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Kirche im Dorf

10. Dezember 2016

Zur Beerdigung kommt der halbe Ort, mindestens, und noch einmal so viele von weiter weg. Die Kirche ist schwarz vor Menschen und voller weißer Blumen, die Gesichter sind ernst. Hier und da werden Taschentücher verteilt.

Der Posaunenchor spielt im Wechsel mit der Orgel, und alle singen mit oder versuchen es doch. Der Pfarrer spricht laut und schön und weiß tröstliche Worte; man ist sich nachher einig, das hat er gut gesagt.

Ein Zug von Wintermänteln zur Grabstelle. Glockengeläut, Psalm 23, Staub zu Staub. Dann stehen alle in der Winterluft und werfen ihre Handvoll Erde in die Grube; Händeschütteln und Umarmen, Tränen und Freude: so sieht man sich wieder!

Nachher im Gemeindehaus ist der Kaffee dünn, der Kuchen trocken, das Gespräch gedämpft, doch das ändert sich. Allmählich wird die Gesellschaft lauter, man wirft Sätze über Tischzeilen hinweg, hier und da steckt Gelächter an. Es wird warm.

Zum Schluß kriegen alle noch ein Paket Kuchen und gehen heim, während der kleine Bagger hinter der Kirche die Grabstelle zumacht. Ein Glück hat es nicht gefroren! Es wird dunkel. Das Lachen sitzt locker in der Kehle: wir haben’s hinter uns, es ist geschafft. Und es war ein schönes Begräbnis.

Dabei kommt jetzt ja alles erst: der nächste Morgen und alle anderen danach; das Fehlen; die Träume; die Korrekturen von Numerus und Tempus und Kalender; lernen, wie ein Jahr geht. Und die Lektion: so ist das jetzt, und dieses Jetzt wird bleiben.

 

 

 

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25 Kommentare leave one →
  1. 10. Dezember 2016 19:41

    Mit meinen Gegangenen spreche ich doch jeden Tag.

    • 10. Dezember 2016 19:47

      Dann bleiben sie noch ein wenig; zumindest in Erinnerung.

  2. 10. Dezember 2016 23:08

    Traurig, dieses neue Jetzt.

    • 10. Dezember 2016 23:14

      Ach, ein Mist ist das. Könnt ich drauf verzichten.

  3. 11. Dezember 2016 9:49

    Leider gibt es kein Entrinnen. Ich denke an Dich und wünsche Dir viel Kraft und ein bißchen Sonnenschein.

    • 11. Dezember 2016 12:22

      Danke Dir. Und: Dir auch; so viel Du brauchst.

    • 11. Dezember 2016 14:09

      Danke. Ich glaube ich bin ein lichtverschlingendes schwarzes Loch derzeit.

  4. 11. Dezember 2016 11:13

    Und die anderen ziehen sich zurück im Glauben, das Schlimmste sei ja nun überstanden, unwissend, daß es jetzt erst beginnt.

    • 11. Dezember 2016 12:36

      So ist das und geht wohl auch nicht anders; gewisse wesentliche Strecken gehen wir allein.

    • 12. Dezember 2016 18:23

      Ich kenne es auch anders, von früher, das geht. Man kann einem anderen Menschen sehr viel Schmerz abnehmen oder ihn erleichtern. Man kann sehr für einen anderen Menschen da sein , wenn man das wirklich will.

  5. 11. Dezember 2016 14:36

    Oh, wie wahr.
    Feine Bilder webtest du. Aus Worten Stimmungen zu malen ist eine deiner vielen literarischen Stärken.

    • 11. Dezember 2016 15:01

      Danke, Soso! Diese Mischung aus tröstlich und schrecklich, die ist was zum Kauen; aber das war sicher nie anders und wird vielleicht auch immer so sein.

  6. 11. Dezember 2016 14:39

    Im Alltag kann ein solcher Abschied Lücken hinterlassen, Verlust bedeuten, aber auch tröstliche neue Erfahrungen. Als meine Mutter starb, ist sie von ihrer Wohnung in mein Herz umgezogen, und damit hatte ich nicht gerechnet. Aber nach über einem Jahr spüre ich sie dort immer noch. :-)

    • 11. Dezember 2016 15:27

      Das ist schön, und das würde ich allen wünschen, die liebe Menschen verlieren. Danke!

  7. 12. Dezember 2016 13:10

    Eine kleine Geschichte dazu, wenn Sie mögen. In Griechenland gibt es die Sitte, jedem bei einer Beerdigung Anwesenden ein kleines Tütchen mit gebrannten Mandeln mitzugeben, als kleinen süßen Trost sozusagen (es ist eine bestimmte Süßigkeit, die, soweit ich weiß, nie anders als zu Beerdigungen gegessen wird). Nun erzählte mir einmal eine Griechin, als Studentin seien sie und ihre Freunde derart abgebrannt gewesen; hätten dabei aber einen solchen Heißhunger auf Süßigkeiten gehabt: daß sie eines Tages sich nicht anders zu helfen wußten, als auf eine Beerdigung zu gehen, damit sie in den Genuß der gebrannten Mandeln kämen. Und da seien sie nun inmitten all der Abschiednehmenden, traurigen, schniefenden Menschen gestanden, und es sei so furchtbar traurig gewesen, daß sie alle Rotz und Wasser geheult und die Mandeln danach bitter nötig gehabt hätten. Nie wieder, hätten sie sich geschworen, würden sie das freiwillig wiederholen, und sei der Hunger noch so groß. Trauer steckt an; Lachen auch; und das ist vielleicht der größte Trost.

    • 12. Dezember 2016 13:21

      Danke. Das ist eine wunderbare Geschichte.
      (Aber wissen Sie, Mandeln — in einem Überzug aus weißem Zucker — gibt es bei uns zu Hochzeiten …!)

  8. 12. Dezember 2016 15:41

    Ja, so ist das, andauernd in irgendeinem Dorf, immer und immer wieder. Ich wünsche Freude neben und nach der guten Trauer!

    • 17. Dezember 2016 17:59

      Oh, ja. Danke. Alles hat seine Zeit; das tröstet.

  9. Herr Ärmel permalink
    14. Dezember 2016 17:21

    Trauer ist überaus vielschichtig. Sie kann auch Bilder und Erinnerungen korrigieren.
    Grüsse von jenseits des grossen Stroms

    • 17. Dezember 2016 18:01

      Manchmal staunt man, ja. Ging mir auch schon so.

  10. 15. Dezember 2016 22:15

    …von ihrer Wohnung in mein Herz umgezogen…
    Ja, so geht das. Gut.

  11. 3. Februar 2017 9:09

    Ich denke jetzt gerade an meinen toten Bruder, der im Januar vor 12 Jahren von uns ging.
    Diesen Januar war es das erste Mal, daß ich seinen Todestag vergaß.
    Es ist weit weg jetzt schon, aber immer noch schmerzlich.

    • 3. Februar 2017 19:19

      Die zeitliche Entfernung ist da, scheint’s, ganz und gar egal. Ich finde das sogar ein wenig tröstlich — der Schmerz ist das einzige, was nicht blasser wird; die Erinnerungen schon.

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