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Maschinengeflüster II

3. Dezember 2017

Im Netz trifft man mich unter anderem unter Hermann Kuchen Brief. Bis vor kurzem zumindest führte das zu einem der beliebtesten Artikel auf meinem Blog. So was finde ich ganz interessant; anhand gewisser Zugriffe kann ich zum Beispiel darauf schließen, wie das Wetter im Lande ist oder ob ein Feiertag naht. Das Textchen über den Sauerteigkuchen jedenfalls wurde über ein paar Jahre hinweg monatlich stabil oft angeklickt, knapp überrundet vom darin verlinkten Bild mit der Anleitung. Suchmaschinen schienen mein Blog einigermaßen weit oben zu listen, wenn jemand nach Hilfe beim Backen eines Hermann-Kuchens suchte.

Im Februar dieses Jahres änderte sich etwas. Stabile Zugriffe auf das Bild mit der Anleitung; die auf den Artkel selbst halbierten sich. In den Referrern tauchte jetzt immer wieder einer auf — „lakritze-wordpress-com.cdn.ampproject.org/…“. Ich schaute mir das an: mein Text, 1:1 in einer fremden Umgebung, klare Schrift, heller Hintergrund, eigentlich hübsch. Nur noch für das Bild mußten Leser, die es sehen wollten, tatsächlich auf mein Blog.

In den folgenden Monaten sank die Zahl der Klicks auf den Artikel, seit August Tendenz gegen Null. Beim Bild der Anleitung: dasselbe, mit etwas Verzögerung. Und gucke da: Suchmaschinen listen meinen Artikel nicht mehr so weit oben, daß noch jemand darauf stößt.

Das „Ampproject“ will, anscheinend in Kooperation mit Google, die Darstellung von Webseiten auf Mobilgeräten beschleunigen. In meinem Fall hat das wohl zunächst zu einer Dopplung meines Artikels geführt — und dann dazu, daß dieser aus dem Fokus der Suchmaschine rutschte? Hm.

Ich beobachte und stelle Vermutungen an, ohne über die Prozesse wirklich etwas zu wissen. Auch fehlt mir das finanzielle oder sonstige Interesse an solchen Dingen; wie aber wäre das für Leute, die davon leben, daß ihre Inhalte gefunden, daß ihre Seiten geklickt werden? Mit Journalisten und Autoren, mit Dienstleistern oder Händlern?

Da sitze ich mit meinem Blog wie in einem Boot auf einem stillen See. Der Himmel spiegelt sich tagein, tagaus im Wasser. Eigentlich ändert sich nichts, aber manchmal meine ich Schatten in der Tiefe zu sehen, große Wesen, die da unten ihre Bahnen ziehen und nichts mit mir zu schaffen haben; hier und da ein Kräuseln der Oberfläche vielleicht, vielleicht ein kaum merkliches Schaukeln des Bootes.

Manchmal denke ich: schade, daß ich nicht tauchen kann.

 

 

 

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22 Kommentare leave one →
  1. 3. Dezember 2017 11:20

    Tauchen möchte ich nicht, da ich ohnehin nur einen geringen Umfang sehen würde und mit der falschen Gewissheit, verstanden zu haben, auftauchen würde. Im Auftauchen gingen die Prozesse weiter und ich müsste gleich erneut runter…

    • 3. Dezember 2017 11:43

      Mir geht es auch weniger um die konkrete Frage. Eher so darum, was die zugrundeliegenden Motive sind. Wer gestaltet da was? Und wie beeinflußt das mein Netz, das ich bloß nutzen möchte wie etwa eine Straße?

  2. 3. Dezember 2017 12:17

    Und wieder so ein köstlicher Text, der mich auf die Idee bringt, mal wieder einen Blick hinter meine Kulissen zu tun … :-)
    (Und vermutlich werde ich jetzt Hermann-Kuchen guckeln müssen.)

    • 3. Dezember 2017 12:27

      Bei WordPress liest sich das übrigens ganz anders. Nur Vorteile für die Blogger. .)
      Edit: Oder es steckt etwas anderes dahinter, das ich noch weniger sehen kann? Eben. Man weiß es nicht …

  3. 3. Dezember 2017 13:45

    Wenn die alte Tante Guurgel, und nur wenn das so ist, dann habe ich davon schon gelesen und auch gehört.

    „…wie aber wäre das für Leute, die davon leben, daß ihre Inhalte gefunden, daß ihre Seiten geklickt werden? Mit Journalisten und Autoren, mit Dienstleistern oder Händlern?“
    Zu diesen Zielgruppen kommen früher oder später freundliche Kundenberater (Vertreter), allesamt in Lohn und Brot bei Tante Guurgel. Die öffnen ihre Zauberkoffer und zeigen, wie es aussieht und was es kostet, wenn man wieder ganz oben bei den Suchergebnissen stehen möchte.

    Einer meiner Freunde hat für den ersten Platz auf der Liste, also um ganz oben zu stehen, einen moderaten Betrag entrichtet und trug danach ein leuchtendes Lächeln im Gesicht.
    Die Probleme werden allerdings beginnen, wenn ganz viele auf den ersten Platz möchten. Versteigerungen sind denkbar…

    Adventsgruss von gegenüber

    • 3. Dezember 2017 14:10

      Ich kenne Leute, die Anzeigen bei der Maschine buchen, und Leute, die andere dafür bezahlen, ihre Seite ganz oben in den Suchergebnissen zu halten. Daß bei letzteren die Maschine die Finger im Spiel hätte, habe ich noch nicht gehört; aber wer weiß? Es zeichnet sich jedenfalls schon ab: ohne professionelle Unterstützung wird irgendwann nix mehr gehen; neue Berufsbilder werden entstehen.
      (Hm. Suchmaschinenbetreibersubfirmen, die Optimierungsdienste anbieten — ein wirtschaftliches Perpetuum mobile …)

    • 3. Dezember 2017 23:32

      Wie sich das mit den Maschinen entwickeln wird, habe ich heute wieder zeitkostenintensiv erleben müssen.
      Mitfahrgelegenheit von nördlich hierher. Junger Fahrer. Ich mache ihm bezüglich der Route einen Vorschlag. Wenns einigermaassen läuft würde man etwa drei 1/2, überallerhöchstens vier Stunden brauchen.
      Seine Antwort war ebenso schlicht wie aufschlussreich: „Ich lass das Navi (also die Maschine) bestimmen, die weiss es eh besser als ich.“
      Wir haben fünf Stunden gebraucht. Langsames Dahinschleichen auf der Autobahn. Und genau das wollte der Fahrer vermeiden.

      Und was Ihren Gedanken hinsichtlich der „professionellen Unterstützung“ betrifft, da muss ich Ihnen leider zustimmen.

    • 4. Dezember 2017 9:30

      Haha, bei Streckenführungen lasse ich mir auch nicht gern was von Maschinen vorschreiben. Schließlich will ich mich auch ohne Strom zurechtfinden … (In der New York Times fand ich einen Artikel über computergestützte Polizeiarbeit und daß Maschinen immer Spiegel ihrer Schöpfer sind. Naja. Noch ein Faß.)

    • 4. Dezember 2017 11:51

      Schönen Dank den Link. Da wird selbst uns Älterwerdenden noch einiges ins Haus stehen…

  4. 3. Dezember 2017 15:59

    Es gibt auch andere Seiten, die ganze Blogs kopieren. Meiner war (ist?) auch anderswo verfügbar (hat mich eher zum Nachdenken gebracht, dass es mit Löschen eines Blogs nicht getan wäre, wenn man keine Lust mehr hätte). Wozu das gut sein soll – keine Ahnung.

    • 3. Dezember 2017 16:34

      Wie der Gesang der Wale: man weiß es nicht, aber irgendwas wird es schon nützen. Vermutlich was mit Geld.
      (Auch die Frage, wieso überhaupt bloggen, ist so sinnlos, daß ich sie immer mal wieder wälze. Solang’s Vergnügen macht, allerdings nicht allzu ausdauernd. In dem Zusammenhang auch Dank für die schönen Links zur Bloggertreffberichterstattung.)

    • 3. Dezember 2017 21:27

      Die Frage nach dem Warum kann ich auch nicht so leicht beantworten.
      Mir gefällt das Bild mit der Wasseroberfläche. Normalerweise beschreibt man ja damit das Verhältnis Ich/Unterbewußtsein. Sollte das Verhältnis des sichtbaren Internets zur Bot-/Maschinenwelt ähnlich sein?

    • 3. Dezember 2017 22:16

      Für Nicht-Informatiker? Heißt schließlich Benutzeroberfläche! Hauptsache, es funktioniert – und man belästige mich nicht mit den Details. (Ha, es muß Gründe haben, daß Informatiker in der Furcht leben, sie könnten mit der Mistgabel aus dem Dorf gejagt werden, wenn der Rest der Welt ihnen auf die Schliche kommt.)

  5. 3. Dezember 2017 17:36

    Frau Dergl von Fädenrisse postete vor einigen Wochen über das gleiche Problem. Sie hat sich dann entschlossen, ihren Blog auf „Privat“ umzustellen. Ich frage mich ja sowieso, was Google jetzt mit Wortpress am Laufen hat? Bei der Anmeldemaske erscheint jetzt auch das Google-Login. Ach, da dachte ich, eine kleine unkommerzielle Nische im Netz gefunden zu haben. Anderseits: Konnte ja nicht ewig so weiter gehen mit der Webseite für umsonst.

    • 3. Dezember 2017 17:37

      WP? Unkommerziell? Neenee. Da muß man schon bei den Dinosauriern gucken. Antville ist so einer; finanzert sich über Spenden, Luft und Liebe.

    • 3. Dezember 2017 23:35

      Unkommerzielle Nischen im Netz? Dazu wurde das aber nicht erfunden…

    • 4. Dezember 2017 8:32

      Dochdoch, ein paar Enthusiasten gibt es. Die machen das als Verein, zum Beispiel, und stecken Fachkenntnis und Freizeit da rein.

  6. 3. Dezember 2017 18:12

    Ich habe von diesem Problem auch schon gehört, finde ich erschreckend: Man eignet sich die Arbeit anderer einfach so an, ein Plagiat ist das. Und SEO-Erpressung. Es gibt Firmen, die machen das gewerbsmäßig, nicht nur WordPress und Google, auch Facebook, so wird kolportiert.
    Ich weiss, dass es nicht jeder so machen kann wie ich, aber ich habe mich dafür entschieden, das Internet für meine Webseiten wie ein Schaufenster in einer kleinen Seitenstraße zu benutzen: Wer zufällig vorbeikommt, kann hineinschauen, aber ich schalte keine Werbung dafür (Google & Facebook usw.). Ich erzähle den Nachbarn im Café, dass es mich gibt, z.B. hier in diesem Kommentar verlinke ich auf meine letzte Webseite, aber ich habe dieser Seite ohne jeglichen Text verfasst: Alles geschriebene ist gemalt oder gezeichnet. Welchen Suchbegriff soll Google schon finden, wenn nichts maschinenlesbar ist? Keine Metatexte, keine EXIF-Tags, keine Facebook- oder Twitter-Buttons, die Bilder selber viel zu groß, um damit etwas vernünftiges anzufangen, nicht Handy-tauglich… Eigentlich bescheuert. Aber etwas besseres fällt mir nicht ein, um das, was mir am Netz missfällt, nicht auch noch zu fördern.
    Wenn aber jemand auf das Netz angewiesen ist und es für die eigene Vermarktung benutzen möchte, dann, fürchte ich, muss dieser Mensch sich dem Diktat aus SIlicon Valley beugen: Du sollst für uns transparent sein und dich unseren Regeln unterwerfen. WordPress ist nicht einmal das schlimmste und es ist recht leicht und billig, seine Blogs selber zu hosten (man verzichtet schon auf einiges: die Bequemlichkeit ist ein prima Köder, das, was Sie als Flusensieb bezeichnen, kann ich nicht, ich habe keine Community und keinen Support, keine vorgefertigten Themes…). Ich fürchte, ich verliere mehr als diese großen Unternehmen. Kann ich es mir leisten? Noch tue ich es, mal sehen, wie lange. Manchmal bin ich ganz froh, schon so alt zu sein. Die Folgen dieser Entwicklung werden mich nicht mit voller Wucht treffen (oder doch?), das trifft die heutige Jugend. Und ich höre jetzt auf, das ist bereits zu lang. Sorry! Wenn man mit dem Meckern anfängt, findet man kein Ende.

    • 3. Dezember 2017 22:12

      Letztlich entzieht sich doch, wer kein kommerzielles Ziel verfolgt, all diesen Mechanismen – dann sind die unique pageviews halt egal. Oder? Mir täte es leid, wenn Menschen das Netz irgendwann nur noch als Kommerzplatz wahrnähmen, nur noch auf Klicks aus wären. Das ist ein Nützlichkeitsdenken, das mir zutiefst zuwider ist. Aber das ist dann auch wieder ein bodenloses Faß, das ich heute mal nicht aufmache.

  7. joulupukki permalink
    8. Dezember 2017 8:28

    hmmm … ich finde deinen Hermanntext nur von Dir auf Google. Und lakritze-wordpress-com.cdn.ampproject.org liefert 404?
    Hat sich da was getan seit du diesen Artikel geschrieben hast?

    • 8. Dezember 2017 9:26

      (Oh, hallo Jou! Es dezembert; da läßt sich die Weihnachtsfrau sehen. Schön!)
      Die ampproject-URL ging noch weiter, da hing dann noch /v/s/und die ganze Artikeladresse dran. Dochdoch, die geht noch. Und nicht nur bei Hermann, aber da merke ich’s halt.

Trackbacks

  1. Ein hoffentlich letztes Wort zu der Sache mit dem Content-Diebstahl: – Fädenrisse

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