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Übergänge

28. Juni 2017

Ürziger Sitzplatz: Aussicht auf die Arbeiten.

Zwischen Zeltingen-Rachtig und Ürzig haben die Verkehrswegeplaner den Hochmoselübergang gesetzt, und der, halb fertig wie er ist, beherrscht schon optisch alles. Wie es erst wird, wenn da Lastwagen drüberheulen, ahne ich: Die Moselbrücke bei Winningen hat mir eine komplette Wanderetappe verleidet; wenig drückt so zuverlässig auf die Laune wie vielspuriges Gebrüll. Wie es dann wohl ist, hier zu wohnen, jeden Tag im Schatten der Brücke im Weinberg zu arbeiten, mag ich mir nicht vorstellen.

Diese hier wird die höchste Brücke über die Mosel, eine der höchsten Talbrücken überhaupt. Für Autos; das heißt, am Übergang hängt eine Straße, und an der hängen Zubringer. Viel, viel Land wird überbaut. Die Schnellstraße, das kann man auf aktuellen Karten schon sehen, verläuft vierspurig über einen bislang trassenlosen Gebirgssporn des Hunsrücks. Weinkenner aus aller Welt haben gewarnt, berühmte Weinlagen könnten leiden — genutzt hat es nichts.

Die Einheimischen, die wir fragen, halten sich bedeckt. Naja, die Planungen laufen schon seit Jahrzehnten; und der Schwerlastverkehr werde dann im Winter weniger gefährlich, nicht mehr durch all die engen Sträßchen unten. Und nun sei ja schon so viel Geld geflossen … — Ob ihnen nicht die Besucher wegbleiben, wenn es an Ruhe fehlt? Ach, Touristen kämen sogar extra, um sich die Brücke anzuschauen und Fotos zu machen.

Die Moselorte haben breite Promenaden mit Hotels, Cafés, Weingütern und vielen, vielen Parkplätzen. In den Ortskernen geben gerade Geschäftchen des täglichen Bedarfs auf, wie sie andernorts schon lange ausgestorben sind. Touristen fahren in den Ort, um sich zu erholen, Einheimische fahren hinaus, um einzukaufen.

Man verbindet die neue Straße in der Region auch mit der Hoffnung auf Arbeitsplätze, die nicht mit Tourismus zusammenhängen und nicht mit Wein. Am Wanderweg sehen wir aufgelassene Weinberge; auf einem Projektschild steht: durch maschinengerechtes Neuanlegen der steilen Reihen wolle man künftig Arbeitszeit sparen. Im Ergebnis verschwinden die charakteristischen Terrassen; die geschwungenen, engen und halsbrecherischen Rebpflanzungen werden durch mit dem Lineal gezogene Schraffuren ersetzt, die hölzernen Stöcke durch glänzende aus Metall. Es sieht anders aus. Weniger eigen; weniger … schön.

Hier geht etwas unwiederbringlich verloren. Es ist die übliche Entwicklung, Mobilität, Schnelligkeit und die verquere Ökonomie unserer Autogesellschaft über alles zu setzen. Da paßt das Kleinteilige, Schräge, da paßt Bedächtigkeit nicht, und Arbeit, die Jahrhunderte zum Leben gereicht hat, rentiert sich nun nicht mehr. Die Brücke, die für nichts als Autos in eine fragile Landschaft geklotzt wird, damit man hier „den Anschluß nicht verpaßt“, ist eine gute Zusammenfassung.

Eindrucksvoll. Und noch leise.

Nach der Rückkehr von der Moselsteigwanderung blättere ich in meiner Fotobeute und bin ein wenig entsetzt: auf fast jedem Bild ist der Hochmoselübergang zu sehen, Bild um Bild dieses Monster, und hat sich doch nicht einfangen lassen.

 

Hier eine Dokumentation von 2017 (Phoenix-Doku; knappe halbe Stunde).

 

 

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15 Kommentare leave one →
  1. 28. Juni 2017 12:39

    Wann immer ich Autobahn fahre tue ich es mit der mir eigenen Ambivalenz im Herzen. Dank Autobahn schone ich die Nerven der Leute in den Dörfern und Städten, aber dafür wurde viel Land, viel Fauna und Flora unwiderbringlich verändert.
    (Wäre Zugfahren günstiger, würde ich sicher mehr Zug fahren.)
    Und doch: Eigentlich wäre anders besser … und schöner.

    • 28. Juni 2017 15:19

      Inzwischen ist das Leben mobil leichter und manchmal gar nicht mehr anders machbar.
      Aber allein die Fragen sind es wert gestellt zu werden: Wieso ist Zugfahren so teuer, Autofahren und sogar Fliegen vergleichsweise günstig? Wieso muß man für so viele Dinge des täglichen Lebens in ein Auto steigen? Was kann man dagegen tun? Was müßte politisch passieren?

    • 28. Juni 2017 16:17

      Genau.

  2. 28. Juni 2017 14:28

    Gruseliger Steg

    • 28. Juni 2017 15:21

      Also, auf der Webseite zum Projekt heißt es:
      … einerseits zwar schlicht und unaufdringlich, andererseits durch die lichten Höhen und großen Stützweiten aber äußerst leicht und transparent. … Das gewählte Bauverfahren schont das Moseltal, das insbesondere durch Weinanbau und Tourismus geprägt ist, weitgehend. … (Könnte ich auch lektorieren …)
      Egal wie verblümt — bleibt ein Trumm. (Und daß sich der Verkehrslärm aufgrund der Höhe „schnell abbaut“, glaube ich auch nicht.)

  3. 28. Juni 2017 15:12

    Ich war schon einmal für ein paar Tage in Zeltingen-Rachtig, da waren die erste Pfeiler gerade im Bau. Jetzt würde ich glaube ich nicht mehr unbedingt dort nächtigen wollen, beim letzten Moselaufenthalt waren wir in Bernkastel. Und ich würde mir auch keine Autobahnbrücke aus touristischem Interesse ansehen, die müsste dann schon optisch etwas sehr, sehr besonderes sein.

    • 28. Juni 2017 15:28

      Ist sie nicht. Einfach monströs.
      Aber ich denke, wenn man die Gegend noch mal erwandern will, sollte man das jetzt tun. Nach Eröffnung der Strecke 2018 ist es aus mit der Ruhe.

  4. 28. Juni 2017 16:45

    Ich zögere, ein Bauwerk „Monster“ oder „monströs“ zu nennen, aber hier passt es.

    • 28. Juni 2017 18:21

      Das ist derart außer Maßstab, da wüßte ich nix anderes. Ach. (Und die Bilder geben das nicht ansatzweise wieder …)

  5. 28. Juni 2017 20:42

    Massiv!
    Doch nicht so „altmodische “ Gegend ;-)

    Eigentlich kaum zu fassen: „Die Mosel“ steht doch betont für eine beschauliche Landschaft.

    • 29. Juni 2017 20:21

      Wie gesagt, in der Gegend von Winningen kann man besichtigen, was draus wird, wenn unausgesetzt Verkehr drüber rauscht. Ruhe haben sie da nur noch bei Vollsperrungen …

  6. 29. Juni 2017 10:50

    Absurdistan hoch tausend. Einer, der Hangrutschungen und damit mögliche Brückeneinstürze andeutete, wurde mundtot gemacht. Was, wenn…

    • 29. Juni 2017 20:19

      Und das Geschacher. Diese Brücke, und dafür keine ins Mittelrheintal; und nun wird auch die weiter geplant. Ach …
      Man kann sich müde dran lesen, was alles dazu geschrieben wurde. Und die Initiativen dagegen — kein Effekt, letzlich.

  7. 30. Juni 2017 19:35

    Als Hamburger kann ich dazu nur sagen : alles Falsch…das Ding hätte nicht gebaut werden dürfen–wir müssen Verkehr anders definieren….mehr Strassen bedienen mehr Verkehr und sind schon nach der Fertigstellung einer zu klein..als hier der Elbtunnel für 1 Milliarde Euro um eine Röhre ergänzt wurde war die Begründung : nie wieder Stau…das Ergebnis…Null, gleich viel Staus wie vorher aber noch mehr Verkehr..jetzt bauen sie die Autobahn davor 8 spurig aus…Begründung : nie wieder Stau…soll ich mal das Ergebnis vorhersagen ? Genauso diese Brücke…Landschaft verschandelt…aber der Verkehr wird nicht spürbar entlastet werden…und die Bewohner haben nach wie vor ihren Stress …über dem Kopf und im Kopf und vor der Haustür….
    LG Jürgen

    • 30. Juni 2017 20:57

      Ohje, ernüchternde Beispiele … Straßen ziehen Verkehr an, der mehr Straßen erfordert. Und so weiter … Und bei der anderen Moselbrücke kann man wenigstens sagen: die wurde gebaut, als noch keiner wußte, wie viele Autos einmal unterwegs sein würden. (Es ist fast rührend: man hat Rastbänke mit Blick auf die Autobahn aufgestellt …) Bei dieser Brücke weiß man, wie die Dauerlast aussieht. Das wird nicht schön.

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