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Gang mit Herrn G. und wiedergefundener Kamera

26. März 2018

Ich muß mich wieder an den Riemen auf der Schulter gewöhnen, sage ich zu Herrn G. Der Himmel ist hell und diesig, als hätte wer Zuckerwatte darin zerblasen, der Fluß erstaunlich dunkelblau und grün. Veilchen, Weißdorn, Schlüsselblume, Hyazinthen, Lerchensporn und diese Miniaturblümchen, weiß mit dunkelbraunem Kraut, von denen wir den Namen nicht wissen (Herr G. meint: ein Neophyt), dazu Vogelkonzert. Man kann nicht klagen.

Wenn ein Weg der bestmögliche Kompromiß aus der kürzesten und der bequemsten Verbindung zwischen A und B ist, dann hat der Moselsteig ganz klar das Thema verfehlt. Da wird der Wanderer auf Ziegenpfade geschickt, über Leitern und Fels und Geröll, aus zehn Metern Entferung betrachtet von Sonntagsspaziergängern auf asphaltiertem Weinbergsweg. Markante Punkte sieht man mitunter stundenlang aus verschiedensten Blickwinkeln. Das, sagt Herr G., hätten wir auch kürzer haben können. Aber so hübsch wär es dann nicht gewesen, antworte ich.

Das Bildermachen geht immer leichter. Ich will ja niemanden langweilen, aber Herr G. ist sehr geduldig mit mir und meiner Kamera. Später stellt sich heraus, daß er eine Menge Limericks kann, die meisten auf Englisch, und davon ein erklecklicher Teil unanständig. Wir fallen vor Lachen fast von der Bank; die Vorüberkommenden gucken.

Es wird ja wieder gewandert in der Republik. Den Pfaden folgen ganze Kegelclubs und Familienverbände, rasten an Hütten, genießen auf Bänken die Aussicht. Dochdoch, die dürfen, aber wenn man wandert, wär man gern allein, sagt Herr G., sonst könnte man sich ja auch in der Straßenbahn erholen. Wir bestaunen die menschliche Fähigkeit, sich völlig ungestört zu fühlen, sobald das Telefon an der Backe klebt: „Nein, da müssen Sie am besten gleich selbst hinfahren, um das zu klären, ich bin hier gerade mitten in der Pampa …“ Wir können das nicht und wünschen, es wäre Montag. Oder schlechtes Wetter.

An der Straße, da geht es schon hinunter in den Ort, ist es auch nicht besser, da lassen uns Geschwader von Motorrädern spüren, daß wir fehl am Platze sind. Herr G. ruft ihnen nach: Ja, heul doch! Und das tun sie. Man hört sie lange.

Unten in Moselkern gibt es keinen Kaffee. Dafür verliebe ich mich auf die letzten Meter noch rasch in den Bahnhof, ein skurriles Ding in voll erblühtem Jugendstil. Ich habe ja zum Glück meine Kamera wieder.

 

 

 

23 Kommentare leave one →
  1. 26. März 2018 12:27

    Bin ich froh – bin ja ein Bildhafter.

    • 26. März 2018 12:37

      Ach naja, es braucht tatsächlich Gewöhnung. Zeitweise habe ich glatt vergessen, daß ich das Gerät mit mir rumtrage.

    • 26. März 2018 18:57

      Aber bitte nicht wieder in der Bahn ;-)

    • 27. März 2018 9:12

      Ha, das wär’s. Ich werde mich hüten! .)

  2. 26. März 2018 12:32

    Sicher wandert Ihr in angesagter Wanderkluft um die Freizeithorden mächtig zu beeindrucken! (Bisschen Ironie!)
    Lachende Sonderlinge, Ihr!

    • 26. März 2018 12:39

      In atmungsaktivem Farbgebrüll, natürlich, eine Spur Hochkalorische-Riegel-Verpackungen hinter uns lassend. Neenee. Dann schon lieber Limericks.

    • 26. März 2018 13:04

      So etwa:

      Zwei Wanderer aus Irnzwas-mit-ell
      die wanderten professionell.
      Man hat in Knall-Neopren
      zuletzt sie gesehn …
      So fand man sie wenigstens schnell.

  3. 26. März 2018 12:53

    Wunderbar geschrieben. Danke dir!

  4. 26. März 2018 15:20

    Ist das tatsächlich die mit der Bahn eigenständig verreiste?

  5. 26. März 2018 16:22

    War‘s nicht eher ein Geophyt als ein gerade Bekehrter?

    • 26. März 2018 16:27

      Welchen Glaubens er ist, weiß ich nicht; jedenfalls ein pflanzlicher Neobiont.

  6. 26. März 2018 18:26

    Ich mag es, wenn Sie und der Herr G. wandern. Und bei Ihnen blüht ja schon richtig viel. Gestern am hiesigen See blühten nur blaue und weiße Blümchen, die an Immergrün erinnern, aber andere Blätter haben. Ich weiß leider auch nicht, wie die heißen. Dafür flogen Zitronenfalter und Kohlweißlinge.

    • 27. März 2018 9:14

      Zitronenfalter habe ich auch gesehen; die sind so gelb, die können nicht von hier sein. Und noch ganz neu und unzerfleddert, wie man sie dann im Spätsommer sieht.

  7. 27. März 2018 1:01

    Ja, das Wandern. Ich traue mich kaum zu sagen, dass ich eher Spaziergängerin und Flaneurin bin, aber bei längeren Pfaden durchaus auf den Geschmack kommen könnte – es ist die Natur, die überzeugt! Aber wie du sagst, das Wandern wird wohl nicht einfacher, da es auf den schönsten Wegen genauso voll ist wie in den Städten, von der Mosel über Ligurien bis in noch entlegenere Ecken, also zögere ich noch und schlage mich lieber spontan mal in die Pampa. Aber schön, dass dich deine Kamera wieder begleitet, bald wirst du dich auch wieder an sie gewöhnen.

    • 27. März 2018 9:17

      Oh, das Flanieren ist Wandern in kleineren Räumen; das habe ich sehr gern. Die Augen spazieren führen. Solange sich das Massenwandern auf gutes Wetter und die ausgetretenen Pfade beschränkt, bin ich guter Dinge; mit ein wenig Richtungssinn kommt man auch abseits ganz gut voran.

  8. 27. März 2018 3:25

    Zwar keine Neophyten, aber zu den ersten Frühlingsboten zählen auch die weiss blühenden Buschwindröschen (Anemone nemorosa L.) – vielleicht waren es diese?!
    Wünsche weiterhin stets lohnenswerte Situationen vor dem Objektiv,
    FEL!X

    • 27. März 2018 9:31

      Buschwindröschen brauchen noch ein, zwei Wochen, denke ich. Das Pflänzchen ist winzig, eher wie ein Hungerblümchen; das ist es aber nicht. Ich konnte es in den einschlägigen Pflanzenführern nicht finden. Na. Ich suche mal weiter.

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