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Worte und Wege

29. Januar 2018

Herr G. flucht. Nichts, gar nichts stimmt da! — Auf der Karte führt ein Weg aus dem Ort heraus, direkt am Schloß den Berg hoch; aber nun stehen wir am Schloß, und nix ist. Wir irren zwischen Häuserzeilen am Hang herum, stiefeln mehr als einmal über Privatgrund, und irgendwann finden wir ihn hinter einem geparkten Kleinwagen, den Weg; eine steile, brombeerverrankte Angelegenheit, der Schlamm knöcheltief. Zwischen zwei Schnaufern gebe ich zu bedenken, daß die Karte zwanzig Jahre alt ist. Aber es sind Wege!, schimpft Herr G., sowas gehört gepflegt!

Wenigstens mit dem Wetter haben wir Glück; die Wolken schleppen sich über die Hügel und regnen anderswo. Immer wieder bleibe ich stehen: Ooooh! Das wäre ein Foto; aber ich bin ja kameralos. Tja, sagt Herr G. im Weitergehen, und recht hat er. Die nicht gemachten Bilder vergesse ich viel zu schnell wieder, doch ein diffuses Bedauern bleibt. Zeit für einen Kamerakauf, beschließe ich.

Die Karte ist eigentlich sehr genau. Ein paarmal sehen wir an Kurven und Winkeln exakt, wo wir stehen, aber die Wege wurden verlegt. Herr G. ist erzürnt. Ein ganzes Stück gibt es schlicht nicht mehr, endet in einem Gebüsch, und wir müssen einen gewaltigen Umweg machen. (Später zeigt er mir auf den Satellitenkarten im Netz: sogar da ist es noch eingezeichnet!) Wald wurde gerodet, Felder eingezäunt, Siedlungen sind gewachsen. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit.

Wie kamen wir eigentlich darauf, frage ich Herrn G. mitten im Gespräch, ich weiß noch, du hast was gesagt, das hat mich an das erinnert, was ich dir gerade erzählt habe, aber was war es? Fünf Minuten her, und schon verflogen! Eine Karte fürs Gespräch, das wäre was. Oder eben Bilder: die hübsche Geschichte über seinen Namen, die Herr G. mir erzählt hat, weiß ich noch, weil gleich daneben ein Schloß stand, mitten in den Feldern, eine tausend Jahre alte Wasserburg. (Kein Foto.)

Am Ende verlaufen wir uns noch mal, aber da ist es erstens schon egal, und zweitens erwischen wir aus Versehen einen Weg schnurstracks aus den Hügeln in die Ebene des Rheins. Gerade als wir den Wald verlassen, bricht die Sonne durch und bestrahlt die grünen Felder, Andernach im Tal und die Hügel dahinter, zum Greifen nah. Bezaubert erreichen wir den Ortsrand.

Unten ist die Rheinpromenade gesperrt; Hochwasser. Wir finden das häßlichste Café mit dem besten Kuchen seit langem, und ich, glücklich mit meinem Milchkaffee, bin mit allem versöhnt. Herr G. sagt nicht, daß ich leicht zu amüsieren sei; aber recht hätte er. Manchmal ist ein kurzes Gedächtnis nicht das Schlechteste.

 

 

 

12 Kommentare leave one →
  1. 29. Januar 2018 15:51

    Da lob ich mir doch meine digitalen Handykarten. 😉
    Ich freu mich, dass ihr euch doch wiedergefunden habt nach all den Irrungen und Wirrungen und daraus so ein feiner Text gewachsen ist.

    • 29. Januar 2018 16:13

      Ich muß ja ehrlich zugeben, daß mir Irrungen und Wirrungen Vergnügen machen. Zumindest hat man dann was zu erzählen. (Und ich bin immer noch dafür, den Felsenpfad in der Pfalz noch mal zu suchen. .))

  2. 29. Januar 2018 16:46

    Auf sämtlichen Kulturpfaden, Rothaarsteigen und sonstigen Wegen wandle ich ohne jedes Wischding – und siehe: verlaufen war noch nie. Und wenn, dann gab es glückliche Fügungen mit Entdeckungen der feinen alten Art! Verdreckte Schuhe – na und. Hässliche Cafes, das ist es wert! Wie läuft es sich mit zornigen Herren? Aber es gab ja wohl ein Einsehen…
    Schöne Geschichte, auch ohne Kamera!

    • 29. Januar 2018 17:30

      Danke! — Ach, mit diesem zornigen Herren ist gut laufen; der ist nämlich ein kluger Mensch und weiß wunderbare Geschichten. Und: das Unerwartete ist oft das Schönste an Wegen, ja!

    • 29. Januar 2018 20:19

      Wischding – sehr schön!

  3. 29. Januar 2018 17:01

    Sich zu verlaufen birgt die tollsten Abenteuer in sich.
    Ist uns auch schon passiert, trotz nasser Füße in verschlammten Schuhen hatten wir hinterher toll was zu erzählen.

    • 29. Januar 2018 17:35

      Ja! Wenn alles so läuft wie geplant, dann ist das schön; schöner finde ich, wenn es ungeplant auch läuft, mit Drall ins Erstaunliche. .)

    • 29. Januar 2018 17:35

      Stimmt ;-)

  4. 29. Januar 2018 22:24

    Ich verlaufe mich ja ständig. (Ich bin überhaupt die unfähigste Person in der Geschichte des Wanderns.) Aber durchs Verlaufen sehe ich Dinge, die ich auf dem rechten Weg nie gefunden hätte. Übrigens sagte mein Vater immer: wenn mich meine Töchter chauffieren, lerne ich Deutschland erst so richtig kennen.

    • 30. Januar 2018 10:08

      Ich kann immerhin behaupten: zurück finde ich immer. Das ist auch dann eine Tugend, wenn man sich leicht verirrt. (Die Kunst des Abweges, da gibt es ein Buch von Rebecca Solnit, das suche ich nachher mal.)

  5. 29. Januar 2018 23:53

    Wir wandern meist mit der outdooractive App, das klappt recht gut. Da läuft man eben manchmal im Zickzack, weil man trotzdem gelegentlich vom Weg abkommt. Schlimm fände ich halt, an einer (langen) Straße zu enden, weil man den idyllischen Waldweg nicht gefunden hat. ;-)

    • 30. Januar 2018 10:10

      Oooh, lange Straßen –! Ja, die sind von Übel. Aber wir kennen da nix, notfalls flüchten wir querwaldein …

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