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(III) Kultur mit Kindern

9. Oktober 2017

Die Märchenerzählerin nimmt kein Blatt vor den Mund: sie erzählt die alten Geschichten in der Sprache der Grimms, keine Kompromisse, keine Erklärungen. Ihr Publikum, ein ganzes drittes Schuljahr, sitzt auf dem Boden wie angenagelt, regungslos, mit offenen Mündern. Ich frage mich, ist das Aufmerksamkeit oder doch Überforderung?

Das erfahre ich, als die Märchenerzählerin die Geschichte unterbricht: Und was meint ihr denn, was das bedeutet: Er war liederlich und führte ein Leben in Saus und Braus? – Geld! Alkohol! Nix arbeiten, antworten die Kinder durcheinander. In eine kurze Stille hinein sagt ein Junge mit Grabesstimme: … Weiber!, und keiner lacht.

* * *

Die Sechsjährige ist sicher nicht das erste Mal im Museum, aber das erste Mal mit mir bei den Römern. Ich hatte eine halbe Stunde dafür veranschlagt (Erfahrung); nun sind wir schon anderthalb Stunden da und immer noch nicht durch. Schließlich setzen wir uns in eine Filmvorführung. Es geht um den Ausbruch des Vesuv; lesen kann die Kleine noch nicht, also lese ich ihr vor, daß der Mann in der Toga auf dem Schiff Plinius der Ältere ist, wie ihn sein Neffe Plinius der Jüngere beschreibt. Der Film läuft in Schleife; ich gehe schon in den nächsten Raum, die Kleine will noch ein bißchen bleiben.

Nach einer Weile steht sie fröhlich neben mir: Ich habe alles gesehen, gerade kommt wieder Plinius der Ältere! Die verwunderten Blicke der Leute um uns nimmt sie gar nicht wahr, und täte sie’s, sie wüßte nicht, wieso die Erwachsenen so gucken. Sie hat halt, herrje, einfach was gelernt.

* * *

Eine Gruppe Jungs steht am Waldrand. Acht, neun Jahre sind sie alt; im Alltag sind sie Großmaul, schwierig, Rabauke, anstrengend, Problemkind. Aber jetzt sind zwei Wochen Zeltfreizeit, da haben sie anderes zu tun. Meistens geht es gut mit ihnen. Jetzt gerade sind sie ganz und gar gebannt: Ein Reh ist aus dem Wald gekommen, direkt vor ihnen über den Weg gesprungen und über die Felder davon, schon ist es nur noch ein beweglicher Punkt in der Ferne.

Hast du das gesehen, sagt der lauteste von ihnen zu niemand bestimmtem, das Reh, das hat so gemacht; und dann imitiert er mit Hand und Arm so anmutig die Wellenbewegung dieser Flucht, daß die anderen ihn fast genauso bestaunen wie eben das fliehende Tier selbst.

 

Zur Blogparade des archäologischen Museums Hamburg.

 

 

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23 Kommentare leave one →
  1. 9. Oktober 2017 19:09

    Schön, wie Kinder das sehen können und schön, dass du es gesehen und hier geteilt hast.

    • 9. Oktober 2017 19:59

      Alles zum ersten Mal. Manchmal wüßte ich gern wieder, wie das ist.

  2. 9. Oktober 2017 19:37

    Ich danke Ihnen für die Mitteilungen Ihrer Wahrnehmungen. Wenn ich dergleichen erzähle, ernte ich zunehmend ein verwundertes, wenn nicht ungläubiges Kopfschütteln.
    Wer sich uneigennützig mit Kindern beschäftigt, der braucht sie nicht zu beschäftigen. Als Erwachsener braucht man lediglich dazusein. Für eine Antwort, eine Hilfestellung oder eine Frage, die das Kind weiterbringt.
    Es ist so einfach und kostet weniger als Barbies, ferngesteuerte Autos oder einen Besuch im Dis?nee!Land.

    Ich habe vor vielen Jahren in Schulklassen Märchen erzählt. Die (aufgeklärten?) Lehrerinnen waren entsetzt. Und hinterher hatten sie für zwei Wochen Soff für ihre Stunden. Und was dabei herausgekommen ist, wäre einen eigenen Beitrag wert.

    • 9. Oktober 2017 20:02

      Haha! Man soll die lieben Kleinen nicht unterschätzen. (Ich finde das mit der vereinfachten Sprache Quatsch — schwierig erscheint das nur Erwachsenen. Kinder hören einfach zu und lernen mit der Zeit. Die muß man ihnen aber schon lassen. Bzw. schenken — und wer hat die noch? Spielzeug ist, äh, billiger.)

  3. Philipp Elph permalink
    9. Oktober 2017 19:56

    Kinder sehen auf ihre Weise. Schade, dass uns diese Sicht zumeist verloren gegangen ist.

    • 9. Oktober 2017 20:06

      Ich hätte ja gern mal wieder so einen freien Kopf, in den noch alles reinpaßt …

  4. 9. Oktober 2017 20:08

    Manche denken ja, Kinder brauchen noch nicht ins Museum zu gehen. Ich kann mich an vieles erinnern, was ich in der zweiten oder dritten Klasse gesehen habe, aber erst als Erwachsene einordnen konnte. Natürlich habe ich nicht alles verstanden, aber im Gedächtnis ist es geblieben.

    • 9. Oktober 2017 20:12

      So geht’s mir auch!
      Ich glaube, Kinder müssen die Möglichkeit haben. Eine einfache, ohne große Hürden, Wege, Eintrittspreise … Wenn ich dran denke, mit wie wenig ich als Kind zufrieden war (Kinderprogramm? Was ist das denn?), glaube ich, es braucht nicht mal Events.
      Es muß sich bloß etablieren können: da ist es schön, da kann man hingehen; ist gar keine große Sache.

  5. 10. Oktober 2017 7:34

    Großes Kino!
    Beim Enkel krieg ich alles mit. Rasant, eklatant, wunderbar.
    Wenn ich in meinen Grundschulklassen Märchen vorlas, ach, was waren sie gebannt! Am allergebanntesten die Kinder der Pfingstler, die daheim keinen Fernseher hatten, die aus Sibirien gekommen waren…
    Dein Artikel führt all das vor Augen – danke dir!

    • 10. Oktober 2017 9:42

      Oh, toll –! Kinder im Theater, beim Vorlesen oder Erzählen, das finde ich immer großartig. Die saugen Geschichten auf wie Schwämme … Was meinst Du, wieso die Pfingstler so fasziniert waren? Weil sie sonst weniger Geschichten kannten, oder weil sie sich ihre Bilder dazu selber denken mußten?

    • 10. Oktober 2017 10:27

      Die Kinder der Pfingstler kannten höllische Geschichten, wahre und erdachte. Ihre Väter hatten in Sibirien aufgrund ihrer Religion im Gefängnis gesessen teilweise, davon erzählten sie, aber auch, dass man ihnen öfter ein Tonband vorspiele, auf dem die Schreie der Menschen in der Hölle zu hören seien. Man hätte das Tonbandgerät tief in die Erde gelassen und das dort aufgenommen. Das wären abtrünnige Tote ihrer Gemeinde! Die Kinder erzählten mir das voller Angst. Sie weinten auch, weil ich Hosen trug und geschminkt war und sie mich trotzdem mochten. Ihre Eltern rissen entsprechende Seiten aus den Biobüchern ihrer Kinder. Die Kinder rissen sich unter der Bank um die „Bravo“…da gäbe es noch viel zu erzählen. Die Gemeinde ist weitergezogen nach Kanada, dort könnten ihre Kinder unbehelligter von der „Welt“ aufwachsen…Einen fragte ich, wo denn seine Heimat sei. Antwort: Bei Gott. Schlüssig, nicht wahr. –

    • 10. Oktober 2017 10:35

      Uff –! Schlüssig, ja, und sehr, sehr kalt.
      (Wie anders das Nichtchen, ein Heidenkind, das nach der Geschichte vom Baum der Erkenntnis fragte, wieso A&E denn nicht einfach so getan hätten, als merkten sie nicht, daß sie nackt sind … Und dann zu dem Schluß kam, in so einem Paradies würde sie aber nicht leben wollen.)

  6. wardawas permalink
    10. Oktober 2017 9:53

    Mein Vater erzählte mir damals beim gemeinsamen Stromern durch den Wald die Geschichten vom Rübezahl – angesiedelt in unserem heimischen Kasbruch im Saarland! Er nahm sich für seine (erstgeborene) Tochter alle Zeit der Welt, und ich lernte an seiner Seite die Natur kennen.

    • 10. Oktober 2017 10:17

      Und wie viel mehr man lernt, wenn man sich vorstellt, daß hinter den Dingen der Natur ein mächtiger, freundlicher Geist steckt! (Rübezahl, über den hatte ich als Kind mal ein Buch.)

  7. 10. Oktober 2017 13:33

    Schöne Episoden. Kindern beim Weltentdecken und -verstehen zusehen zu können gehört für mich zu den schönsten Dingen überhaupt. Sowieso, und bei den eigenen umso mehr. Und es macht Spaß, ihnen nach Möglichkeit den Spielraum zu schaffen, dass sie einfach drauflos denken, hinterfragen und entdecken können.

    • 10. Oktober 2017 14:17

      Ich habe wieder die Plakate bestaunt, die Anfang des Schuljahres überall hingen: Auch der Schulweg ist ein Bildungsweg. Einfach drauflos ist nicht mehr en vogue …

  8. 10. Oktober 2017 15:30

    Großartig!

  9. 11. Oktober 2017 6:22

    Wunderschön!

  10. 11. Oktober 2017 17:45

    Ach, ich weiß schon gar nicht mehr, was ich zu deinem #Kultblick sagen soll, außer dass er mich persönlich sehr bewegt. Kinder und Kultur ein wichtiges und schönes Thema. Wenn ich mit meiner Kleinen (mittlerweile schon 8 Jahre) ins Museum gehe, muss sie immer etwas gestalten und mitnehmen dürfen. Das ist ihre Vorgabe. Ich lass sich auch immer zunächst alleine ziehen, wenn wir mal unterwegs sind und bin ganz gespannt, was sie begeistert. Kunst, Kultur berührt so.

    Herzlich,
    Tanja

    • 11. Oktober 2017 18:01

      Ich hatte kürzlich den Spagat: Neunjährige und Fünfjährige zu gleicher Zeit. Äußerst spannend, was die beiden interessant fanden — ganz verschiedene Dinge. Am Ende haben sie aber einträchtig in der Sandkiste der Archäologie gebuddelt. Mich freut das, daß es heute so viele Kinderangebote gibt.

    • 11. Oktober 2017 18:04

      Ja, die Museen lassen sich da immer mehr einfallen. Ich muss den Spagat 8 und 16 schaffen. Nun. Junior geht schon längst nicht mehr ins Museum, ist so ziemlich uncool dort. Mal schaun‘, was in ein paar Jahren ist, ob ihn die frühen Museumsbesuche doch prägten oder meine Arbeit, das Bloggen rund um Kultur und die Aktionen drum herum ihn dauerhaft abschrecken.

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