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Avantgarde

4. Juni 2017

Herr G. ist ein guter Wanderführer. Deshalb gehe ich mit, als er für eine größere Gruppe den Weg von A nach B auskundschaftet.

Ganz einfach ist das nicht. A ist klar, B auch, aber der direkte Weg wäre zu kurz und außerdem nicht besonders reizvoll. Also hat sich Herr G. eine Folge von Um- und Abwegen ausgedacht. Die Karte, die wir dabeihaben, ist sicher zwanzig Jahre alt. Außerdem regnet es — die meiste Zeit; manchmal gießt es auch wie aus Kübeln.

Fast wären wir gleich hinterm Bahnhof Remagen gescheitert, am Landstraßenrand. Wir können sehen, wo unser Weg auf der anderen Seite zwischen die Häuser schlüpft; doch die Autos sausen nahezu lückenlos. Sicher, man könnte an der Ampel ein Knöpfchen drücken, aber 200 Meter dort hin, rüber, auf der anderen Seite ohne nennenswerten Bürgersteig 200 Meter wieder zurück –? Nicht einzusehen. Also warten wir, warten und warten, warten noch etwas, rennen dann und fluchen über die autogerechte Stadt.

Dann aber Wald. Der dampft und kocht und pfeift vor Vögeln, und gemeinsam mit einem Wolkenbruch erreichen wir einen überdachten Grillplatz mit Aussicht (im Moment vom Regen versperrt). Wir frühstücken trocken unterm Geprassel. Elendes Wetter, schimpft Herr G. Wie schön das klingt, entgegne ich, und was wir alles nicht abbekommen!, und da muß Herr G. doch zustimmen.

Der Pfad schlängelt sich, und wir merken schnell, daß er nicht furchtbar viel mit dem auf der Karte zu tun hat. Wald in echt ist auf der Karte Wald, Lichtungen hingegen können auf der Karte Lichtung oder Wald sein, Bäume sind ja schneller abgeholzt als nachgewachsen. Kreuzungen zählen hilft nicht viel — manche Abzweigung fängt als Weg an und endet als Gebüsch. Aber schön ist das hier, verschnörkelt und verwunschen; wir staunen und kramen die Namen für die Sommerblumen hervor.

lk-getreide lk-fingerhut

Ein markierter Weg nimmt uns mit ins Freie, die Landskrone ist in mittlerer Distanz zu sehen, und von da an ist es einfach; Getreidefelder nach allen Seiten. Die Schmetterlinge wohnen hier auf dem Weg, denn da blüht mehr. Erst am Fuß des Burgbergs wird es wieder bunter. Auf einer Bank machen wir Rast, während sich über dem nächsten Tal eine Wolkenfaust zusammenballt, aus der es ohn‘ Unterlaß rumpumpelt. Während wir Brote essen, füllt sie allmählich den halben, dann den ganzen Himmel, und als wir zum Abstieg ins Ahrtal ansetzen, wird sie schwarz und geht schließlich nieder. Unter Donner und Regen erreichen wir den Fluß.

Das war eindrucksvoll, rufe ich gegen das Prasseln auf dem Schirm an. Den lasse ich fast fallen, als auf dem Dach gleich nebenan die Sirene tief Luft holt und uns mit Gebrüll durch die Straßen jagt. Alarm, Alarm, Probealarm! Daß es das noch gibt; und: beruhigend beunruhigend. Kein Notfall würde so überhört. Wir trotten die Ahr entlang, der Radweg ist schön leergeregnet und die monströse Autobahnbrücke in ihrer Höhe fast schon nicht mehr wahr.

Im Café am Ende ist alles gut. Die Kleidung trocknet, und ein freundlicher Koch schneidet für uns frischen Kuchen an, Bisquit, Sahne, Dosenmandarinen. Herr G., sage ich, mit dem Wetter wünsche ich euch ein bißchen mehr Glück und mit der Straßenüberquerung am Anfang; aber sonst? Das wird eine prächtige Wanderung für deine Gruppe, jetzt, wo wir das Verirren bereits erledigt haben.

 

 

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7 Kommentare leave one →
  1. 4. Juni 2017 15:55

    Ich mag ja Umwege, manchmal, weil ich hinterher immer so das scheue, leise Gefühl habe, eine Art Geheimnis gelüftet zu haben und mich ein bisschen wie eine Heldin fühle, die Dinge gesehen hat, die anderen entgehen. (Ein Gefühl wohl, das ich mir aus der Kindheit bewahrt habe, überlege ich grad.) Aber natürlich ist der Moment des Verirrens immer auch und zuert einfach nur lästig.
    Dennoch … hinterher … :-)
    Schön, eure Wanderung zu lesen.

    • 4. Juni 2017 16:49

      Ich habe gemerkt, wie selten ich auf unmarkierten Wegen unterwegs bin. Inzwischen ist ja alles erschlossen, beschildert und mit Squarecodes versehen; das hier war erfrischend, hm, fühlte sich fast illegal an. .) Ich kann Dein Kindheitsgefühl nachvollziehen: Die schönsten Dinge sind die, die man selbst entdeckt.

  2. 4. Juni 2017 17:40

    das Verirren bereits erledigt haben…
    Habe mal in einer spanischen Stadt einen wunderbaren, öffentlichen Garten aufgesucht. Der war trotz Karte schwer zu finden.
    Leider war der Garten gerade geschlossen.
    Am nächsten Tag ging ich nochmals hin. Und es kam wie es kommen musste:
    Ich hatte erneut heftige Schwierigkeiten, das Kleinod in dem Gassengewirr zu finden!

    • 4. Juni 2017 19:05

      Ich bin Meisterin im Verlaufen, sehe dadurch aber viele interessante Dinge. Nur finde ich sie nicht immer wieder. Einen Innenhof, ebenfalls in einer spanischen Stadt, verortete mein Kopf ganz woanders als da, wo er sich tatsächlich befindet.

    • 5. Juni 2017 12:37

      Ich glaube, meine Navigationsfähigkeit ist ganz gut; zumindest finde ich immer heim, und sogar mit Venedig kam ich klar. Was aber nie stimmt, ist die interne Repräsentation dessen, was ich so gesehen habe. Reihenfolgen? Abstände? Richtungen? Manchmal topfe ich ganze Landmarken einfach in andere Kontexte um; zum Haareraufen.

    • 5. Juni 2017 12:45

      Ja, so etwas gibt es!

  3. 17. Juni 2017 21:18

    Wie schön!

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