Skip to content

Wo das Mineralwasser wohnt

15. August 2016

Es ist August und damit hoher Sommer; die Zeit, in der sich Einheimische in den Dorfkneipen Geschichten von umkippenden Wanderern erzählen (und wie der Rettungshubschrauber kam, da wars schon zu spät). Nun, dieser August zeigt da wenig Ehrgeiz, deshalb wagen Herr G. und ich uns bedenkenlos in die Eifel.

Frühtau noch zu Mittag - weit kann's mit dem Sommer nicht her sein.

Frühtau noch zu Mittag – so weit kann’s mit dem Sommer nicht her sein.

Von der Ahr steigen wir hügelan. Den Weg kennen wir beide und, wie sich herausstellt, auch unsere Wanderkarte nicht. Das heißt: wir gehen frei Schnauze. Wir orientieren uns an Himmelsrichtungen, Bachläufen, dem Wechsel von Wald und Feldern, an Landstraßenlärm; immer wieder stehen wir an Kreuzungen und suchen sie auf der Karte, oft genug vergeblich. Der Weg ist hüfthoch überwachsen und manchmal kaum zu finden. Wir kommen nur langsam voran.

Der Lohn dafür: Vulkankegel ragen seltsam aus der Hochebene, auf der Mähdrescher Staubsäulen steigen lassen; die Stoppelfelder mit ihren vielen Scheiteln glänzen gegen das schon müde Grün des Waldes. Hügel stehen vor Kulissen von Hügeln, die vor Hügelkulissen stehen und so fort, bis in die diesige Ferne. Bei einem Bach begrüßen uns schöne braune Kühe, aber wir sind wohl nicht die, auf die sie warten; die Herde orgelt uns eine Beschwerde in q-Moll hinterher, die noch lange durchs Tal hallt.

In Niederzissen verschieben wir die letzten zehn Kilometer auf das nächste Mal. Hier gibt es einen Bahnhof, und Herr G. erinnert sich, daß im Sommer das Museumsbähnchen fährt. Mit zwanzig Minuten Verspätung rollt der Zug ein, zwei kleine Dieselloks und ein bunter Verband von Schmalspurwagen; der Schaffner ruft: Pünktlich wie die Bundesbahn!, ehe er uns das Fahrgeld abnimmt. Dann geht es schaukelnd und mit offenen Fenstern das Brohltal hinunter, langsam genug zum Brombeerenpflücken, nur sind die noch nicht reif; an jedem Bahnübergang stehen lächelnde, winkende Menschen. Während Herr G. versucht, einfach Zug zu fahren, habe ich meine helle Freude an den Holzbänken, den Hutablagen, dem Cabriowagen und den wackligen Stegen zwischen den Waggons. In Brohl am Rhein steigen wir aus der Zeitmaschine.

at-nepomuk bt-ordensband bt-bahn bt-waggoninnen bt-bahnaussen

 

Zur Webseite der Brohltalbahn.

 

 

Advertisements
8 Kommentare leave one →
  1. 15. August 2016 15:28

    „q-Moll“, das gefällt mir.

    • 15. August 2016 16:19

      Kühe sind überhaupt sehr rätselhafte Lebewesen. Könnte ich Stunden beobachten; schade finde ich, daß man sich immer so gerade nicht versteht über den Weidezaun hinweg. Hunde sind einfacher; Hirsche auch.

  2. 15. August 2016 17:10

    So ein schöner Zug! Ich habe ja meine ersten Lebensjahre neben einer der ältesten Bahnstrecken Deutschlands verbracht, mich kann so etwas begeistern. Ich wüsste auch gerne, wie er klingt. Heutige Interregios und ICE haben ja nicht gerade Charakter, was das betrifft.

    • 15. August 2016 17:35

      Oh, der Zug ist großartig; und er klingt … hm, eine Mischung aus hölzernem Rattern und ein bißchen leisem Güterzug; die Räder quietschen und gehen hörbar über die Schwellen.
      An Sie mußte ich denken, als ich neulich im Hunsrückbahnmuseum war; da liegen allerhand Eisenbahnerzeitschriften(!) aus, die man gegen Spende hätte mitnehmen können. Wäre da eine Ausgabe des Eisenbahn-Landwirts gewesen, ich hätte es gemacht.

  3. 15. August 2016 20:51

    Du lässt schöne Bilder über die Eifel entstehen. Ich muss ja gestehen, dass ich nie mit der Brohltalbahn gefahren bin, obwohl ich aus einem Nachbarort am Rhein stamme.

    • 16. August 2016 10:05

      Da, das kann ich auch Hauptstädtern guten Gewissens sagen, haste was verpaßt. Wobei ich da voreingenommen bin; ich habe Bähnchen, Gondeln, Bootchen und Traktoren grundsätzlich gern.

  4. 16. August 2016 19:32

    Herrlichste Bildergeschichte in echt-dur.

    • 16. August 2016 20:42

      Hach, das klingt wie etwas, das man einer Tourismusbehörde schenken sollte … Der Berg ruft (in echt-Dur)!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: