Skip to content

Hier nicht zu sehen

29. November 2017

Schwarz und gelb gescheckt: Ahornblätter, die als feuchter, rauher Teppich den Weg bedecken; darin ein gleiches Ahornblatt, genauso schwarz und gelb, das einen Fingerbreit über den anderen schwebt, vom eigenen Stengel im Abstand und in der Balance gehalten. Überhaupt, diese viel zu schwarzen Flecken auf dem Laub mancher Ahornbäume dieses Jahr. Wie Teertropfen, wie Löcher in mondlose Nächte. (Ich hätte das gern fotografiert.)

Oh, und wie das Licht mit dem Dunst des Flusses spielt an einem bewölkten Tag! Als würde das Wasser kochen, hebt sich Grau hinter Grau. Die Uferhänge ohne Laub, von rasenden Wolken schwarz gescheckt und hier und da von Sonnenflecken angesteckt, daß sie auflodern; der Strom unten, Silber und Blei, reicht den Weiden bis zu den Knöcheln und ist viel zu aufgeregt, um die Uferpromenaden ordentlich zu spiegeln. (Nun gut, das läßt sich, wie ich weiß, ohnehin nicht abbilden.)

Die Fassade der 20er-Jahre-Apotheke, Granit, mit stark stilisierten Tierkreiszeichen, wirkt unaufdringlich-repräsentativ. Es ist aber eine Wäscherei darin; in einem Fenster wirbt sie mit einem blütenweißen Hemd, in Folie auf die Scheibe geklebt. Direkt darunter das Tierkreiszeichen Krebs: sieht aus wie ein weiteres Hemd, aus Stein, aufgeregt winkend. Ich muß lachen und mache ein Bild. Ein junger Mann, der hinter mir geht, bleibt an derselben Stelle stehen, zieht das Smartphone und knipst ebenfalls. Vielleicht erscheint dieses Bild, auch wenn ich’s nicht mehr zeigen kann, in einem fremden Feed; das würde mir gefallen.

(Die Kamera ist wirklich weg; damit muß ich mich wohl abfinden.)

 

 

 

Advertisements
20 Kommentare leave one →
  1. 29. November 2017 17:43

    Gut – Du kannst wenigstens schreiben.

  2. 29. November 2017 19:16

    Ooooh, aber du machst hier einen Bildspaziergang mit uns, dem auch Sehbeeinträchtigte folgen können. Wie ein Film mutet das an. Wunderbar!

    • 30. November 2017 19:40

      Ach, danke, Soso.
      (Und, vermittelt, Dank an Irgendlink — hat etwas gedauert, aber die Bilder über Bilder sind da.)

  3. karu02 permalink
    29. November 2017 19:54

    Genau solche Texte hatte ich mir erhofft vom bedauerlichen Wegfall der Kamera. So, wie Du es beschreibst, habe ich es vor Augen und das ist die größer Kunst. Danke für diese Anschaulichkeit.

    • 30. November 2017 19:41

      Danke! Tja. Das werden wohl mehr werden. Irgendwann besorge ich mir wieder eine Kamera, aber bis dahin …

    • karu02 permalink
      3. Dezember 2017 15:46

      …werden Deine Leserinnen zufrieden sein. :-)

  4. 29. November 2017 22:27

    Frau Lakritze kann beides,mit Verlaub!

    • 30. November 2017 19:42

      Jedenfalls, Spaß macht beides. Verschiedene Sorten Späße.

  5. 29. November 2017 22:35

    Das ist sehr schön.

    • 30. November 2017 19:52

      Oh. Danke. Dabei hätte ich gern die Standarte der Fotografie ohne Anspruch hochgehalten.

    • 30. November 2017 21:02

      Dann würde ich aber nicht in Zukunft bei jedem schwarz geflecktem Ahornblatt an Teertropfen denken. Das fände ich schade.
      (Vielleicht probiere ich das auch einmal, aber nicht jeder hat Ihre Gabe, Poesie und Präzision zu verbinden.)

  6. meme permalink
    30. November 2017 9:57

    … wie schade, ich hoffe, es gibt bald Ersatz – wenn auch der Text die Bilder plastisch vor dem geistigen Auge aufblitzen lässt

    • 30. November 2017 19:54

      Mit Ersatz warte ich noch — Strafe muß sein. Im übrigen: einen schönen Gruß und beste Wünsche! Ich freu mich immer über Lebenszeichen von Dir.

  7. 30. November 2017 11:58

    Ein Link, auf dass die Kamera doch noch auftaucht (no pun intended). Erinnert mich daran, dass ich so vieles mit meiner Handy-Nr. beschriften wolte. Aber welche Nummer sollte ich beim Handy selbst angeben?

    • 30. November 2017 19:55

      Ha, das ist eine ausgezeichnet hübsche Geschichte. Das Händi muß natürlich die Festnetznummer tragen! (Und meine Kamera hat meine ganze Adresse; wer die behält, weiß, was er tut.)

  8. 30. November 2017 11:59

    Zwei kleine , nicht billige Kameras von mir haben Krümel im Objektiv. Die eine, mehr als 300 € teuer, hatte ich deswegen jüngst zur Reparatur. Jetzt hat sie einen neuen Krümel.
    Die beiden ergänzen sich gut: Die ältere zeigt den Krümel nicht beim Nicht-Zoomen, die andere beim Zoomen.
    Die Spiegelreflex, die ich auch habe, kennt solche Probleme nicht, braucht aber gelegentlich das Wechseln des Objektivs.

    • 30. November 2017 19:56

      Hihi. Irgendwann ist die Frage, wie viele Kameras man um den Hals tragen kann. Für optimale, krümelfreie Ergebnisse.

  9. 9. Dezember 2017 23:26

    Da sieht man wieder, dass Bilder nicht alles sind bzw. dass auch Worte Eindrücke und Stimmungen vermitteln können. Die Bilder dazu machen wir uns in unseren Köpfen.Trotzden ist es nicht schön, wenn plötzlich die Kamera weg ist, ich kenne das.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.