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Wer billig übersetzt, übersetzt zweimal

6. März 2018

„…dyed blue.“ Die Violine, so steht es im englischen Text, würde nicht gespielt, sondern „tousled, fleeced, dyed blue“, und das ist so eine Stelle, an der wacht man unweigerlich auf. Blau gefärbt??

Ein Blick ins Netz klärt mich auf: der Musikkritiker Eduard Hanslick urteilte über Tschaikowskys Violinkonzert, daß die Violine „gezaust“ und „gerissen“ werde – und „gebläut“. Nach der alten deutschen Rechtschreibung hätte hier „gebleut“ gestanden; damit wäre vermutlich weniger schiefgelaufen. Für „gebläut“ aber greifen die Online-Übersetzungsprogramme knapp daneben und bringen Begriffe aus der Färberei zum Vorschein … Rest kann man sich denken.

(Mich hat das immerhin dazu gebracht, Hanslicks Kritik nachzulesen. Dieses „Violin-Concert“, schreibt er, „bringt uns zum erstenmal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört“. Mit blaugefärbter Violine, so nehme ich an, kein Problem.)

 

 

 

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21 Kommentare leave one →
  1. 6. März 2018 14:53

    Mh. Aber ist die Schreibung bleuen nicht unetymologisch? Kommt das Wort nicht von der Farbe der Verletzung, die die damit bezeichnete Behandlung hervorruft, dem blauen Fleck nämlich?

    • 6. März 2018 18:05

      Ganz bestimmt. Aber mit „bleuen“ war klar, daß es ums Einprügeln geht und nicht um das Blaufärben von etwa Textilien. (Mit Violinen sollte man natürlich beides nicht machen.)

      Nachtrag: Es ist komplizierter.

    • 6. März 2018 22:53

      Ich staune und weiß nicht, wie ich das in Worte fassen soll. Mehr als das Wort und die Neugier überkommt mich hier die Faszination darüber, was Menschen in der Lage sind, zusammenzutragen…

    • 7. März 2018 8:30

      Verstehe ich das richtig, daß das mit blau nichts, dafür aber mit eng. blow zu tun hat?

    • 7. März 2018 10:48

      Mit den vermeintlich etymologisch richtigen Schreibweisen haben uns die Macher der letzten Rechtschreibreform schon ordentlich in die Irre geführt, hier ist extreme Vorsicht vor einfachen Erklärungen angebracht.

  2. 6. März 2018 21:14

    Auch, wenn es sehr banal klingt:
    mein erster Gedanke war:
    betrunken verstorben.

    Sorry…. :-/

  3. 6. März 2018 23:47

    Als Synästhetikerin gibt es für mich übrigens durchaus blaue Musik, allerdings bezweifle ich, dass hier das gemeint ist 😊

    • 7. März 2018 11:14

      Und natürlich der Donnerstag, der ist auch blau. ;-)

    • 7. März 2018 14:20

      Bei mir blauviolett und Freitag hellblau.
      Aber die Ärzte machten am Donnerstag blau, früher. In der Schweiz jedenfalls. ;-)

  4. 7. März 2018 8:23

    Beim Frühstück frage ich gerade den geliebten Briten, was er sich im Zusammenhang mit einem Geigenspiel unter dyed blue vorstellt. Die Antwort: Nichts. Er weiß nicht, was damit gemeint sein könnte. Der Begriff scheint in diesem Zusammenhang nur Musikexperten geläufig zu sein. ;-)

    • 9. März 2018 13:26

      Haha! Sehr gut; ich wüßte ja manchmal gern, wie es für Briten so ist, in einer fehlübersetzten Welt zu leben. Man gewöhnt sich vermutlich an vieles.

    • 10. März 2018 0:11

      Ach, er amüsiert sich recht oft! Zum Beispiel neulich vor einem Plakat, auf dem eine Fahrschule einen Crash-Kurs anbot. ;-)

    • 10. März 2018 13:57

      Ähm … ja, sehr nützlich, so was. .)))) (Ich fand auch „Tauchen: Schnupperkurs“ immer hübsch.)

  5. 7. März 2018 11:28

    Der „Kluge“ weiß zu berichten:

    „Vsw ‛schlagen’ per. arch. (8. Jh.), mhd. bliuwen Vst., ahd. bliuwan Vst., as. ūtbliuwan (nur Präs.)
    Aus g. *bleww-a- ‛schlagen’ Vst., auch in gt. bliggwan. In neuerer Zeit zu blau gezogen (grün und blau schlagen) und zu einem schwachen Verb geworden. Die Sippe hat außergermanisch keine genaue Vergleichsmöglichkeit. Eine Ableitung ist Bleuel, mhd. bliuwel, ahd. bliuwil ‛Mörserkeule, Schlegel zum Brechen der Flachsstängel’, hierzu in neuerer Zeit Pleuelstange. Präfigierung mit ver-; Partikelverb mit ein-.

    • 9. März 2018 13:27

      Sag ich doch. „Blau“ als spätere Hinzuziehung; aber immerhin.

  6. 7. März 2018 14:13

    Deiner Überschrift kann ich nur zustimmen.
    Ich habe mal die Geschichte eines mittelständischen Unternehmens geschrieben. Darin spielte die Geschäftsführerin Frau Koch eine nicht unwichtige Rolle. In der englischen Ausgabe des Buches fand ich sie später als „Mrs. Cook“.
    Übersetzungsprogramme, brrrr….
    Andererseits hat mir Google Translate neulich die Türen zu polnischsprachigen Internetseiten und damit zu einer ganz bestimmten Information geöffnet, die ich nirgendwo sonst im Netz finden konnte.
    Fluch und Segen.

    • 9. März 2018 13:29

      Ah, poor Mrs Koch! Läßt mich an Zeiten denken, wo Lokalisierung noch ein ganzes Stück ernster genommen wurde als heute. Zum Beispiel habe ich kürzlich den Tiger von Eschnapur gesehen, in der englischen Version. Und siehe da: alles Engländer!

  7. 8. März 2018 21:27

    „[…]bringt uns zum erstenmal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört“ :-) erinnert mich an Nietzsches Diktum über Emile „Zola: oder die Freude zu stinken“ (Götzen-Dämmerung, Kap. 11, Streifzüge eines Unzeitgemässen, § 1).
    Das gebleut/gebläut, dyed blue usw. hätte ich auch nicht verstanden. Vermutlich habe ich das immer noch nicht verstanden, um ehrlich zu sein… Aber auf der Suche nach dem Niezsche-Zitat habe ich mich gefreut, diesen wieder zu entstauben. Nehme mir wieder einmal vor, ihn erneut zu lesen. Bin skeptisch, gebe ich zu. Tempus fugit und ich fühle mich kurzbeinig wie eine Lüge und komme nicht hinterher.

    • 8. März 2018 21:41

      Ach jetzt habe ich es verstanden, das dyed blue ist die Übersetzung, gebläut (original Rechtschreibung Anno Frakturschrift – wau!) das Original! So ergibt es Sinn.
      Und bei Nietzsche schon wieder vertippt, ich könnte mich ärgern: zuerst eine halbe Stunde geduldig nach einer Stelle suchen, dann überhastet kommentieren. Typisch ich.

    • 9. März 2018 13:32

      Ich würde jetzt ja dem Herrn Nietzsche sein eines t nachtragen, aber dann versteht keiner mehr den obigen Kommentar. Also bleibt’s, wie es ist. Den Hanslick habe ich auch sehr amüsiert gelesen; das war wohl eines der großen Fehlurteile der Musikkritik. Google sei Dank, in diesem Fall, daß man solche Sachen einfach so finden und konsumieren kann.

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