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Kater Murr und ich

22. April 2017

Ich kann noch keine zehn gewesen sein, als ich ein Buch bekam, das nur Erwachsene einem Kind schenken können, die schon lange keines mehr gesehen haben; ich aber nahm’s und las, denn ich las alles, was man mir schenkte.

Das Buch hieß „Lebensansichten des Katers Murr (nebst fragmentaricher Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern)“ und war „herausgegeben von E.T.A. Hoffmann“.

Der Witz des Buches ging damals weitgehend an mir vorbei. Ich fieberte mit beiden Protagonisten mit, mit dem selbstzufriedenen Kater und dem zutiefst unglücklichen Kapellmeister, und war jedes einzelne Mal enttäuscht, wenn wieder die Perspektive wechselte. Ich lernte viele neue Wörter, ein bißchen was von Versmaß, und am Ende war ich traurig, daß das Ende fehlt.

Jahre später entdeckte ich das Buch vollkommen neu. Was für eine raffiniert gestrickte Geschichte! Satire auf das Bürgertum, herzergreifendes Porträt einer Künstlerseele, die Spirale von Unverstandenheit und Wahnsinn und, ach, die Liebe –!

Weitere Facetten fügte, wieder Jahre später, die Auseinandersetzung mit Leben und Wirken des Autors hinzu, eines unruhigen Geistes in einer Zeit voller Zwänge. Bevor er den dritten Teil des Buches auch nur beginnen konnte, starb E.T.A. Hoffmann an einer fortschreitenden Lähmung. Aber selbst der Torso dieser Geschichte wurde mit jeder Lektüre, und das kann man wahrhaft nicht von allen Geschichten sagen, mehr.

Kürzlich fiel mir das Buch wieder in die Hand. Die „Vorrede des Autors“: „Schüchtern — mit bebender Brust, übergebe ich der Welt einige Blätter des Lebens … Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? …“, gefolgt vom „Vorwort (Unterdrücktes des Autors):“ „Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, … damit sie … mich liebe, schätze, ehre, bewundere und ein wenig anbete …“ und dem Hinweis an Kritiker, der Autor verfüge über scharfe Krallen; schließlich der Nachsatz des Herausgebers, der den „günstigen Leser“ zu bedenken bittet, „daß, wenn manche wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden sollte, es nicht viel anders herauskommen würde.“

Ich sollte das dringend mal wieder lesen.

 

Weiterführendes Material in sechs lesenswerten Teilen bei „Kater Paul“, von Frau Amsel entdeckt.

 

 

 

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12 Kommentare leave one →
  1. karu02 permalink
    22. April 2017 16:58

    „Wieder lesen“ hat auch der Herr Magister uns, seinen Schülern, ans Herz gelegt. Manchmal stellt sich heraus, dass man damals gar nicht verstanden hatte, was im Buch steht.

    • 22. April 2017 17:04

      Da hatte er ganz gewiß recht, der Magister; die Wiederlektüren sind ja immer auch ein bißchen Selbstbetrachtungen. Aber manchmal habe ich mich schon gegrämt um das wunderbare Buch, das ich vorher hatte (und das bei der nächsten Lektüre dann gar nicht mehr so toll war).

  2. 22. April 2017 16:58

    Das ist einer jener vielen Klassiker, die ich immer nur von außen gesehen habe. Leider. Du machst mir richtig Lust, es zu lesen.

    • 22. April 2017 17:13

      Oh, es ist ja nur ein Zweidrittelbuch … (Ich mag es, über Jahrhunderte hinweg Geschichten erzählt zu bekommen.)

  3. 22. April 2017 18:02

    Ich hatte dieses Buch auch einmal. Kann mich aber nicht erinnern, worum es ging, wahrscheinlich habe ich es nicht kapiert. Aber nach deinem Beitrag habe ich nun Lust, es noch einmal zu versuchen! :-)

    • 22. April 2017 19:14

      .) Ich traue mich nicht, Versprechungen zu machen; aber für den Fall, daß Du’s probieren willst: als eBook gibt es das kostenfrei.

    • 22. April 2017 21:16

      Danke für den Tipp! Ich such sowas auch immer beim Projekt Gutenberg. Das ist also was für den morgigen verregneten Nachmittag. :-)

  4. 22. April 2017 20:29

    Oh, lang ist’s her. Vielleicht sollte ich auch mal wieder reinschauen.

    • 23. April 2017 20:30

      Vermutlich hat jede Lektüre ihre Zeit; und manchmal kommen sie wieder. .))

    • 24. April 2017 8:33

      Manchmal braucht man einen Anstupser ;-). Habe das e-book schon aufs Lesegerät gepackt.

  5. wardawas permalink
    23. April 2017 8:56

    Den Kater Murr kann man auf einem schönen kupfernen Stechschild besehen am E.T.A. Hoffmann-Haus iin Bamberg, wo Hoffmann von 1809 bis 1813 lebte. 2013 besuchte ich Haus und „Zaubergarten“ dahinter, amüsierte mich über das Loch im Fußboden des „Poetenstübchens“, durch das Hoffmann seiner Frau bisweilen schnurrige „Überraschungen“ bereitete (ein Handtuch herunterhängen ließ, einen Stiefel durchplumpsen…) und fand in der Wartezeit (weil überpünktlich) bis zum Öffnen des Museums nicht nur das wunderschön altmodische Schaufenster eines „Bürsten-Fachgeschäfts“ nahe beim Schiller-Theater, sondern auch – in einem buchbedruckten Zipperbeutel – mein erstes Bookcrossing-Buch.

    • 23. April 2017 20:34

      … das dann aber nicht der „Kater Murr“ war? Schöne Geschichte; vor dem Haus stand ich auch schon, aber da war’s zu. Muß ich mal wieder hin.

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