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Im Konsum (rauschfrei)

17. November 2016

 
Als ich klein war, fuhren wir einmal im Jahr nach drüben, eine Winterreise, die ich nicht mochte; es war dunkel, kalt und anstrengend in der Stadt im Osten. In meiner Erinnerung ist alles grau, die Häuser, die kahlen Bäume, die Autos, sogar der Himmel, und die ganze Stadt riecht nach Braunkohlerauch.

Mit der Tante ging ich einkaufen. Wir hatten einzwei Beutel mit leeren Gläsern und Papier dabei, die brachten wir zu einer Sammelstelle am Straßenrand. Dann ging’s in den Konsum, betont auf der ersten Silbe. Im Konsum gab es alles, was es gerade gab. Auch das war grau; einfarbige Schachteln und Tüten und Etiketten auf Gläsern und Flaschen. Die Regale waren oft nur halb gefüllt. Alles hieß anders. An der Fleischtheke, in der kaum was lag, standen wir an; einmal bekam die Tante ein Päckchen von unter der Ladentheke. Manchmal wurden Stimmen gesenkt, dann hieß es: das Brot ist heute nicht gut … Pilze haben wir nicht mehr lang … Warum ist das Brot nicht gut?, bekam ich später erklärt: Das ist aus unreifem Getreide, das wird sofort schimmlig. Warum? Planwirtschaft. Überhaupt, meine Fragen: Wieso gibt es hier so wenig? Wieso sind die Erbsen so grau?, Antworten bekam ich selten, aber ich spürte die Verlegenheit der Verwandten.

Ich wußte, daß wir einmal im Jahr ein großes Paket packten. Da hinein kamen Seife, Kaffee, Damenstrumpfhosen, Konservenananas, Schokolade und Strickzeitschriften („die von hier sind zum Davonlaufen“, sagte die Tante); im Gegenzug bekamen wir Bücher, Noten und Musikinstrumente, Dresdner Stollen, Schnitzarbeiten, Uhren, meist russisches Fabrikat. Manche Sachen kamen nie an (und wieder gesenkte Stimmen).

Vieles verstand ich nicht; etwa, wieso wir Kontakt vermieden, wieso ich die üblichen Fragen: na, wer bist du denn, wo kommst du her, wie gefällt es dir hier nicht beantworten sollte. „Die ist auch von der Sicherheit“, hieß es höchstens mal in den eigenen vier Wänden über eine, die wir getroffen hatten. Fragte ich nach, schauten die Erwachsenen sich gegenseitig an und zuckten mit den Schultern.

Meine Erinnerungen ans Einkaufen im Osten sind Erinnerungen an Bedrückung. Immer war Thema, was es nicht gab oder was von unverschämt schlechter Qualität sei, „nicht so wie bei euch“. Scham, Neid, ein grundlegendes Gefühl von Ungerechtigkeit, aber auch Ins-Unrecht-gesetzt-Sein, denn was konnte ich dafür, daß es hier so ist?

Heute denke ich: dieses Glas-Sammelsystem, das hätte man bundesweit etablieren sollen, diese ganze Bedachtsamkeit. Und: weniger Schreiendes, weniger Plastik, weniger Kaufmichkaufmich würde ich mögen.

 

Zu Jules van der Leys Erzählprojekt Die Läden meiner Kindheit. Mehr Geschichten: hier.

 

 

 

 

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23 Kommentare leave one →
  1. 17. November 2016 19:10

    Dankeschön für diese Erinnerung. Wie es war in der DDR, kenne ich aus eigener Anschauung nicht, weil wir weder Familie noch Freunde drüben hatten. Die von dir geschilderte triste Mangelwirtschaft mit Waren zweifelhafter Güte lässt verstehen, warum nach der Maueröffnung die DDR-Bürger heimische Produkte verschmähten. Inzwischen pflegt man die Ostalgie und erfreut sich wieder an Spreewaldgurken, Rotkäppchen-Sekt und was sonst noch gut war in der DDR.

    • 17. November 2016 19:13

      Als meine Großmutter mit über 90 Jahren das erste Mal in den Westen reisen durfte, brach sie im Supermarkt in Tränen aus: das ist nicht recht! das ist nicht recht! Es war wohl eine Mischung aus: das hat man uns alles vorenthalten und: das ist doch Hybris, so viel von allem.

  2. Herr Ärmel permalink
    17. November 2016 19:31

    Ein vielschichtiges Thema. Das Westpaket, Bückware, Qualität und Quantität. Und immer war die Planwirtschaft daran schuld.
    Ich hatte keine Ostverwandtschaft, wir verschickten keine Pakete nach „drüben“. Und in meinem Umfeld die gleichen weit verbreiteten abfälligen Kommentare.
    Ich hielt die Ostsee immer für ein schmutziges graues Meer. So hatte ich sie gesehen in Scharbeutz, In Neustadt oder in Eckernförde. Drüben ist die bestimmt noch viel grauer. Die bundesrepublikanische Politik und ihre Sprachrohre bei Springer und Konsorten wirkten.
    Welch ein Erstaunen meinerseits als ich erstmals Rügen besuchte und im Morgensonnenschein eine azurleuchtende Ostsee vor den Kreidefelsen sah. Liebe auf den ersten Blick muss eine ähnliche Wirkung entfalten.

    Abendschöne Grüsse aus dem Lipperland,
    Herr Ärmel

    PS: ich beantwortete eine freundliche Mail, die mir ein gewisser MailerDemon zurücksandte als unzustellbar….

    • 17. November 2016 19:36

      Einem Vorschulkind zu erklären, was los ist, stelle ich mir heute auch nicht so leicht vor. (Mailfach sollte wieder Platz haben …)

  3. 17. November 2016 20:59

    Ich bin in der DDR aufgewachsen. Das es nicht alles gab ist richtig. Halbleere Regale habe ich nicht in der Erinnerung. Neben dem Konsum gab es die HO, viele private Bäcker und Fleischer. Das Brot war wirklich im eigenen Ofen selbst gebacken, die frischen Brötchen kosteten 20 Pfennige, weil das Mehl vom Staat gestützt wurden und waren wunderbar, nicht aufgeplustert und in außreichender Menge vorhanden. Allerdings lebe und lebte ich im Süden, der vor allem mit Fleisch- und Wurstwaren besser versorgt war als der Norden. Es hat mir an nichts gemangelt, außer an der Freiheit sagen zu dürfen was ich denke.

    • 17. November 2016 22:27

      Ich habe später auch ganz andere Geschichten gehört, aber das ist, was bei mir aus Kinderperspektive hängengeblieben ist; mit viel innerfamiliärem Konflikt.
      Wer auf dem Land lebte oder zumindest einen Garten hatte, war vermutlich besser versorgt; ich kenne nur DDR-Großstadt, und nur im Winter. All die Selbstversorgersachen, wie Pilze und Kastanien sammeln, habe ich nicht erlebt.

    • 17. November 2016 22:53

      Manchmal staune ich sehr über die vohandenen Vorstellungen. Niemand hat sich über einen eigenen Garten ernähren müssen. Höchstens für Erdbeeren …ich finde es eher richtig, Obst nach Saison zu genießen. Zugegebenermaßen wirkten Großstädte im Winter sehr grau, statt in Altbausanierung steckte die DDR Investitionen in Neubaugebiete. Sozialbauten gab es jedoch auch in der BRD. Pilze sammeln ist eine Leidenschaft und war niemals Teil der Ernährung. Kastanien haben alle Schulkinder gesammelt, sie gegen Taschenentgelt an den Förster verkauft, zur Tierfütterung. Eine wie ich finde gute Idee. Wer aus dem überfüllten Wirtschaftswunderland kam, sah das sicher anders. Die Verschwendung breitet sich auch hier seit der Wende aus, zu finden in überfüllten Einkaufscentern…wer kauft ist hip. Mir gefällt das nicht.

    • 17. November 2016 22:59

      Meine ich doch. Die Dinge, die mir als Kind Spaß gemacht hätten – raus, irgendwo buddeln, was sammeln, was lernen –, die konnte ich nie machen. Ich war Dorfkind und konnte Städten erst spät etwas abgewinnen. Erinnerung ist subjektiv …
      Oh, und die Geschichte mit den Gärten: eine Bekannte erzählte, sie habe nie wieder Obst bekommen wie das, was ihre Familie selbst angebaut hatte; Jeder, der einen Garten hat, ist besser versorgt. Egal wann; egal wo.

    • 17. November 2016 22:40

      PS: Der Herr van der Ley fragte bereits nach DDR-Laden-Kindererinnerung; für die Gegendarstellung …

    • 17. November 2016 22:54

      In meinem Blog finden sich viele Erinnerungen…kann jeder lesen.

  4. 19. November 2016 3:42

    Ich muss mal Arabella den Rücken stärken und auch was dazu sagen. Ich bin ja noch um einiges älter als sie und erlebte die DDR ab ihrer Gründung – und da war ich schon 4 Jahre alt. – Sicher war das Angebot beschränkter und einseitiger, aber gehungert haben wir nie. In Görlitz war die Obst- und Gemüseversorgung viel schlechter als später in Berlin – die Hauptstadt wurde eben immer besser versorgt und wie sind bei Besuch bei meiner Mutter immer mit einem vollen Auto gefahren.
    1985 durfte ich zu einem runden Geburtstag zum ersten Mal in die Bundesrepublik fahren. Trotz meines gereiften Alters fand ich diese grelle Helle, dieses Werbungsüberangebot, die Wahnsinnsfülle in den Geschäften eher bedrückend als erfreuend. Wenn ich diese Verpackungsverschwendung erlebte – 1/3 der Schachteln waren leer – sträubte sich mir das Fell.
    Und ich war wirklich keine „überzeugte“ DDR-Bürgerin, ich hatte eine politische Abiturbeurteilung, die jedes vernünftige Studium verbot.
    Doch ich glaube ganz sicher, dass ich hier auch mit dem Verfassungsschutz in Kollision gekommen wäre.
    Guten Morgen oder gute Nacht!

    • 19. November 2016 9:04

      Liebe Clara, ich habe doch nicht die Versorgungssituation in der DDR dargestellt, sondern die Kindererinnerungen an dieses Geschäft, an diese Besuche. Für Kinder scheint im Sommer immer die Sonne …
      (Meine Großmutter kochte übrigens jedes Mal Lende in Sahnesoße mit Preiselbeer-Birnen und böhmischen Knödeln; das war ihr Spezialgericht. Auch kein Kinderessen. Heute mag ich das gern.)

    • 19. November 2016 9:55

      Vielleicht habe ich das nachts um 2 Uhr nicht so richtig gesehen und bin zu sehr auf Arabellas Eintrag eingegangen

    • 19. November 2016 9:57

      Ich freue mich an all diesen Zeitreisen in die Kindheitsgeschäfte; es ist erstaunlich, was man sich alles merkt, wenn man noch nicht mal über den Ladentisch gucken kann.

  5. 20. November 2016 20:43

    Ich war nur einmal mit meiner Oma auf Besuch bei der Verwandschaft in Erfurt, es war in meinen Herbstferien. In meiner Erinnerung musste ich vor allem früh schlafen gehen, damit die Erwachsenen plaudern konnten. Mit der Großtanten haben wir uns beim Einkaufen auch anstellen müssen, ich kann mich aber nicht mehr erinnern, was sie kaufen wollte.
    Mein Kindheitsgeschäft war der Tante-Emma-Laden etwa 50 m die Straße hinunter, „bei Raupachs“ kaufte meine Oma ein. Es gab auch noch eine Molkerei, wo meine Mutter Milch, Joghurt und Quark kaufte. Und im übrigen, auch ich als Westkind, wurde mithilfe des Gemüsegartens der Eltern besser ernährt, die Erbsen gehören zu meinen liebsten Garten-Kinder-Erinnerungen! Kaninchen, Geflügel und Schafe wurden geschlachtet und zwar vor Ort und das, was wir vorher gestreichelt hatten, lag irgendwann dampfend auf der sonntäglichen Bratenplatte.
    Liebe lakritze, danke für’s Mitnehmen!

    • 21. November 2016 22:53

      Jaja, die sachliche Aufzucht der Landkinder. Dialog vorm Kaninchenstall: Ja, und frieren die im Winter nicht? – Nee, im Winter komm die inne Tüte inne Truhe. Gibts dann zu Weihnachten.

    • 23. November 2016 11:12

      „Sachliche Aufzucht der Landkinder“… wunderbar getroffen!

  6. 26. November 2016 22:12

    Ich war 1980 das erste Mal im Osten, in Dresden auf Klassenreise

  7. 26. November 2016 22:16

    Zu schnell gedrückt 😉 ich fand es entspannend dort, ohne das Marktgeschrei der Werbung. Als wir nach einer Woche wieder in unsere Kleinstadt im Westen waren, hat mich das Grellbunte unserer Fußgängerzone überfordert. Und das war ja nur halb so bunt wie heute.

    • 27. November 2016 8:50

      Das ging mir schon als Kind so. Ich war ja glücklicherweise Landei, da gab es nur „Becht’s Oel“-Schilder an den Scheunen, aber schon die nächste Kleinstadt war mir ein Greuel. Letztes Jahr in Prag habe ich was davon wiedergefunden – da ist auch noch nicht jede Fläche werbeverseucht, das mochte ich.

  8. 1. Dezember 2016 13:04

    Vielen Dank für die Einsichten in eine Welt, die ich nur vom Hörensagen kenne. Danke an Frau Lakritze & auch an die Kommentatoren.
    (Ich weiß, ich bin ein später Leser. Ich hole gerade ganz viel nach, wozu ich zuletzt nicht mehr gekommen bin.)

    • 1. Dezember 2016 16:46

      (Je später die Leser … undsoweiter. Ich hoffe, die Blogferne macht Freude. .))
      Ich habe mal angefangen Erinnerungen zusammenzutragen, aber das sind so schwer faßliche, zerbrechliche Gebilde, daß ich mich kaum traue, sie anzupacken … Danke!

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