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Wir sind mehr.

4. September 2018

Im Café hängt ein Gemälde, ein Bild des Stammhauses – fast an derselben Stelle in der Stadt, nur daß die Stadt auf dem Bild nicht mehr steht. Das Gemälde zeigt den Platz kurz nach dem Krieg, alle Häuser Ruinen, buchstäblich kein Stein auf dem anderen.

Ein Mädchen von vielleicht zehn Jahren steht davor. Eine ältere Dame, die Großmutter?, versucht, die alliierten Bomben in ein paar Sätzen unterzubringen.
  Aber warum haben die das gemacht?, fragt das Kind; der Zweite Weltkrieg, das Dritte Reich, die Verfolgung von Juden und Andersdenkenden; aber warum?, der Nationalsozialismus; das Kind kann es nicht fassen. Warum?, und das ist ja wirklich eine gute Frage. Die Großmutter denkt nach.
  Die Nazis haben behauptet, sie wären mehr wert als andere Menschen, und deshalb haben sie sie verfolgt und ermordet.
  Die waren nicht mehr, die waren weniger wert!, empört sich das Kind, da antwortet die Großmutter entschieden:
  Nein. Die waren ganz genauso viel wert wie alle. Wenn man so etwas sagt, redet man genau wie ein Nazi. Alle Menschen sind gleich viel wert, und alle haben die gleichen Rechte!

Die beiden suchen sich einen Platz; das Mädchen schaut immer wieder auf das Bild, mit gerunzelter Stirn, hinter der die Fragen wachsen.

***

Ich muß immer wieder an dieses Stückchen Reportage denken von der Bestatterin, die am Rand der Ausschreitungen stand und sagte, ja klar, gegen die soziale Ungleichheit im Land müßte man sich eigentlich einsetzen, aber gegen die Ausländer, da wäre es so viel einfacher.

***

Bei mir gibt’s also jetzt ein Banner, mit Hashtag sogar. Aber das scheint mir sinnvoll, denn ich glaube das fest: Wir sind mehr. Mehr, die erst mal zuhören, statt draufzuhauen; die allzu einfachen Geschichten mißtrauen; mehr, die die Frage: Warum? nicht vergessen. Und nicht, daß wir alle Menschen sind.

8 Kommentare leave one →
  1. 4. September 2018 21:02

    Ja. Genau.

  2. 4. September 2018 21:41

    Eine kluge Geschichte. Ich mag dein Banner. :-)

    • 4. September 2018 21:42

      Das haben inzwischen viele. Ist plakativ; aber manchmal muß das.

  3. 5. September 2018 0:09

    Ich habe das Banner auch überall eingesetzt, wo es nur ging, im Header, im Gravatar, auf Facebook – Demos sind nicht mein Fall, die haben sie mir in der DDR gründlich verleidet. –
    Auch wenn ich schon Oma bin, aber mein Denken ist ähnlicher dem des Kindes als dem ihrer Großmutter. Es fällt mir sehr schwer, Menschen, die Millionen andere in den Tod geschickt haben, als gleichwertig zu betrachten.
    Ich bin so froh, die Nazizeit nicht erlebt zu haben, denn ob ich mutig genug gewesen wäre, eine verfolgte jüdische Frau bei mir zu verstecken, wage ich zu bezweifeln.

  4. 5. September 2018 11:07

    Anerkennung!

  5. 6. September 2018 20:15

    Vielen Dank für den Bericht und den Hinweis. Ich hab das Bild mal ebenso eingefädelt in meinem Blog.
    Schöne Abendgrüsse von der anderen Seite des grossen Flusses, Herr Ärmel

  6. 4. Oktober 2018 19:37

    Ein paar Fragen: Was sagt „Mehrheit“ über Recht oder Gerechtigkeit. Nur zur Veranschaulichung ein Beispiel: Die NSDAP ist bei den Reichstagswahlen 1932/33 mit einer MEHRHEIT der Stimmen gewählt worden.
    “ Mehr, die erst mal zuhören,“ – Zuhören können ist eine gute Voraussetzung. Hörst Du auch denen zu, die nicht Deiner Meinung sind ?

    • 5. Oktober 2018 18:47

      In einer Demokratie gibt die Mehrheit vor, wie politische Entscheidungen ausfallen, und damit die Richtung, in die sich die Gesellschaft entwickelt. Dem Eindruck, daß braun wieder mehrheitsfähig ist und man im Netz nach dei Klicks auf braunen Inhalt stößt, sollte man inhaltlich begegnen; plakativ tut’s in diesem Falle aber auch. Ich hoffe, sehr, daß uns kein weiteres 1932 blüht.
      Ja, ich höre / lese auch andere Meinungen.

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