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… und der Herbst beginnt

20. September 2016
Auf dem Lande.

Auf dem Lande.

Die Trostlosigkeit hat nichts mit dem Wetter zu tun. Es ist ein Neubaugebiet, eines von vielen, an denen der Wanderweg entlangkratzt: Haus für Haus in die Jahre gekommene Ideen von Schönheit und Bequemlichkeit, totgepflegte Grundstücke unter Bodendeckern oder praktischen Kiesfüllungen. Kein Bäcker, kein Laden, kein Treffpunkt; dafür Garagen, viele, denn man muß ja einkaufen, Ärzte besuchen, sich amüsieren. Menschen sieht man nur in Autos; Bürgersteige scheint es zu geben, damit man was zum Hochklappen hat. Manche Häuser zeigen nichts als Rolläden. Wie das wohl mal gedacht war? So sicher nicht.

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Aber vielleicht urteile ich ungerecht. Vom Weg aus ist ja nicht viel zu sehen; vielleicht erntet man Gemüse, spielen Kinder in Gärten, die vor Wandererblicken geschützt sind. Vielleicht blüht das Leben hinter den Mauern, tagt irgendwo ein Lesezirkel, kümmern sich Nachbarn, entwickelt man den Ort. Ich hoffe es.

Außerhalb sind die Äcker abgeerntet, faule Äpfel fallen von den Bäumen. Gestern wurde in den Feldern ein Fest gefeiert; gerade löst sich eine Wagenburg auf in einen Fluß von Fahrzeugen, der sich zäh auf die Landstraße ergießt. Ich finde im Straßengraben zwei herrenlose Fahrräder und eine Geldbörse mit Papieren und habe gleich ganze Krimis im Kopf (inzwischen weiß ich, sie war wirklich nur verloren).

Nun ist der Sommer wohl vorbei. Für mich beginnt die schönste Zeit in Wanderschuhen. Auf der anderen Seite des Flusses käme mir ungefähr jetzt Irgendlink entgegen, der am Rhein entlang zur Nordsee radelt.

 

 

 

 

15 Kommentare leave one →
  1. 20. September 2016 16:34

    Ach, dich hat der Herbst auch melancholisch gemacht. Schön geschrieben.
    Und: Es ist genau so gemeint gewesen: Bodendecker und Verbundpflaster: Es soll keine Arbeit machen und sauber aussehen. Das ist in Zeiten entstanden, in denen eine asphaltierte Straße noch ein Fortschritt war und Sauberhalten ein Kampf gegen den täglichen Matsch. Ich komm aus so einem kleinen Eifeldorf. Und wo kam plötzlich die Wagenburg her? Kirmes?
    Grüße vom eimaeckel

    • 20. September 2016 18:20

      Danke! Ach, den Herbst habe ich gern, der macht mich nicht melancholisch; aber zu sehen, was aus Dörfern wird, das schon. Eine Hofbesitzerin, die in ihrem Ort immer als unordentlich gescholten wurde, weil sie das alte Kopfsteinpflaster nicht durch was Modernes ersetzte, war fassungslos, als man ringsum anfing, Insektenhotels aufzuhängen; erst den Lebensraum zerstören und dann künstlich wieder herstellen, das fand sie bizarr …
      (Die Wagenburg muß eine Art Oldtimertreff gewesen sein; auf Anhängern hatten sie verpackte Motorräder.)

  2. 20. September 2016 17:41

    Den gleichen Siedlungstypus kenne ich aus Dörfern in Bayern. Inzwischen sind die Kinder aus dem Haus und Ödnis schleicht sich zwischen die Hauszeilen.

    • 20. September 2016 18:24

      Ja. Und die Leute, die damals mit Freuden zum Einkaufen auf die grüne Wiese gefahren sind, haben jetzt nichts mehr im Ort, wenn sie nicht mehr fahren können. Kurzsichtig gedacht, aber vermutlich menschlich.

    • 20. September 2016 20:48

      Noch schlimmer wird es, wenn sie nicht mehr fahren können oder wenn sie besser nicht mehr fahren sollten. Dann wird der Traum vom Eigenheim zum versorgerischen Albtraum, denn die Kinder sind weit weg, da, wo Arbeit ist/versprochen wurde.
      Und irgendwann wird das Haus leer sein…
      Genauso wie sich die Nachbarhäuser leeren und nur noch ein paar alte Frauen übrig geblieben sind, die nicht wissen, wie Vater das immer mit der Versicherung gemacht hat.

    • 20. September 2016 21:32

      Finstere Aussichten, in der Tat. Erst fehlen die jungen, dann die alten Leute auf den Straßen, und irgendwann parken nur noch die Kleinwagen der Pflegedienste vor den Häusern. Platz ist ja.

  3. 20. September 2016 18:55

    Ich mag ja deine subjektive Objektivität ebenso sehr wie deine bildhaft-literarische Sprache. Und hoffe mit dir auf viele feine Wandererlebnisse.

    • 20. September 2016 19:28

      Oh, danke, SoSo! Ähm, da weiß ich also jetzt gar nicht … Freut mich, so lobende Worte von Dir zu lesen. Auf viel Weg mit viel zu sehen hoffe ich auch!

  4. 20. September 2016 20:38

    Vollendete Tristesse. Wie der Himmel so die welt und umgekehrt.
    Gefällt mir in seiner niederschmetternden Trostlosigkeit.

    • 20. September 2016 21:27

      Tröstlich finde ich persönlich, daß wenig, was den Menschen betrifft, von Dauer ist.

  5. 20. September 2016 22:56

    Du hast den schwindenden Sommer gelungen mit dem schwindenden Leben in diesen Siedlungen in Verbindung gebracht, sowohl in Wort wie in Bild. Meisterhaft, ein toller Beitrag! :-)

  6. 20. September 2016 23:14

    Allen, besonders Anhora, schließe ich mich an. Wir werden auch von einigen Nachbarn für verrückt gehalten, weil unsere Gartenbäume und der wilde Wein am Haus, die mache doch arch viel Dregg, besonnerschd im Herbscht…(Danke für den Gruß vom Rheinradler!)

  7. 21. September 2016 8:43

    Anhora & Wildgans, ich danke euch sehr. Eine wunderbare Sache ist ja, daß der Artikel in der Kommentarspalte fortgeschrieben wird, wie eigentlich oft; Verbundpflasterödnis, wilder Wein – lauter Geschichten und Assoziationen.

  8. zeilentiger permalink
    22. September 2016 21:53

    Schreckliche Etappen sind das für uns Wandernde. Vielleicht aber viel furchtbarere für die Menschen, die dort leben.

    Gute Herbstwege wünsche ich! Für mich ist die schönste Wanderzeit ja jetzt vorbei. Aber der Herbst hat ja auch was zu bieten. Vielleicht sogar schon morgen nach der Arbeit.

    • 23. September 2016 8:11

      Oh, ich wünsche guten Weg! Schön warm ist er ja, und golden, dieser Herbst.
      Mit das Furchtbarste an dieser Art Bebauung finde ich, daß das mal der Gipfel des Wohlstands war: Platz, Aussicht, Raum ringsum … Die Gegend ist richtig schön, und die Häuser, die jetzt so steril und verlassen wirken, waren sicher nicht billig. Vielleicht gibt es für Dörfer keine ordentliche Stadtplanung?

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