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Glück und Glas

26. Mai 2017

Aus der Knopfwerkstatt: die Mißratenen.

Wenn man von Petershagen am Kohlekraftwerk Heyden vorbei an der Weser entlang fährt, gelangt man gleich bei Ovenstädt nach? oder doch eher zu? Gernheim. Gernheim besteht heute aus einigen Häuschen gleich am Fluß; 1812 war hier eine Glashütte gegründet worden, und alle, die hier wohnten, gehörten auf die eine oder andere Weise zur Fabrik.

Im Innern des Kamins.

Die Glashütte Gernheim war einmal eine große Sache. Arbeiter aus aller Herren Länder stellten hier Gernheimer Glas her, Flaschen, Scheiben, Knöpfe, Lampen und schlichtes Geschirr, aber auch bemalte, geschliffene, gefärbte, überfangene, vergoldete Luxusartikel.

Die kann man hier alle anschauen. Man kann auch sehen, wie die Arbeiter gewohnt haben und wie die Leitung der Fabrik. Heute wird in den schön restaurierten Räumen des Herrenhauses zeitgenössische Glaskunst ausgestellt, aber allein der Weg vorbei an Schichten von Tapeten, bedruckten und bemalten Wänden lohnt. Die Fenster zeigen die Welt durch alte Scheiben leicht verzerrt; das Standesamt hat hier eine Außenstelle.

Dieses grüne, idyllische Ausflugsziel war im 19. Jahrhundert ein Moloch, der rauchte, stank und seine Arbeiter fraß oder doch zumindest deren Lungen. Im Museum kann man heute den Schulsaal sehen, in dem Kinder so unterrichtet wurden, daß es nicht mit ihren Schichten in der Hütte kollidierte. Ab elf stiegen sie hier als Arbeiter ein; den begabten von ihnen gelangen trotz Erschöpfung noch gute Schulleistungen.

Im Ort fällt vor allem der Kamin auf, ein gigantischer Bienenkorb aus Backstein, der die Häuschen überragt; hier ist heute die Schauwerkstatt des Museums, in der Krüge und Gläser hergestellt werden, jeden Tag ein paar. Der Museumsshop verkauft sie: flüssiges Feuer, in transparenten Farben erstarrt und in der Handfläche wieder kühl wie Wasser, hart wie Eis.

 

Das Museum ist außer montags von 10–18:00 Uhr geöffnet.
Erwachsene zahlen drei Euro Eintritt.
Wenn es auch noch ein Café gäbe, wär’s ganz rund.

 

 

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4 Kommentare leave one →
  1. 26. Mai 2017 18:40

    Hach. Schade. So weit weg…

    • 26. Mai 2017 22:20

      Aber auch schön: was es alles gibt! Ich war wieder mal ganz entzückt.

  2. 28. Mai 2017 11:32

    Das olle Gefäß mit den mißratenen Knöpfen, so etwas habe ich im Leben noch nicht gesehen – auch das andere um diesen alten Betrieb herum noch nicht. Bisschen ähnlich war die alte Glasbläserei in Harrachow, von deren Abfallhaufen ich noch Glasbuntklumpenartiges hier in Fensterbankecken liegen habe.
    Ungewöhnliche Orte der Nichtjedermänner triffst du an! Das gefällt mir sehr!

    • 28. Mai 2017 21:51

      Der Schornstein ist unglaublich; man steht wie in einem gewaltigen Backsteinofen. Ich habe eine Schwäche für Industriemuseen; vor allem den abseitigeren wünsche ich alle Besucher an den Hals, daß sie überleben können. (Tschechisches Glas? Würde ich mir sofort angucken.)

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