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Hochmosel

27. Juni 2017

Sommer ruft: Wandern!

Die Mosel kann beinah ihren Namen schreiben. Das M ist ihre leichteste Übung, und so viele S, die sich fast, aber immer nur fast zum O runden wollen! Kaum weniger artistisch sind die Namen der Ortschaften an ihren Ufern, die jeden Schimpfwortschatz bereichern würden. Kröv! Ürzig! Zeltingen-Rachtig! Zeltingen, sagt Herr G., klingt nach Abenteuer und Rachtig nach Magen-Darm.

Der Moselsteig ist noch gelenkiger als der Fluß. Er windet sich hoch und runter, durch den Hunsrück in die Eifel und wieder zurück, und in den Dörfern reicht er dreißig Jahre zurück in die Zeit. Auch die Freundlichkeit hier ist ein bißchen wie früher; auf der Straße werden wir Fremdlinge gegrüßt, und zum Essen schickt man uns, wo es nicht so teuer ist.

Im Wald bei Ürzig stoßen wir auf ein altes Wegekreuz, Mariä Gewand und Christi Lendentuch mit Krepp abgeklebt, der Rest in naßglänzender Farbe; daneben die Leiter des Malers, der ein paar Meter weiter mit einem weißhaarigen Traktorfahrer ins Gespräch vertieft steht. Überhaupt, die Traktoren hier; die schönsten Arbeitstiere sieht man in den Weinbergen, alt, erfahren und bestens an die Anforderungen der steilen Lagen angepaßt.

Vor Rachtig dann wächst eine Brücke übers Tal, so unglaubwürdig hoch, daß sich alles an ihr mißt. Der Rachtiger Kirchturm reicht ihr nicht ans Knie. O-ha, sage ich, das wird mal laut; gut, daß wir jetzt noch in Ruhe hier wandern können. Ein Schulterzucken der Natur, sagt Herr G., dann hätte sich das; aber das will ich nun auch keinem wünschen. Später stoßen wir noch ein paarmal auf die frische Wunde in der Landschaft, in der bald die neue Schnellstraße verlaufen wird.

Wir erreichen Bernkastel-Kues. Die Verschlafenheit der Moselorte ist hier ins Gegenteil verkehrt; ein bißchen Disneyland, ein bißchen Rüdesheim am Rhein. Sicher ziehen wir englische, flämische und chinesische Kommentare auf uns mit unseren Rucksäcken und staubigen Stiefeln. Im Café am Fußgängerzonenrand sagt Herr G.: nach dieser Musik möchte ich mir die Hände mit Beethoven waschen. Ein guter Ort zum Abreisen; und da stimme ich ihm voll und ganz zu.

Bernkastel. Vom Ufer schön.

Demnächst dann Braunberg, Piesport, Trittenheim. Und so weiter. Irgendwann wollen wir den Ort erreichen, der hier den allerschönsten Namen trägt: Perl. Aber das wird wohl noch dauern; der Moselsteig ist nicht so schnell.

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21 Kommentare leave one →
  1. 27. Juni 2017 13:42

    Wanderpoesie ist das, farbglänzend und sommerfrisch.

    • 27. Juni 2017 15:59

      (Ich würde ja lieber wandern als schreiben, seufz …)

  2. 27. Juni 2017 14:53

    Die Namen sind so kratzig wie die Leute da. Ich hatte eine alte Tante an der Mosel. Aber unglaublich schön sind die Täler zum Hunsrück hoch. Pfingsten war ich in Brodenbach und bin mit meinen Jungs zur Ehrenburg hoch. So viel üppiges Grün hatte ich als Berliner lange nicht gesehen – und die Jungs wohl noch nie.

    • 27. Juni 2017 16:02

      Das klingt nach einem gelungenen Ausflug. Oh, und die Ehrbachklamm erst! Und das Baybachtal! Und Burg Eltz (unbedingt zu Fuß den Bach hoch)! Da habt ihr noch ein paar Jahre Ausflugsziele, ehe die Jungs zu cool für die Mosel werden.

  3. 27. Juni 2017 18:34

    Einfach schön, wieder einmal.

    • 27. Juni 2017 19:54

      Ach, diesmal nicht nur. Ich muß noch ein bißchen drüber nachdenken; aber das Auto wird einfach zu gut behandelt.

  4. 27. Juni 2017 19:19

    In Piesport haben wir schon ein paar Mal schöne Zeiten verbracht, und (im Ernst!) in Ernst.
    ;-)
    Schöner Bericht – und das mit Bernkastel triff zu: das ist Mosel-Ballermann.

    • 27. Juni 2017 19:56

      Auf Piesport bin ich besonders gespannt; der Name ist grandios.
      Mosel wie Mallorca: gut, daß sich der Trubel so auf wenige, vermeidbare Punkte konzentriert …

  5. maria permalink
    27. Juni 2017 19:46

    Mir fällt dazu noch „Die Moselreise“ von Hanns-Josef Ortheil ein, die Wanderung von Vater und Sohn- die Beschreibungen erinnern mich an dieses gern gelesene Buch.

    • 27. Juni 2017 19:57

      Oh, die mochte ich sehr, und diese Mosel hätte ich gern gesehen. Die beiden sind unten am Wasser entlang gewandert; das geht heute kaum noch, ist ja alles voller Straße.

  6. 27. Juni 2017 20:29

    Auch die Freundlichkeit hier ist ein bißchen wie früher; auf der Straße werden wir Fremdlinge gegrüßt

    Gern gelesen. Wie kommts?

    • 27. Juni 2017 21:15

      Ah. Moselaner?

    • 27. Juni 2017 21:18

      War nur ein, zweimal kurz dort.
      Mich wundert gerade heutzutage reine Freundlichkeit. Wo ist sie zu finden?

    • 28. Juni 2017 11:16

      Hm, diese Art Freundlichkeit ist zu einem Teil gute Kinderstube; und zum überwiegenden Teil wohl Vertrauen. Mag ein Vorurteil sein, aber beides, Höflichkeit und Vertrauen Fremden gegenüber, scheint mir mittlerweile eine altmodische Sache zu sein und paßt daher in altmodische Gegenden.

    • 28. Juni 2017 11:18

      Altmodische Gegend ist gut. „Riecht“ man das? :-)

    • 28. Juni 2017 11:33

      Man sieht es. .))

  7. 28. Juni 2017 10:11

    Genau, den alten Ortheil und sein Kind habe ich vergnügt verfolgt – und jetzt auch diese kleine Wanderreise!
    So anders wie Rhein, Neckar und Main, trotzdem auch meins, denn der Liebste kommt aus Bernkastel…
    Die von der Sonne aufgeheizten Schieferplattsteine dort manchmal, die extrafeinen Düfte, das kleine Tal bei Veldenz, hach…

    • 28. Juni 2017 11:00

      Ist eine sehr besondere Ecke mit sehr besonderer Landschaft, ja. (Und, was das Wandern angeht, ganz schön anspruchsvoll.)

  8. karu02 permalink
    28. Juni 2017 17:13

    …und Perl ist als Schlusspunkt ein gute Ziel, Ihr werdet schon sehen. Danke, dass ich Deinen Wanderschuhen folgen durfte.

    • 28. Juni 2017 18:27

      Oh? Da bin ich sehr gespannt; nur dauern wird das noch. Wir gehen immer so Kleckerportionen.

    • karu02 permalink
      14. Juli 2017 16:17

      Ist doch gut, dann kriegt man sehr viel mehr mit vom Weg und dem Drumherum. Weiter viel Freude dabei.

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