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In den Schuhen der Großen

10. Juli 2016

Der Sommer ist zur Ruhe gekommen. Als wäre nie etwas anderes gewesen und als wolle es immer so bleiben, liegt die Wärme auf den Feldern, gilbt das Getreide und dörrt das Heu. Aus dem Zugfenster beobachten wir, wie das Land sich hier flach wie ein Tisch dehnt, um sich an den Rändern zu krausen. Hinter den ersten Hügeln steigen wir aus.

Herr G. hat eine Karte, die ist so alt, daß sie fast vom Anschauen zerfällt. Wir stellen fest: Wanderwege gehören nicht zu den Dingen, die bleiben, wie sie sind; unserer ist an vielen Stellen verlegt worden, dafür aber so gut ausgeschildert, daß man ihn auch freihändig findet. Wir gehen die neue und – Freiheit derer, die die Karte haben –, wo es uns gefällt, die alte Strecke.

Herr G. erzählt von Earl Shaffer, der 1948 als erster den Appalachian Trail komplett bewanderte; als er in Georgia von Picknickern gefragt wurde, wo er denn hinwolle, sagte er: Maine. Den Blick der Frager können wir uns nur zu gut vorstellen, den kriegt man ja schon, wenn man als Ziel das nächste Dorf nennt. Überhaupt, Wanderlektüre! Eichendorffs Taugenichts, der mindestens im Herzen, und Johann Gottfried Seume, der auf beiden Füßen ferngewandert ist. Patrick Leigh Fermor (Rotterdam bis Konstantinopel zu Fuß) und Rebecca Solnit mit ihren Essays zum Gehen (liegen auf meinem Stapel); Robert Macfarlanes Alte Wege haben uns beide fasziniert. Und natürlich Wolfgang Büscher! Herr G., der ihn im Interview gehört hat, sagt, daß er eine schöne Stimme habe. Wie auch anders, wenn einer so schreibt. Hartland mochte Herr G. weniger als ich, aber Frühling in Jerusalem, auch wenn es gar nicht ums Gehen geht – eines der schönsten Reisebücher. Oh, und der Fiat, mit dem Nicolas Bouvier und Thierry Vernet 1954 nach Pakistan gelangten: mit arabischen Gedichten beschriftet, um ihn vor Vandalismus zu schützen; eigentlich auch nur erweitertes Schuhwerk …

Ein bißchen verstört uns, daß wir beide ein Buch über das Wandern gelesen haben, ehrenwert in der Absicht, kein Zweifel, das sich mit seinen Fehlinformationen und unfreiwillig komischen Passagen tiefer im Gedächtnis verhakt hat als so manches, von dem man sich’s gewünscht hätte.

Schafe & Schüssel.

Schafe & Schüssel.

Der Weg durchmißt derweil die Eifellandschaft, ohne uns anzustrengen, unter einem Regenschauer durch und mit Fernsicht bis da hin, wo die Erde sich wegkrümmt. Vulkankegel stehen als Wegmarken in den Wäldern, und das alles mischt und überlagert sich mit den Bildern aus Büchern und Erzählungen, daß wir am Ende kaum wissen, in welcher Geschichte wir uns befinden. Das alles läßt sich klären: man muß den Blick nur ganz auf das Innere einer Kaffeetasse konzentrieren und nicht weiter schauen, als der Kuchentellerrand reicht.

 

Fortgeführter Fernwanderbericht: SoSo und Irgendlink wandern Rhein. Ich wünsche gute Wege und Schlafplätze!

Und hier ein Bericht einer älteren Dame auf dem Moselsteig.

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16 Kommentare leave one →
  1. 10. Juli 2016 10:58

    Wir freuen uns schon auf den neu aufgelegten „Wanderflaneur“

    • 10. Juli 2016 12:58

      Ganz ehrlich, den würde ich schreiben wollen, unbedingt …
      Einstweilen wird ja hier gewandert und notiert, was das Zeug hält.

  2. 10. Juli 2016 11:39

    Das Bild sieht aus wie gemalt. Und die Schüssel, die ist eben da.

    • 10. Juli 2016 13:05

      Man wird in der Gegend immer mal wieder um solche Schüsseln herumgeführt. Ich bin nicht sicher, ob das immer dieselbe ist; sie ist riesengroß. (Ich habe eine Schwäche für Schafe. Allerspätestens seit ich Henry Moores Skizzenbücher gesehen habe.)

    • 11. Juli 2016 14:19

      Das ist doch … Quint Buchholz!

    • 11. Juli 2016 15:53

      Quint Buchholz, ein heimlicher Eifelbewohner? ,)

  3. 10. Juli 2016 21:06

    Schön, dass du das Wort „Wegmarken“ verwendet hast. Ich frage mich seit einiger Zeit, was man denn zu Orientierungspunkten gesagt hat, bevor das englische „landmark“ eingedeutscht wurde. Wegmarken muss ich mir merken. Auch sonst ein Text, der schön hin und her schwenkt zwischen der Verwirrung der Wanderenden und der Ruhe der Landschaft. ;-)

    • 11. Juli 2016 7:20

      Danke! A-hem. Eigentlich wollte ich vor allem alle Bücher notieren, über die wir geredet hatten; aber ich habe doch mindestens einen Autor vergessen …

    • 11. Juli 2016 15:29

      Eine Wanderung, auf der man einen Partner hat, mit dem man sich über Bücher über das Wandern unterhalten kann, ist natürlich ein Geschenk. Aber ich liebe auch den Moment, bei dem dann Ruhe einkehrt, und das Wandern den Takt vorgibt.

    • 11. Juli 2016 16:09

      Oh, für diese Momente gehe ich überhaupt. Aber sie entziehen sich der Erinnerung; das sind dann andere Sachen: Sehenswertes, Unterwegskaffee, kleine Begebenheiten und eben die Gespräche. Mit allem wird’s eine Wanderung.

  4. 14. Juli 2016 21:51

    Vielleicht würde Ihnen ja auch Patrick Leigh Vermoor gefallen, der noch einmal einen letzten Sommer in Europa verbrachte, bevor es im 2. Weltkrieg dann unterging.

    • 14. Juli 2016 21:55

      Oh, auf den freue ich mich schon sehr. Der liegt, nur ein kleinwenig angelesen, ganz oben auf dem „will ich lesen“-Stapel.

    • 14. Juli 2016 21:56

      Wunderbar! Wirklich grandiose Bände.

    • 5. August 2016 19:22

      Manchmal erschrecke ich, wenn sich Kreise unvermittlelt schliessen, obwohl sie scheinbar nichts miteinander gemeinsam haben. Vor zwei Wochen nahm ich Sie in meiner (zugegebenermaßen: sehr langen) Favoritenliste auf, als ich Sie von hier aus anklickte und merkte mir gleichzeitig Patrick Leigh Vermoor (kam auf meiner ebenfalls langen Liste der Bücher, die ich besorgen will, weil mehrfach empfohlen). Heute werde ich erneut über Fefe’s Blog (ebenfalls auf meiner Favoritenliste) auf Sie aufmerksam. Wie kann das denn sein? Wie auch immer: zwei Mal danke!

  5. 15. August 2016 15:46

    Das ist jetzt so eine Sache. Diesen Beitrag hatte ich irgendwann zwischendurch gelesen und war so begeistert, dass ich mir sagte, da schreibst du jetzt nicht „toll!“ drunter, sondern nimmst dir nachher mal Zeit für einen schönen Satz. Und dieses Nachher ging dann völlig unter. Deshalb schreibe ich nun doch: Toll!

    • 15. August 2016 16:10

      Haha, das ist ein wunderbarer Kommentar. Toll! (<–geklaut)

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