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Ruckediguh!

21. März 2016

Die Mosel beherrscht die Kunst des spektakulären Umwegs. Der Moselsteig tut es ihr nach und schnörkelt sich schönstmöglich um den gewundenen Flußlauf. Nichts für Leute, die vom Fleck kommen wollen: ein und denselben Ort sieht man oft eine ganze Etappe lang aus verschiedensten Perspektiven. Genau richtig für Leute, die herrliche Ausblicke schätzen.

Und dann die Kamera vergessen, genauer: die Kamera mitgenommen, aber nicht die Speicherkarte. An einem Sonntag. An der Mosel. Kein Bild, nicht eines, von Bullay bis nach Ediger-Eller.

Kein Bild von dem Zitronenfalter, der mich den ganzen Weg zu begleiten scheint; an jeder besonnten Stelle blitzt er gelb auf und verschwindet eilig. Kein Bild vom Fluß, der im Vordergrund nach links fließt, weiter hinten nach rechts und noch ein Stückchen weiter im Bogen zurück, dreimal dasselbe grünglitzernde Wasser. Man kennt das natürlich, die Rebreihen, die sich direkt ins Wasser zu stürzen scheinen; man kennt die verschlissenen Burgen, die Fachwerkhäuser und die aus Moselschiefer mit weißen Fugen. Aber, ach, es ist schon ein Jammer.

Und dann doch wieder nicht, denn die Hände frei zu haben, ist schön. Manchmal auch nötig, denn zwei Füße reichen nicht immer, etwa auf dem Ziegenpfad vom Calmont hinab zum Bahnhof. „Todesangst“ heißt der Abschnitt; so weit würde ich nicht gehen, aber die Winzer hier, die sollten sich besser anseilen bei der Arbeit.

Daher vielleicht auch der Katholizismus in der Gegend – man muß sich gut stellen mit den höheren Mächten –; Kirchen, Kapellchen, Kreuzwege überall. Vor allem Kreuzwege, Bildstationen in den Weinbergen oder am Waldrand, mit Passionsszenen aus allen Epochen und von unterschiedlicher Kunstfertigkeit.

Am Steilhang kommen die Gedanken auf abschüssige Wege. Die Abkürzungen zum Beispiel. Viel Platz ist nicht unter den Bildern, deshalb steht da eben: Jesus w. a. d. Kr. genagelt, und darüber ist zu sehen, wie ein Knecht dem mit dem Hammer die Nägel anreicht. Eine Station heißt: Jesus n. Absch. v. s. betr. Mutter, die kenne ich nicht. Betr.? Hm. Betroffen? Betreten? (Sicher nicht.) Beträchtlich? Betrogen? Betrunken (Weingegend)? Betröppelt (Rechtschreibung)? Ich komme nicht drauf, dann werde ich abgelenkt durch die zwölfte Station, deren Bild zweifelsfrei zu entnehmen ist, daß Jesus am Kreuz durch Enthauptung ums Leben kam. Erst sehr viel später fällt mir ein: Betrübt! Na klar. Derweil lassen die steilen Pfade den Wanderer mitbüßen, doch die Aussichtspunkte sind alle Mühen wert.

Am Abend, aus den Schuhen gestiegen, stutze ich: dunkle Flecken auf den Fliesen??, dann sehe ich, daß das meine Fußspuren sind, jeder Schritt ein blutiger Abdruck. Jadoch, die Strecke ist anspruchsvoll in jeder Hinsicht. Ich würde sie wieder gehen; vielleicht sogar mit Kamera.

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15 Kommentare leave one →
  1. 21. März 2016 14:27

    Ist mir auch schon passiert – unterwegs gewesen und die Kamera vergessen oder Akku leer. Ich machs dann immer wie du: Ich schreibe darüber. So ist es auch dokumentiert.
    Toller Bericht von der Mosel! :-)

    • 21. März 2016 18:51

      So ist das gedacht: bloggen als Gedächtnisstütze. Ich staune immer, wie lang das immer alles her ist, wenn ich’s wiederlese. .)
      Richtig toll wär’s, wenn das mit der Gedächtnisstütze auch für Speicherkarten, Regenschirme, Bücher und Handschuhe funktionieren würde …

  2. karu02 permalink
    21. März 2016 15:30

    Ich sehe die Bilder dank Deiner Beschreibung auch so vor mir. So blutig wie es ausging war es beinahe ein Kreuzweg für Dich?

    • 21. März 2016 18:53

      Ich dachte ja eher an die kleinen Sünden, die sofort bestraft werden. .) Wie gesagt, ich würde das sofort wieder gehen; dann vielleicht mit einem prophylaktischen Pflaster. Der Moselsteig ist absolut empfehlenswert.

  3. Philipp Elph permalink
    21. März 2016 16:55

    Vorgemerkt für zwei Tage im August, allerdings ein wenig flussabwärts. Beilstein – wo sonst. Ich nehme die Kamera mit.

    • Philipp Elph permalink
      21. März 2016 16:55

      Die Speicherkarte auch.

    • 21. März 2016 18:56

      … wollt’s grad sagen! Oh, sehr viel Spaß wünsche ich; die Etappe ist auch wunderschön. Nur zu heiß darf es nicht sein – in den Weinbergen wird alles ausgerottet, was Schatten wirft. Fehlt nur, daß sie den Boden schwarz anstreichen, sagte damals mein Wegbegleiter …

    • 21. März 2016 23:10

      Ich kenne zwei Etappen und will irgendwann mehr machen. Am 2. April übrigens eine Etappe auf dem Rheinsteig. Gelegenheit macht – nicht Diebe, sondern Wanderer.

    • 22. März 2016 10:03

      Das sind löbliche Pläne im Norden – beide Steige sind gehenswert.

  4. 21. März 2016 22:57

    Blut im Schuh, rugediru – aber schön wars doch, lesend mitzuwandern und die Wortbilder zu genießen. Und den Falter!

    • 22. März 2016 10:07

      Ich habe seit Jahren keine mehr gesehen; diese knallgelben Schmetterlinge müßten ja eigentlich auffallen. Und hier: an jeder Ecke. Man denkt gleich an Zeichen.

  5. 21. März 2016 23:08

    Wie schön! Und zur rechten Zeit, weil tröstlich. Ich sitze eben nach einer außerordentlich langen Tagesstrecke mit zerschundenen Füßen an einem fremden Ort. Herrlichst war die Strecke – der Albtrauf -, aber morgen muss es weitergehen, ob die Füße wollen oder nicht.

    • 22. März 2016 10:07

      Au, au! Wünsche Leukoplast und entgegenkommendes Schuhwerk. Guten Weg!

  6. 23. März 2016 19:26

    Das „betr.“ wäre also geklärt. Aber „Absch.“? Abschälung, Abschalom, Abschnitt, Abschliff, Abschuss gar? Was für tolle Kombinationen werden hier möglich. Vielen Dank, sehr gelacht!

    • 23. März 2016 19:43

      Herrje, Sie bringen einen aber auch auf Gedanken. Auf dem nächsten Absch. werde ich nach orig. Abk. Aussch. halten, das kann ich versprechen!
      P.S.: Kontaktanzeigen in gedruckten Zeitungen sind in der Hinsicht auch ganz ergiebig.

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