Skip to content

Man weiß nie, wozu’s gut ist.

20. Februar 2016

Kleider machen Leute: auch für Problembuchstaben.

 

Wanderschuhe? Selbstverständlich gibt es auch was über Wanderschuhe. Und dann endlich etwas über X-Bein-Einlagen:

In noch zartem Alter verbrachte man mich in die nächste ernstzunehmende Stadt, wo meine Mutter ein Sanitätshaus und Orthopädiefachhandelsgeschäft untadeligen Rufs kannte: Es war nämlich, als es eines Tages dem Planschbecken entstieg, der Verdacht gekeimt, das Kind, also ich, könne X-Beine kriegen.

So stand ich in einer Orthopädiewerkstatt und schaute die Holzbeine an, die an der Wand aufgereiht lehnten. Die längsten gingen mir bis zur Brust. Auch Arme gab es, und Hände in Handschuhen, mit locker gekrümmten Fingern. Es roch nach Leder und Leukoplast, das Licht war sehr weiß, wie die Kittel derer, die hier arbeiteten. Der Boden glänzte mit Trampelpfaden auf dem Linoleum. Weiter oben wurde über Knick, Senk und Spreiz verhandelt; und, jaja, wohl besser Einlagen, denn man weiß es nicht. Also X-Bein-Einlagen.

Dann kam Herr Okupski, auch er im weißen Kittel. Herr Okupski trug einen mönchischen Haarkranz und eine Brille, die seine Augen gigantisch vergrößerte. Bevor ich Angst bekommen konnte, ließ er mich in blaue Tinte treten, über Papier laufen, in Kisten steigen und packte schließlich meine Füße in Gips; der wurde beim Trocknen warm, ehe Herr Okupski ihn mit einer ungeschlachten Schere aufschnitt. (Die Gipsmodelle standen jahrelang in meinem Bücherregal.) Ich habe keine Ahnung, wie lang das alles dauerte, aber ich fühlte mich bestens unterhalten.

Die Einlagen holten wir zwei Wochen später ab; sie waren mit glattem braunem Leder überzogen und unnachgiebig. Ich trug sie einen Winter lang in den Stiefeln, im nächsten paßten sie nicht mehr. X-Beine bekam ich keine. Ich lege Wert darauf zu glauben, daß ich das Herrn Okupski zu verdanken habe.

 

 

Nachgetragen, weil’s paßt: Zu Jules van der Leys Die Läden meiner Kindheit.

 

Advertisements
15 Kommentare leave one →
  1. 20. Februar 2016 7:54

    Ich erinnere mich nur noch, und auch nur durch Deine Zeilen, ganz schwach an ein solches Geschäft in Gera, als ich als Junge mit X-Beinen gesegnet war…

  2. 20. Februar 2016 8:04

    Könnte auch meine Geschichte sein. Ich denke, dass in unserer Generation nahezu jedes Kind mit Einlagen beglückt wurde.
    War halt so. Wie Lebertran.
    Und 30 Jahre später gab es weder das eine noch das andere mehr.
    War wohl doch nicht so richtig notwendig. :)

    • 20. Februar 2016 10:20

      sie wurden von den Zahnspangen abgelöst …

    • 20. Februar 2016 19:46

      Stimmt, Ulli, dachte ich auch gerade –! Wobei, glaube ich, Zahnspangen immer noch verbreitet sind.

  3. 20. Februar 2016 10:37

    Eine wahrhaftig bezaubernde Geschichte, man kann geradezu mitriechen im Laden von Herrn Okupski. Wobei ich im zarten Alter wohl mehr trockenen Hals und mehr nasse Augen bekommen hätte.

    (Und ich glaub es kaum, aber Du machst es wirklich wahr: Nur noch zwei Buchstaben fehlen für das komplette Kleideralphabet! – Danke sehr für das X.)

    • 20. Februar 2016 19:48

      With a little help from my archives … Wie gesagt: macht großen Spaß. .)

  4. karu02 permalink
    20. Februar 2016 21:26

    Zum mitriechen und -fühlen gut geschrieben.

  5. 23. Februar 2016 19:25

    Ein unterhaltsamer Text, sehr kurzweilig zu lesen ; ) Kompliment.

  6. 21. November 2016 19:27

    Glückwunsch! Und danke für diese hübsche Erinnerung.

    • 21. November 2016 22:48

      Danke! Olle Kamelle, aber eindrucksvoller Laden.

Trackbacks

  1. Kleider machen Leute – von A bis Z | Wortmischer
  2. Die Läden meiner Kindheit – Neue Beiträge

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: