberg schließlich finden wir erst einmal Überraschendes: die Statue eines Mannes in der Tracht eines chinesischen Mandarins. Das, lese ich später nach, ist Adam Schall von Bell, der 1618 als einer von einer Schar Jesuiten nach China aufbrach, um dort Gottes Wort und die westliche Astronomie zu verbreiten. Die Missionare hielten sich in der portugiesischen Kolonie Macau auf, als die Niederländer angriffen, setzten im Handumdrehen vier defekte Geschütze instand und schlugen die Angreifer in die Flucht; nicht zu spaßen mit den Jesuiten.

Die heilige Liuthildis hingegen ist kaum zu greifen. Mit ihrer Spindel soll sie Wunder gewirkt und sich dann im Turm ihrer Kirche einmauern lassen haben; Genaues weiß man nicht. Die Kirche ist romanisch, aber geschlossen; zur Grabplatte der Heiligen alles gesagt. Wenn ich nicht gewußt hätte, nach was ich suche, hätte ich sie nicht gefunden. Ich mache ein Foto, ehe wir gehen.

Draußen fällt mein Blick über die Steinmauer in einen Streuobstgarten. Dicke, schmutzige Schafe käuen dort unter den kahlen Bäumen wieder, und ich denke, die sind bestimmt letzte Woche allesamt ausgetauscht worden. Herr G. fragt, wieso ich lache. Schwierig zu erklären, wirklich.

Der Rest ist Industriegebiet. Die erstaunlichste Erscheinung daselbst ist ein durchdringender Ingwerduft, unerklärlich, bis ich sehe, daß in einem Verkehrskreisel eine Menge der Knollen plattgefahren auf der Fahrbahn liegt. Schnee gibt es erst ein paar Tage später; schade.

Im Meckenheimer Industriegebiet.

 

 

 

 

9 Kommentare leave one →
  1. 19. Februar 2019 16:02

    Klingt gruslig und schön zugleich. Und ein bisschen unheimlich. Spannend aber auf jeden Fall. Und klasse geschrieben.

    • 21. Februar 2019 9:32

      Das mit dem Ingwer hätte mir auch gut gefallen. Ich bin ja neidisch auf exotische Straßen-Accessoires.

    • 25. Februar 2019 18:29

      Soso, ich komme halt nicht über die Geschichten weg, die an den Orten hängen. Die Vorstellung, wie die Heilige sich im Kirchturm einmauern ließ und sich am Gesang der Gemeinde freute, nun ja. Unwiderstehlich. (Und die Kirche von innen möchte ich dringend noch sehen.)
      Herr Ackerbau: keinerlei Socken in der Provinz! Inzwischen ist aber doch schon Frühling.

  2. 19. Februar 2019 19:26

    Das muss eine art Zeitsprung gewesen sein. Bist herausgekommen oder lebst dort weiterhin?

  3. 19. Februar 2019 22:10

    Das Foto, Ingwer platt Duft und so Manches: bizarr, aber nur leicht…
    Gruß von Sonja

    • 25. Februar 2019 18:30

      Ach doch, ziemlich. Und die Ortswebseite habe ich dabei noch verschwiegen …

  4. 19. Februar 2019 22:23

    Ach, freue ich mich schon aufs Ausschreiten! (Hier im Moment noch nur mit Schneeschuhen schön möglich, was ich aber aus Gründen – „schwierig zu erklären, wirklich“ – bisher auch verpasst habe.)

    Der Duft aus dem plattgefahrenen Ingwer gefällt mir sehr gut.

    Weiter gutes Gehen!

    • 25. Februar 2019 18:32

      Schneeschuhe –! Dieses Jahr habe ich zwei Tassen Weiß gesehen, das hätte nicht mal für einen Schneehasen gereicht. Aber der Frühling kommt, sagt die Amsel.

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