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Richtfest

12. September 2017
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Das Haus ist ein hausförmiges Gerüst aus Holz, ganz roh sieht es aus in seiner Folienverpackung gegen das Wetter. Das wird heute wohl halten. Auf dem First ist ein Bäumchen befestigt, bunte Papierbänder flattern. Daneben die beiden Zimmermänner in ihrer schwarzen Zunftkleidung mit verwegenen Hüten, die Hemdsärmel schneeweiß und gebauscht. Unten stehen die Gäste und schauen.

Ein Reim, ein Wein, zwei zerspringende Gläser; dann steigen die beiden Männer vom Dach. Jetzt müssen die Bauherrinnen ran: zwei rohe Baumstämme stützen den Bau, die sollen fallen. Ob das Haus auch steht. Hier, die Axt.

Die junge Frau ist in Übung noch vom Winterholz. Sie packt das Beil beidhändig, holt aus und schlägt methodisch eine Kerbe um den Stamm, Schwung um Schwung aus der Hüfte. Späne fliegen, Kinder werden eingeholt. Die Umstehenden feuern an. Auf halbem Weg löst ihre Gefährtin sie ab, auch sie versiert mit dem Werkzeug. Das Publikum raunt; man ist froh, Publikum bleiben zu dürfen. Das sieht mühsam aus.

Nach einigen Minuten ändert sich der Klang der Axt im Holz; gleich, gleich ist er durch, der Stamm. Alle weichen einen Schritt zurück, da — ein dumpfes Splittern, und der untere Teil des Stützpfahls wird zur Seite geschleudert. Jubel. Rohbau: wankt nicht.

Den zweiten Pfahl auch noch zu zerschlagen, weigern die beiden Frauen sich. Alles ruft nach den Zimmerleuten. Der, der den Anfang macht, ist schmal, fast zierlich; unter seinem runden Hut blitzt eine Nickelbrille. Er nimmt die Axt, wie andere einen Pinsel nähmen, die Hand in der Mitte des Stiels, und ohne auch nur den Körpermittelpunkt zu verlagern, bringt er dem Stamm tiefe Kerben bei, ganz beiläufig, während er mit dem Kollegen scherzt. Kein Dutzend Schläge, dann ist der andere dran.

Der, buschig-bärig, nimmt zum Fällen den riesigen Hut nicht ab, macht keinen der acht Knöpfe seiner Weste auf. Er setzt präzise die Schneide ins Holz, alle Kraft in den Schlag, keine vergeudet; er steht da, leicht vornübergeneigt, als betrachte er ruhig etwas, und dabei verliert der Stamm das Stämmige, bekommt eine Sollbruchstelle, schon — allgemeines Ah und Oh — knickt er, und das Haus steht frei.

Jemand hat inzwischen den Grill beschickt. Die Hausherrinnen strahlen und schenken Trinkbares aus; Kinder und Hunde laufen durcheinander. Im Getriebe des Festes stehen die zwei jungen Zimmerer in ihren Elsternfarben; immer wieder streifen sie Blicke, weniger wegen ihrer Kluft als wegen des gelassenen Stolzes, von dem sie leuchten.

Gelernt ist gelernt.

 

 

 

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8 Kommentare leave one →
  1. 12. September 2017 13:03

    Ich kann das Holz riechen, so wunderbar sinnlich ist dein Text. Und ja, die Axtschläge hörte ich auch. War froh, als die wieder Ruhe gaben. ;-) Hurra. Geschafft.

    • 12. September 2017 13:06

      So als Pixelschubserin frage ich mich manchmal, ob ich nicht was Ordentliches hätte lernen sollen. Häuser bauen, Kannen formen, Schuhe machen — das scheint mir alles nicht das Schlechteste. Vor allem nach zwei Tagen Schreibtischhaft …

    • 12. September 2017 13:14

      Oh, ja, tue ich auch. Möbelschreinerin ist einer meiner derartigen Träume.

      Pssst, hast du eigentlich wieder eine Mailadresse? (Von wegen allenfalls am Wochenende Kunstgucken oder so).

  2. 13. September 2017 16:38

    Elsternfarben – oih! Anschaulich wie alles Andere!

    • 16. September 2017 18:16

      Schwarz und Weiß. Signalfarben, nur übertroffen von Rot; und das wollen wir nicht hoffen in diesem Zusammenhang.
      Übrigens: wenn man darüber aus Überseesicht liest, dann ist es noch erstaunlicher.

  3. 13. September 2017 17:15

    Gleich zwei Gedanken zu deinem schwärmerischen Text: Manfred Krug als Zimmermann in „Spur der Steine“ und „ach, hätt ich doch was Ordentliches gelernt, dann würden mich die Frauen auch so anschwärmen“

    • 16. September 2017 18:22

      Ha! Angeschwärmtwerden ist ja zumeist nur schriftlich gut. „Die Spur der Steine“ steht schon länger auf meiner Liste; irgendwo bei „Das Brot des Bäckers“ und allen diesen Filmen …

  4. 17. September 2017 9:33

    Eine wunderschöne Beobachtung und so gekonnt erzählt wie die Schläge der Zimmerleute. Wenn Sie nur bitte das Schreiben nie aufhören.

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