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Böser Nicki

11. Februar 2016

Kleider machen Leute – die Plüschigen, das sind die Bösen.

 

Im Kindergarten trug ich Nicki. Das ist dieser samtig-weiche Kuschelstoff, gestreifte Rollkragenpullis aus Nicki hatte damals jeder. Ich heulte, wenn ich den Nicki anziehen oder ausziehen mußte. Der tut weh, klagte ich, und meine Mutter meinte, so ein Quatsch, hör auf mit dem Theater.

Es stimmte allerdings. Die Rollkragen dieser Pullis waren enganliegend. So enganliegend, daß mein Kinderkopf kaum durchpaßte. Man zog und zerrte an mir, das Ding ziepte an den Haaren, quetschte Nase und Augen, daß ich weiße Kreise sah, dann machte es ritsch!, und die Ohren brannten wie Feuer. Ich fühlte mich malträtiert und protestierte.

Einmal war es wieder so weit, der Nicki mußte aus, Tränen und Geschrei, und plötzlich hieß es: wieso hat denn das Kind da Blut am Hals? Da hatte mir der Nicki die Ohrläppchen endlich einmal so angerissen, daß man auch richtig was sah. Es brauchte eine Weile, um zu heilen, und die Pflaster hielten schlecht, aber den Nicki war ich los.

Lebewesen dieses Namens begegnete ich noch Jahre später mit finsteren Blicken.

 

 

 

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26 Kommentare leave one →
  1. 11. Februar 2016 9:01

    Den Eltern beizubiegen, warum man welche Kleider nicht tragen mag, andere aber am liebsten gar nicht mehr auszöge; den Eltern begreiflich zu machen, was das heißt, wenn etwas kneift, kratzt, juckt, beengt; ihnen nachvollziehbar zu machen, warum eine bestimmte Farbe, warum der Bärenkopf auf dem Pulli, warum der Hosenträger einfach lächerlich sind — dies und so manch anderer Streitpunkt rund um Kleidung stellt Generation um Generation frustrierter Kinder vor schier unlösbare, nervenaufreibende Probleme. Daß da erst Blut fließen muß, ehe Eltern einsehen, daß der süüüüße Nicki Schrott ist — das ist nachgerade schockierend.

    • 11. Februar 2016 9:28

      Ich sehe, Sie kennen das. Ich bin jedenfalls ziemlich fasziniert, wie viele frühe Erinnerungen aus irgendwie unguter Kleidung bestehen; man nimmt als Kind ja erst mal alles als gegeben hin, was man so angezogen bekommt, aber Volltreffer sind es wahrlich nicht immer.

  2. 11. Februar 2016 9:21

    In der Nickizeit war ich offenbar schon älter, d.h. ich trug die Dinger freiwillig.Wenn man es mal anhatte, fühlte es sich komischerweise weich an und sah auch süß aus, aber der Weg dahin war kein leichter. ;-)

    • 11. Februar 2016 9:33

      Aha! Dann war ich also nicht die Einzige …! Heute wäre das alles Stretch; damals war es Quälerei.

  3. 11. Februar 2016 9:42

    Meine Nickis, die hierzulande schlicht Plüschpullis hießen, hatten keine Rollkragen und ich habe sie geliebt. Es war fast wie Katze streicheln, wenn ich über den Ärmel strich, gegen den Strich war hart, zum Strich weich. Wie das Leben. Tröstlich war das.

    Ich hatte aber auch den einen oder anderen Rollkragenpullover – eher baumwollen und wollen allerdings und nicht so Aua, weil elastisch. Aber dafür juckend (der wollene).

    Du machst mich erinnern!

    • 11. Februar 2016 10:10

      Und tatsächlich, Nickis liegen in vielen Erinnerungskleiderschränken. Das ist das Schöne an dieser Aktion – man wühlt mal wieder etwas tiefer.

    • 11. Februar 2016 11:17

      Ich muss der Sofasophia unbedingt bepflichten. Auch ich erinnere mich gern an die Nickis meiner Kindheit. Ich habe übrigens heute noch wieder einen. Also kein Relikt aus dem letzten Jahrhundert. Königsblau. Kuschelig. Fürs Sofa.

      Danke für die Erinnerung, die im Kleiderschrank-Projekt gelandet ist.

    • 11. Februar 2016 17:54

      Wie gesagt — ich hab gerade größten Spaß mit diesem Kleiderschrank. (Und für den Rest des Alphabets — na, ich bin guter Dinge.)

  4. 11. Februar 2016 9:51

    Ich habe einen dunkelblauen Nicki mit V-Ausschnitt von einer älteren Cousine geerbt. Der war schön und das Kopf-Problem gab es nicht. An die mit dem runden Ausschnitt erinnere ich mich nicht mehr (vielleicht hatte ich auch nur einen kleineren Kopf, keine Ahnung).
    Ansonsten: mit Blumenborten verlängerte Jeanshosenbeine. Mein Bruder kriegte wenigstens indianische Muster oder Hirsche. Und Lederflicken, aber die trug ich mit einem gewissen Stolz, gerade weil ich von bürgerlicheren Mitschülerinnen deswegen gehänselt wurde.

    • 11. Februar 2016 10:12

      Warum Mädchen automatisch Blumen toll finden sollen, habe ich auch nie verstanden. Lederflicken hingegen finde ich toll; besser kann man die Lebenszeit eines Kleidungsstücks kaum verlängern.

  5. 11. Februar 2016 11:03

    Mein Nicki war knallblau, auch ohne Rollkragen. Natürlich war der auch geerbt und zwar von dem Sohn einer Kollegin meiner Mutter. Zum Glück hat der Nicki keine Schmerzen beim An- und Ausziehen bereitet und ENDLICH mal ein nicht kratzendens Kleidungsstück! Damals war mehr Wolle….

    • 11. Februar 2016 11:39

      In Sachen Wolle bin ich zum Glück hart im Nehmen; nur bei Strumpfhosen im Frühling hört’s dann doch auf.

    • 11. Februar 2016 11:43

      Ja, rote Wollstrumpfhosen sind ein Kindheitstrauma, ebenso Rollkragenpullover. Da besonders der Rollkragen… Ich hatte einen, wieder geerbt, den ich mich weigerte anzuziehen, immerhin war ich ca. 15. Meine Mutter gab ihn an die Mutter von Anke M. weiter, die ihn ihrer Tochter aufnötigte. Die trug ihn brav. Kommentar meiner Mutter: Siehste, kratzt doch gar nicht.

    • 11. Februar 2016 17:06

      Ha, Mütterlogik … Schöne Geschichte.

  6. 11. Februar 2016 13:27

    Eltern sind eine seltsame Spezies, die darauf warten bis es blutet … oder wie in meinem Fall, die ausgetrickst werden wollen: ab in den Keller und weg mit der hsslichen, kratzigen Strumpfhose, dann lieber frieren …
    herrjeh ja, mein Mitgefühl hat die Kleine in dir …

    • 11. Februar 2016 17:08

      Kinder müßten immerzu die Köpfe schütteln. (Austricksen, ja, das geht auch: den blöden Schal ausziehen, wenn’s schneit, und ihn dann unter der Schneedecke nicht wiederfinden. .))

    • 11. Februar 2016 17:42

      Bzw.: plüschig. Ich will nicht ausschließen, daß es auch zu enge T-Shirts gab.

    • 11. Februar 2016 19:10

      Ich kenne und kannte überhaupt keine samtig-plüschigen Nickis mit Rollkragen. Die flutschten alle problemlos über den Kopf.

  7. karu02 permalink
    11. Februar 2016 19:39

    Huch, bin ich denn schon so alt? In meiner Kindheit gab es noch keine Nickis. Falls man mir aber nur etwas vorenthalten haben sollte, bin ich jetzt, nach der Lektüre Deines Nicki-Leidens, nicht böse darüber.

    • 11. Februar 2016 20:17

      Nein, Du hast nichts verpaßt. .)) (Auch wenn sie bestimmt total niedlich aussahen.)

  8. 11. Februar 2016 20:12

    Es gibt ja solche Filme, die einen Vorgang ganz genau zeigen, aber dem Betroffenen glaubt niemand. Man fühlt sich als Zuschauer ganz ohnmächtig, weil mans weiß, aber mitansehen muss, wie die Sache geleugnet wird. Ähnlich stelle ich mir das mit dem Nicki vor, wo erst ein eingerissenes, blutendes Ohrläppchen als glaubwürder Zeuge auftritt.

    • 11. Februar 2016 20:16

      Gaslighting dürfte allen Kindern vertraut sein. Steckt vermutlich nicht mal böser Wille dahinter; eher ein Mangel an Phantasie …

  9. 12. Februar 2016 19:26

    Ich durfte früher auch Nickis tragen. Die hatten allerdings, soweit ich mich erinnere, keine Rollkrägen sondern ein gewebtes (maschinell gestricktes?) Bündchen, weswegen mir die eingerissenen Ohrläppchen erspart blieben. Irnkwie sind sie aber aus der Mode geraten, die Nickis.

    • 12. Februar 2016 19:54

      Hm, die Bildersuchmaschine sagt, Nickis gäbe es wie Sand am Meer (nicht allerdings die geringelte Variante von damals(TM)).

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  1. Kleider machen Leute – von A bis Z | Wortmischer

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