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Berliner Schlüsselerlebnis

7. August 2016

Es fängt damit an, daß L. einen Topf Leberknödelsuppe auf den Herd stellt, bei voller Hitze, damit es schnell gehe, denn der Tag war anstrengend (lange Geschichte), und wir haben Hunger. Nur schnell noch den Müll runterbringen, zwei große Behälter Obstreste, warte, ich helf dir, hast du den Schlüssel, und auf L.s Ja ziehe ich die Wohnungstür hinter mir zu. Das Nein kommt direkt nach dem Klick – der Wohnungsschlüssel hängt heute ausnahmsweise nicht am Schlüsselbund. (Andere lange Geschichte.)

Fenster haben eine richtige und eine falsche Seite.

Fenster: haben eine richtige und eine falsche Seite.

Wir also draußen, Schlüssel (und Telefon, Geld, alles) drinnen. Und die Suppe. Auf dem Herd. Bei Vollgas. Oweh.

Was tun? Scheiße brüllen (machen wir, hilft nicht). Bei der Nachbarin klingeln, die einen Schlüssel hat (ist nicht da). Überlegen: das Badezimmerfenster steht offen. Hätte man eine Leiter … Im Innenhof findet sich überraschenderweise keine. Also teilen wir uns auf: L. fragt im Haus, ich in den Läden in der Nachbarschaft. Die Zeit drängt, die Suppe wartet nicht.

Ich stürze in die Wäscherei an der Ecke: wir haben uns ausgesperrt, der Herd ist an, haben Sie eine Leiter? Die Frau hinterm Tresen schaut alarmiert, öffnet eine Kammer und drückt mir eine Alutrittleiter in die Hand: Länger hamwernich, probiernse mal. Im Davongaloppieren rufe ich ihr noch die Hausnummer zu, damit sie weiß, wo ihre Leiter … na, nützt sowieso nichts, die ist nämlich ein paar Meter zu kurz.

Also wieder raus, Leiter retour (die Wäschereifrau hat das Telefon am Ohr: ein Schwager, der helfen könnte, ist nicht zu erreichen …), einmal über die Straße: Nachbarschaftshilfe e.V. Wenn nicht die, wer dann? Auf der Treppe sitzen eine Handvoll Gestalten beim Mittagsbier, die weisen mir den Weg zum richtigen Eingang. Drinnen (Tür! Suppe! Lange Leiter, schnell!!) verständnislose Blicke. Nein, so was hamwer hier nich. Also wieder raus, wo die Biertrinker sich erkundigen, was denn Sache sei. Ich erzähle kurz (herrje, die Suppe wird schon kochen), und einer fragt: Einfach zujefalln? Nich verriejelt? Ich mach Ihnn die auf. Hamsen elastüschen Spachtel?

Zusammen dann (noch einen Abstecher in die Wäscherei: Spachtel oder Schraubenzieher oder so was?) zum Haus zurück. Treppe hoch. Hier ist es. Ja, bloß zugefallen, aber die Suppe, die Suppe!!

Mittlerweile hat L. einen der entfernteren Nachbarn gefunden, der besitzt eine lange, lange Leiter. Und ist bereit, sie aufzustellen, solange er nicht klettern muß; als ich ankomme, bindet er sich eben die Schuhe. Halt, vielleicht doch nicht nötig – haben Sie eventuell einen biegsamen Spachtel?

L. eilt derweil zu dem hilfreichen Mann von der Straße und bittet ihn, die Tür nicht zu zerstören, und ehe noch der Nachbar die Straßenschuhe wieder ausgezogen und seinen Werkzeugkasten gefunden hat, höre ich L.s Stimme: Ist offen!

Auf der Treppe kommt mir der freundliche Türöffner entgegen, breit grinsend, Bibliothekskarte in der Hand. War die ooch mal zu wat jut! Ich danke ihm aus tiefstem, erleichtertem Herzen. Dann laufe ich noch einmal zur Wäscherei, wo auf dem Tresen ein Schraubenzieher, eine Flachzange und ein sehr langer Nagel für mich liegen (tausend Dank! Wir haben‘s!); die Frau erzählt, wie sie mal den Schlüsseldienst habe rufen müssen, gleich noch das Schloß kaputtgemacht hätten die, aber sie hätte doch wenigstens nix auf dem Herd gehabt …

Bei L. in der Küche dampft inzwischen die Suppe in den Tellern, als wäre nie was gewesen. Höchstens ein bißchen angesetzt. Der Mann, sagt L., hatte die Tür so schnell offen, der hat das nicht zum ersten Mal gemacht. Hach – mit Profis arbeiten! Und wie freundlich und verständnisvoll die Leute alle reagiert haben, ich meine, die kennen mich ja gar nicht! Überall hätte ich Werkzeug bekommen können und sogar tatkräftige Hilfe; Berlin ist schon ein besonderes Dorf. Ich bin begeistert.

L. auch. Irgendwie.

Die Suppe ist sagenhaft, zarte Leberknödel, Fleischbrühe und Gemüse. Allein dafür hätte sich ein Einbruch gelohnt.

 

 

 

 

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19 Kommentare leave one →
  1. 7. August 2016 17:21

    Berlin ist ein tatsächlich ein besonderes Dorf, eines, das ich sehr mag. Türen ohne Schlüssel öffnen ist eine Qualifikation, die ich leider nicht habe, auch wenn ich sie das eine oder andere Mal im Leben hätte gebrauchen können.

    • 7. August 2016 17:39

      Ich weiß jetzt, bei wem ich in die Lehre gehen würde. Und so langsam wächst mir Berlin richtig ans Herz. ,)

  2. 7. August 2016 18:13

    Türen aufmachen das können die Berliner. Für einen Nachbarn, zwei Geschosse entfernt hielt ich immer einen seltsam verbogenen Metallkleiderbügel bereit. Manchmal kam er mitten in der Nacht und hatte sich wieder ausgesperrt. Mit dem speziell geformten Drahtbügel konnte man durch den Briefkasten-Schlitz der Türe die Türklinke erreichen und öffnen.

    • 7. August 2016 18:15

      Das ist auch eine schöne Schlüsselgeschichte!

  3. 7. August 2016 20:01

    Köstlichst – ich seh’s vor mir!

    • 7. August 2016 21:12

      Also, ich bin froh, daß ich’s hinter mir habe … .))

  4. 7. August 2016 21:06

    Tolle Geschichte, spannend erzählt! :-))
    Ich hatte auch mal so ein Erlebnis (wer nicht?), brauchte aber den Schlüsseldienst, der uns mehrere Hundert EUR abnahm. War halt auch nachts um 4. Wenigstens war keine Suppe auf dem Herd. ;-)

    • 7. August 2016 21:20

      Mehrere Hundert –! Herrschaftszeiten! Ich muß das Türenknacken wirklich lernen; das dürfte sich selbst lohnen, wenn ich mich nur noch ein Mal im Leben aussperre. (Haha.)

    • 8. August 2016 19:28

      Es ist mir seither ja nie mehr passiert (schon Jahre her), aber ich hatte damals ausreichend Zeit zu beobachten. Das nächste Mal probier ichs erst mit der Scheckkarte!

  5. 7. August 2016 21:51

    Wieder einmal wunderbar!

    • 8. August 2016 12:57

      Danke! Aber, ehrlich, das muß ich nicht noch mal haben.

  6. 8. August 2016 11:48

    Wenn es nicht so köstlich erzählt wäre, hätte ich gedacht „Was für ein Drama“. Türen öffnen kann ich. Ein freundlicher Mann vom Schlüsseldienst hat mir das gezeigt.

    • 8. August 2016 12:58

      Dann war der Schlüsseldienstmann nicht sehr geschäftstüchtig, wie schön. Nächstes Mal frage ich Dich, Lenz. .)

  7. 8. August 2016 12:13

    wir hatten spaghetti bolognese auf dem herd. muss ja lange einkochen. schnell noch ein paar sachen aus dem supermarkt besorgen….und schwups, war es passiert. wir haben so ein auto da kann man den kofferraum per knopfdruck schliessen. feine sache, allerdings sollte man den autoschluessel nicht dort liegen lassen. auto zu schluessel und geld drin. was tun. gegenseitige schuldzuweisung…? bringt nix. der freundliche taxifahrer war bereit so lantge zu warten bis wir die wohnungstuer offen haben um uns dann zurueck zu unserem auto zu fahren. wir haben es glatt geschafft in zwei minuten in unser haus einzubrechen. die bollo war dann lecker…:)

    deine geschichte ist super geschrieben!!!

    • 8. August 2016 13:00

      Danke! Die Auto-Variante mir zwischengeschaltetem Taxifahrer ist auch nicht übel. Ob es wohl einen Schlüsseldienst für Kofferräume gibt –?

    • 8. August 2016 13:02

      ich denke, da muesste man autodiebe beauftragen!!!:))

  8. 9. August 2016 22:16

    Ist mir auch einmal passiert, wollte nur den Müll runterbringen, Essen stand auch auf dem Herd, zum Glück nur auf kleiner Flamme zum Aufwärmen (so eilig hatte ich es nicht) – Tür zu, Schlüssel drinnen. Es hat mir zwar keiner die Tür aufmachen können, aber immerhin war es überhaupt kein Problem, mit einem fremden Handy telefonieren zu dürfen. Der Zweitschlüsselinhaber war schnell zur Stelle, trotz Fahrt mit der S-Bahn!

    • 10. August 2016 8:31

      Puh! Und das Essen war vermutlich warm … Auch schön.

  9. textstaub permalink
    21. Oktober 2016 15:26

    Eine sehr lebendige Geschichte…fein geschrieben.

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