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Bergluft

2. April 2018

Gewissermaßen sammle ich Seilbahnen. Der kindliche Teil meines Gemüts sorgt dafür, daß ich, wenn ich eine Seilbahn sehe, irgendwann auch drinsitze. Seilbahnen sind mir sympathisch; sie sind ein harmloses Vergnügen, machen keinen Lärm und kommen dem Fliegen recht nahe. (Notfalls nehme ich auch Zahnradbahnen, Dampfzüge oder Kettenkarussells.)

Statt Bergsteigen.

Nun also: die Seilbahn in Boppard, lange schon vom Boden aus bewundert. Nix mit Kabine, das hier ist ein Sessellift, und zwar seit 1954, als Boppard fand, man könne auch alpin. Erfrischend untechnisch kriegt man ein Papp-Abreißticket, steht freihändig an und wird dann von einem der freundlichen Mitarbeiter auf einen farbigen Punkt am Boden gelotst. Dann schiebt sich hinterrücks ein Holzsitz unter den Hintern, man bekommt noch einen Sicherheitsriegel vorgelegt, und solcherart aufgesammelt, wird man mit Schwung aus der Talstation befördert. Die Reise dauert eine erfreulich lange Weile und ist so geruhsam, so still und ohne was drumrum, wie man sich das nur wünschen kann.

Über einem gezackten Felsrücken schwebt man 232 Meter in die Höhe. Linkerhand faltet sich der Hunsrück in die Ferne, rechts mäandert der Rhein; gegenüber sieht man Filsen liegen, einen der Weinorte, die sich zu Zeiten der Reblaus auf Kirschanbau spezialisiert haben (auch einen Besuch wert). Weil es noch früh ist im Jahr, sehe ich kaum Grün, an sonnigen Stellen Veilchen und Schlüsselblumen und Singvögel im nackten Gezweig. Unten windet sich ein Felsenpfad, darauf klettern Ausflügler wie die Ameisen.

Die Bergstation ist liebevoll-österlich geschmückt; hier wird man sorgsam von den Mitarbeitern aus dem Sessel befreit und aus der Schußlinie geleitet. Ein Stückchen noch in den Wald hinein, und man hat die Wahl zwischen zwei Ausflugsgaststätten. Ich nehme die mit Aussicht auf „die größte Rheinschleife der Welt“, und da hält die Werbung tatsächlich genau, was sie verspricht. Einen Kaffee später muß ich auch schon wieder runter – der letzte Sessel geht um fünf.

 

Für Freunde des Ausflugs-wie-früher: Sesselbahn Boppard

 

 

 

 

11 Kommentare leave one →
  1. 2. April 2018 23:41

    Das mit der letzten Abfahrt einer Seilbahn kenne ich nur zu gut. Das war mal am Lago Maggiorre, wo wir uns verirrten und die Abfahrtszeit bedrohlich näher rückte.

    • 3. April 2018 12:14

      So bedrohlich ist es am Rhein nicht; wenn die Bahn stillsteht, kann man einfach zu Fuß gehen. Das ist in den Alpen sicher anders.

  2. 3. April 2018 10:38

    Da ist es ja, das Buschwindröschen!

    • 3. April 2018 12:15

      Ja, jetzt sind sie da! Endlich, endlich Frühling.

  3. 3. April 2018 11:12

    Ich mag das Kind in dir. Jetzt war ich in meinem Leben schon hundert Mal in Boppard, aber eine Seilbahn habe ich da noch nie gefunden. Danke für’s Berichten.

    • 3. April 2018 12:16

      Oh, dringende Empfehlung! Das dürfte Dir zusagen, denke ich mir. (Kaffee würde ich unten am Marktplatz trinken, da gibt es eine brauchbare Konditorei.)

  4. 4. April 2018 7:01

    Wahaaa! Sessellifte sind ein Horror für mich. Die können in den Bergen recht hoch hinauf gehen, und ich hab leider Höhenangst. Auch Seilbahnen versuche ich zu vermeiden.

    • 5. April 2018 8:48

      Oh, wie schade. Naja, zu Fuß ist sicherlich auch schön. (Neulich gelesen, daß die Kölner Gondelbahn über den Rhein hängengeblieben sei. Da mußten Leute vom Wasser aus aus den Gondeln befreit werden. Das stelle ich mir auch mindestens interessant vor.)

    • 5. April 2018 18:17

      Gütiger Himmel! Ein steckengebliebener Sessellift oder eine defekte Seilbahn … darf gar nicht dran denken. Ich würde wahrscheinlich zu Stein werden.

  5. 4. April 2018 17:25

    Ausflug wie früher – stimmt. Wir waren dort mit unseren kleinen Kindern, das hat bei denen bleibenden Eindruck hinterlassen! Mehr noch wie bei der Germania-Bahn in Rüdesheim. Beim Rückweg zu Fuß entdeckten wir zahlreiche flinke Eidechsen, also auch brauchbar.

    • 5. April 2018 8:59

      Finde ich auch: die Rüdesheimer Bahn ist schön, aber eine zahme Angelegenheit. Die in Boppard hat noch was von Abenteuer, wenn man so mit nichts als einer eisernen Fußstütze vor dem Nichts und dem Untergrund über den Fels schwebt. Und die Aussicht ist natürlich sowieso grandios.

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