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Schnörkel ohne Leine

23. Mai 2018

Die Mosel macht es uns leicht, sie zu mögen. Sie mäandert durch Landschaften von lieblich bis spektakulär, es ist recht einfach, gutes Essen zu finden, und in den kleinen Orten herrscht die Höflichkeit, die ich als Kind eingebimst bekam: man grüßt erst mal jeden. Auf Fragen gibt man Antwort, zur Not halt: tut mir leid, das weiß ich nicht. Wir sind nicht ein Mal unfreundlich behandelt worden, abgerissen, wie wir aussehen. Im Gegenteil. Die meisten fragen nach dem Woher und Wohin, berichten Wetter, und sie freuen sich mit, wie schön es hier ist.

In diesem Abschnitt ist die Landschaft sanft und weit.

Unser Weg führt über die Hügelflanken oberhalb von Piesport, zwischen Rebstöcken in praller Sonne, wahrhaftig kein Sommerweg. Ganz da hinten, wo der Hügel die Mütze aus Wald etwas tiefer gezogen hat, blitzt es: die Fenster einer Gaststätte. Da wollen wir hin. Hoffentlich haben sie nicht gerade Ruhetag, meint Herr G. Andere Leute würden jetzt ihr Smartphone zücken … Als wir sicher sind, daß da oben eine Markise weht, klettern wir zwischen zwei Rebreihen hinauf, poltern auf die Terrasse und lassen uns unter einen Sonnenschirm plumpsen: Kaffee, Kuchen, Eis. Das Leben ist schön.

Später, wieder auf dem Weg, streiten wir darüber, was man sich mehr wünschen könnte als die Fähigkeit, im Stehen zu pinkeln. (Ich finde, nix; da kann Herr G. sagen, was er will.) Das Ganze löst sich auf in Limericks und Wohlgefallen. Derweil ziehen wir sehr gemächlich unsere Bahn oberhalb des Flusses; da hinten kommen wir her, und da unten, da wollen wir hin. Schneller ging’s per Gleitschirm; den Startplatz schauen wir uns von oben an. Ob Fliegen wirklich schöner ist?

Der Nachmittag neigt sich. Die letzten Meter nach Neumagen hinein müssen wir Straße gehen; das sind immer die anstrengendsten Strecken, die man mit Autos teilen muß. Im Städtchen haben wir uns ein warmes Essen redlich verdient, nur: wo? Meine Informationen sind hoffnungslos veraltet. Tripadvisor!, sagt Herr G. und fragt kurzerhand eine Dame, die gerade vor ihrem Haus Geranien gießt. Sie erkundigt sich, was wir uns so vorstellen; dann schickt sie uns in ihr Lieblingsgasthaus. (Volltreffer.)

Da brüten wir dann bei Bratkartoffeln und Rieslinghuhn über der Karte. So ein Weg ist schön; schöner ist es, schon die nächste Etappe zu wissen. Fliegen wäre da nun wirklich keine Lösung; im Stehen pinkeln können hingegen praktisch. Naja.

12 Kommentare leave one →
  1. 23. Mai 2018 18:25

    Herrlich :-) Wandern bringt einen anscheinend tatsächlich zu den wichtigen Dingen im Leben.

    • 23. Mai 2018 20:25

      Das tut es! (Ich mußte schlucken – wir kamen ziemlich dicht an einem Unfall auf der Straße vorbei. Innerhalb kürzester Zeit sammelten sich da die Blaulichtfahrzeuge; da ist man sehr, sehr froh, daß man auf zwei Beinen abseits aller Straßen unterwegs ist.)

  2. 23. Mai 2018 21:41

    Herrlich, ich bin mitgewandert : still hinterdrein und gerne…
    Ich kenne die Moselwege eigentlich bloss aus Ihren Beschreibungen. (Umso weniger verstehe ich /// naja, Sie werden Gründe gehabt haben…)

    Abendgruss von der anderen Seite.

    • 23. Mai 2018 21:47

      Waswaswas, Gründe? Die sag ich Ihnen doch gern, wenn ich weiß, für was.

  3. 24. Mai 2018 7:36

    „was man sich mehr wünschen könnte als die Fähigkeit, im Stehen zu pinkeln“
    Ich würde mit Freuden das Privileg, im Stehen pinkeln zu können, gegen das Privileg multipler Orgasmen eintauschen.

    • 24. Mai 2018 7:44

      Haha, Sie nun wieder –! Das fehlte noch auf der Nur-Fliegen-ist-schöner-Liste.

    • 9. Juni 2018 19:05

      Ich aber auch!

    • 9. Juni 2018 20:00

      Ich weiß /nicht/, was Sie alle haben.

  4. 24. Mai 2018 11:36

    Soviel also zum Thema Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite des Zauns. (Ich versuche ja immer, das Privileg des Stehpinkelns zu genießen. Aber das gelingt mir nur in absoluten Notfällen; und gerade dann kann man eigentlich auch nicht mehr von Genuss sprechen.)

    • 29. Mai 2018 21:26

      Die Notfälle, die absoluten, die kenne ich! Und dann aber gerade nicht … Ach. Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit, wirklich.

  5. 9. Juni 2018 19:05

    Tolle Geschichte. Da wär man gern dabei gewesen

    • 9. Juni 2018 19:59

      (Sie hier!)
      Kann ich sehr empfehlen: das überschaubare Abenteuer im deutschen Mittelgebirge. Vogelwelt weniger spannend, dafür Vögel lecker gebraten.

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