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Vorsingen

21. März 2017

Die geschätzte Frau Trippmadam hat eine Episode aus der Schule geschildert: das allseits gefürchtete Vorsingen, dem man, je nach Talent und Einfallsreichtum, mit unterschiedlichen Strategien begegnete, aber kaum je ungeschoren davonkam. Auch im eigenen Erinnerungskeller schlummert eine Vorsing-Geschichte, gut abgehangen.

Die Geschichte beginnt mit dem Besuch des Hauchlobenthaler Kindergartens in der Klasse von Frau B.: So, liebe Kinder, werdet ihr es auch bald haben. Wir Kleinen saßen an den Wänden auf Turnbänken, und vor meinen staunenden Augen fand Musikunterricht statt.

Ein Frühlingslied wurde eingeübt. Der Text erschien an der Wand (Owerhettprojekter), Zeile für Zeile sang Frau B. vor, die Klasse sang im Chor nach, und wer von den Vorschülern wollte, durfte auch. So schön ist’s im Mai, ja, schön ist’s im Mai, so schön, schön ist’s im Mai! In Büschen und Hecken woll’n wir uns verstecken, wer sucht, eins, zwei, drei? So schön ist’s im Mai. Doofe Melodie, aber eingängig.

Na, wie war’s in der Schule, fragte man uns später, und: gut, sagten wir.

Ich kam als Schulkind tatsächlich in die Klasse von Frau B. Ich fand sie, wie alle Kinder ihre Lehrerinnen, nett und schön. Als wir dann irgendwann das Frühlingslied lernen sollten, jetzt im eigenen Unterricht und ganz im Ernst, rutschte mir fröhlich heraus: Ach, das kennen wir schon!

Was?, fragte Frau B. schmal, und ich begriff nicht ganz, was sie meinte. Das Lied, sagte ich. Das haben wir damals gelernt, und ich erklärte das mit dem Besuch der Kindergartenkinder. Nein, sagte Frau B., das Lied kannst du nicht. Doch, sagte ich, das haben wir damals gelernt. Ich schaute mich um, aber es schien sich niemand sonst zu erinnern.

Dann, sagte Frau B., und es klang gar nicht freundlich, sing es vor. Steh auf.

Trotzig stellte ich mich hin; alle drehten sich zu mir. So schön ist’s im Mai, fing ich an. Frau B. hatte die Stirn gerunzelt. Ja, schön ist’s im Mai. Meine Stimme klang komisch im totenstillen Klassenraum, und mir wurde sehr heiß. Ja, schön, schön ist’s im Mai. Irgendwas war hier ganz verkehrt. Frau B. starrte mich an. In Büschen und Hecken —

Ich hörte auf zu singen und setzte mich. Ich weiß es doch nicht mehr, log ich.

Na, siehst du, sagte Frau B. zufrieden, und auch das klang nicht freundlich.

Hier und da drehte sich noch verstohlen ein Kind nach mir um, aber das war’s, der Vorfall kam nicht wieder zur Sprache. Trotzdem fand ich danach meine Lehrerin nicht mehr ganz so hübsch, nicht mehr ganz so nett. Oh, ich hatte ein gutes Gedächtnis, und das behielt ich von da an für mich.

 

 

 

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22 Kommentare leave one →
  1. 21. März 2017 18:00

    Grundschulerinnerungen sitzen tief. Ich hoffe, dir ist die Lust am Trällern nicht vergangen. Ich profitiere noch heute von dem Liederschatz. Neulich sang ich meinen Söhnen „Im Frühtau zu Berge“ vor, um sie von ihrem Gezänk abzulenken – und -oh wunder- sie stimmten mit ein. Vorschulkinder.

    • 21. März 2017 19:09

      Och, fürs Singen gab es Lagerfeuer! Kann ich sehr empfehlen, machen nicht nur Vorschulkindern Spaß.

    • 22. März 2017 0:51

      Lagerfeuer war das Größte. Ich war bei den Pfadfindern. ;-)

    • 22. März 2017 10:19

      Aha! .) Man müßte mal erheben, wie viele Pfadfinder später bloggen … ,)

  2. 21. März 2017 18:10

    Vorgeführt. Sehr unfein.

    • 21. März 2017 19:11

      Damals war ich beschämt, als Erwachsene denke ich: hatte sie vielleicht nötig …

  3. 21. März 2017 18:45

    Ein Dorfplatzkind kannte ich bis heute auch nicht.

    • 21. März 2017 19:12

      Na, kann halt nicht jeder am Dorfplatz wohnen. .)

  4. 21. März 2017 21:16

    Au weia – Schulgeschichten.
    Lehrer, die Schulkinder vor der ganzen Klasse blamieren. Von Lehrern und Lehrerinnen. Habe ich in allen Abstufungen erlebt. Bis hin zur Selbsttötung eines Mitschülers… Lang ists her doch unvergessen.
    Gruss von weiter nördlich,
    Herr Ärmel

    • 21. März 2017 22:57

      Uff. Schule prägt. Gibt Dinge, die darf man nicht vergessen …

  5. 21. März 2017 23:51

    Oooh, so ein Kind war ich auch. Was mein Erlebnis war, das gute Gedächtnis „unter Verschluss“ zu halten, habe ich dennoch vergessen, so vermute ich es war die Summe von vielem.
    Dein Text macht mich traurig.
    Und ja, vorsingen war mir ein Graus.

    • 22. März 2017 8:59

      Ich fürchte, das geht vielen so oder ähnlich. Das muß es aber auch mit guten Erlebnissen geben; nur hat man vermutlich ein besseres Gedächtnis für schlechte.

  6. 22. März 2017 5:15

    Und solche Leute, wie Frau B., wurden (und werden wohl noch immer) Lehrer. Schlimm.
    Auch ich hatte mit so einer Frau B. zu tun, sie hiess Fräulein Fröhlich. Ihrem Namen machte sie allerdings keine Ehre: Nomen ist eben nicht zwangsläufig Omen…

    • 22. März 2017 9:35

      Mir hat mal jemand gesagt: mit den Lehrern ist es wie mit den Bäckern, da gibt es gute und weniger gute. (Nur kann man sich die Bäckerei aussuchen, in der man einkauft.)

  7. 22. März 2017 8:46

    Verwirrend schön ist ja aus deiner Feder der Owerhett-Projektor. Weiß man doch, dass Rechtschreibfehler andere machen mögen, aber nicht du. Damit hast du mich dann jetzt tatsächlich so weit gebracht, dass ich bei Wikipedia nachschlagen musste, ob es nicht vielleicht doch einen einfallsreichen Herrn Owerhett gegeben hat. Antwort: Nein. Puh.

    • 22. März 2017 9:42

      Ha! Ronald F. Owerhett (1862–1955), Sproß einer Handwerkerfamilie im Rheinland, Erfinder des O.-Projekters, des O.-Manövers (zum Optimieren des Überholvorgangs nahezu gleich schneller Objekte auf geraden Bahnen) und des O.-Zworkels, eines Spezialwerkzeugs für die Spenglerei. Steht nicht in der Wikipedia? Unverschämtheit!
      (Ich hatte als Kind die Marotte, mir alles geschrieben vorzustellen, vor allem, wenn ich es noch gar nicht schreiben konnte.)

  8. 22. März 2017 16:42

    Die Frau B. hat es damals falsch verstanden, als es hiess, man solle für das Leben lernen, nicht für die Schule. Ob das Leben mit besseren und vor allem weniger grausamen Lehrern auch besser wäre? Frage unwissenschaftlich gestellt, nicht falsifizierbar und nicht reproduzierbar, ich weiss. Bei uns war es ein Pfaff (naja, mehrere) die so drauf waren. Wie soll man da kein Atheist werden? Meine Lektionen in Sachen Gemeinheit saßen. Aber wenn alle Lehrer so böse gewesen wären, nicht nur die Pfaffen, wäre man (ich) dann zum Menschenfeind geworden?
    Mir fällt jedenfalls auf, dass es zu diesem Post viele Kommentare gibt.

    • 22. März 2017 18:19

      Ich glaube nicht mal, daß Frau B. besonders gemein war oder so etwas; sie konnte vielleicht nur Arglosigkeit nicht von Angeberei unterscheiden. Oder fand es schwierig, wenn Lehrer mal nicht recht hatten. (Allerdings weiß ich von geradezu sadistischen Lehrern, und an so einen erinnert sich vermutlich jeder Mensch, der eine Schule besucht hat. Von daher …)

    • 22. März 2017 21:48

      Ist gut möglich. Und ich wollte auch sagen, dass mir der Text trotz der eigentlich traurigen Geschichte und Erinnerungen, die geweckt wurden, sehr gefallen hat.

  9. 28. März 2017 11:32

    Vorsingen. Wie furchtbar. Ein Musiklehrer tat das in einer Art Ritual. Sagte nur knapp den Nachnamen, dann fauchte er „Vortreten!“ und wir mussten etwas vorsingen. Ich durfte abtreten unter dem Gelächter der verängstigten Mitschüler und seinen Worten: „Name, du singst 24 Töne auf einmal, das ist schlecht, halt den Mund!“
    Was bleibt einem da noch übrig!
    Merkwürdig ist, dass wenn ich jetzt singe, mir immer die Tränen laufen. Vielleicht sind die aus den 23 Resttönen gemixt!?

    • 29. März 2017 17:26

      Resttontränen … Brrr, das kann ich mir vorstellen. Bei so einer Vorlage. Man kan wirklich nur hoffen, daß es das nicht mehr gibt.

Trackbacks

  1. Renitenz – Geschichten und Meer

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