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Das Eigenkleid

2. Februar 2016

Kleider machen Leute: zur Information.

 

Vor gut hundert Jahren waren Frauen in Europa dabei, immer energischer ihre Rechte durchzusetzen. Ein äußeres Zeichen dafür wurde die Kleidung: das Korsett, bisher Zeichen von Status, Anstand und Weiblichkeit, hatte allmählich ausgedient. Aus Amerika waren neue Ideale von Gesundheit und Zweckmäßgkeit in die Alte Welt gedrungen und hatten, vereint mit den schon länger wirkenden Kräften der Lebensreform, dafür gesorgt, daß Schnürmieder und Krinoline in Frage gestellt wurden. Das letzte Wort hatte, wie so häufig, der Krieg; der verlangte, daß Frauen alltagstauglich und manövrierfähig waren, und so geriet alles Einengende, Unpraktische schließlich ganz aus der Mode.

Eine Vorreiterin der neuen, praktischen Kleidung war Anna Muthesius (1870 bis 1961), Frau des Werkbundgründers Hermann. 1903 veröffentlichte sie ihr Buch Das Eigenkleid der Frau. Darin ermutigt sie Frauen, sich nicht dem Diktat der wechselnden Mode zu unterwerfen, sondern selbst zu entscheiden, was sie tatgtäglich tragen wollen. Ihre Entwürfe zeigen, wie man den Anforderungen des Alltags gerecht werden kann: hoch angesetzte Taillen für maximale Bewegungsfreiheit, schmale Ärmel, die nicht bei der Arbeit stören, kaum Schleifen, Bänder, Rüschen und sonstiger Zierat.

Dem Anspruch an Schönheit wird Muthesius durch geradezu künstlerische Gestaltung gerecht. Die Stoffe sollen leicht verfügbar und stets von bester Qualität sein, pflegeleicht und auf Langlebigkeit ausgelegt. Die Verarbeitung ist entsprechend aufwendig; die Wahl von Farben, Mustern, Zierelementen gehorcht nicht der aktuellen Mode, sondern einzig dem, was der Trägerin am besten gefällt. Diese Kleidung machte unabhängig – selbst entworfen, selbst hergestellt und sehr haltbar, sollte sie ihrer Trägerin nicht zuletzt die Ausgaben für jährlich wechselnde Kollektionen sparen.

Bilder zeigen Anna Muthesius in einem Kleid mit großzügigen Jugendstil-Applikationen – eigen, ja. Schön finde ich sie ebenso, die dunkelhaarige Frau mit der stolzen Haltung. Ihre Idee ist interessant – wie auch, warum sie sich nicht durchgesetzt hat.

 

 

 

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16 Kommentare leave one →
  1. 2. Februar 2016 8:54

    Woran die Idee gescheitert ist? Sicher am Wunsch nach immer wieder neuen, dem ich mich nie hingegeben habe.
    Ich lebe und konsumiere eigentlich ein wenig nach ihren Vorgaben: bequem, langlebig und so weiter.
    Danke für diese spannenden Infos!

    • 2. Februar 2016 9:55

      Für mich ist Einkaufenmüssen Höchststrafe; unter anderem deswegen finde ich Muthesius‘ Gedanken wunderbar. Vor Jahren las ich einen Bericht im Netz (und finde ihn nicht mehr) von einer Frau, die sich von einem Designer ihren perfekten Schnitt gestalten ließ. Danach nähte sie nur noch dieses Kleid — für den Winter aus Wolle, für den Sommer ganz leicht, prächtig bis praktisch; sie beschrieb, wie sie beim Nähen immer geschickter wurde und sich schließlich ganz auf Details konzentrieren konnte.

    • 2. Februar 2016 10:52

      Ha, Seelenschwester du!

    • 2. Februar 2016 10:43

      Faszinierend! – Also nicht nur der Bericht über die Kleiderreformerin sondern auch diese Idee, sich einen Schnitt entwerfen zu lassen und sich nur danach zu kleiden. Aber wie bereits in irgendeiner Kommentarkette zu einem Beitrag* des Kleider-machen-Leute-Projektes angemerkt wurde, können heute die allerwenigsten Menschen nähen.
      Danke Dir für stetig dahinschreitendes Engagement. A bis E, das muss erst mal jemand nachmachen! (Ich wage gar nicht weiterzudenken.)

      *) Bei wem diese Diskussion stattfand, weiß ich gar nicht mehr. Aber es gibt ja mittlerweile immerhin 65 Geschichten zum alphabetischen Kleiderschrank. Da kann man schon mal den Überblick verlieren.

    • 2. Februar 2016 10:54

      Ach, das ist was, das auch andere machen und dazu alphabetisch? Klasse Idee.

    • 2. Februar 2016 12:00

      Oh ja, das machen auch eine ganze Menge andere! Minutenaktuelle Anzahl an Geschichten: 66.
      in den Kommentaren kann man gerne noch immer Links auf neue Geschichten aus dem Kleiderschrank eintragen ;-)

    • 2. Februar 2016 11:45

      Soso: Macht Spaß! .)
      Wortmischer: Kommt ja noch hinzu, daß es sehr viel billiger ist, Kleider zu kaufen. Wenn man tatsächlich alles in Geldwert umrechnen kann; ich bezweifle das.

    • 2. Februar 2016 22:37

      Ich habe den Artikel wiedergefunden: Hier!
      http://www.sounds-like-me.com/news/ein-kleid-fur-alle-falle-draft/

    • 3. Februar 2016 0:03

      Dankeee. Ich mailde mich die Tage.

  2. 2. Februar 2016 11:38

    „Was der Trägerin am besten gefällt“ — das ist problematisch. Denn Geschmack und Vorlieben entstehen nicht im luftleeren Raum. Nichts von dem, was ein Mensch mag, ist wirklich ganz sein eigen. (Sonst wäre ein Phänomen wie Mode auch nicht möglich.) Noch viel weniger dürfen wir tragen, was wir wollen. Ich jedenfalls fühle mich als Mann beispielsweise keineswegs frei, einen Rock zu tragen — dabei stelle ich mir das im Sommer äußerst angenehm vor. Oder eine so hübsche, anmutige Mode, wie sie in den minoischen Fresken erscheint: busenfreie Kleider, und stellten sie die Brüste noch so anmutig zur Schau, sind — bis auf genau definierte Ausnahmen — tabu. Da können Sie machen, was Sie wollen, und noch so sehr mögen. Und das Eigenkleid mag zwar eigen sein — es ist doch immer noch ein Kleid, also ein ganz und gar typisches — weibliches — Kleidungsstück Westeuropas. Frau Muthesius hätte auch Hosen anpreisen können. Hat sie aber nicht. Aus Gründen.

    Und Sie schreiben es ja selbst, indem Sie den Entwürfen ein Etikett aufkleben („Jugendstil“): Es ist etwas wiedererkennbar, typisch, musterhaft daran; selbst noch am sogenannten Eigenkleid wird ein gemeinsamer Zeitgeschmack sichtbar, eine Uniformität, die damalige Frauen teilten, wahrscheinlich ohne sich dessen bewußt zu sein. Man unterliegt immer irgendwelchen Einflüssen. Auch wer sich heute vermeintlich der Mode widersetzt, wird in ein paar Jahrzehnten angesichts von Photographien wahrscheinlich einsehen müssen, daß er oder sie doch nur ein Kind der eigenen Zeit gewesen ist.

    • 2. Februar 2016 11:50

      Ich glaube auch nicht, daß Vorlieben im luftleeren Raum gedeihen. (Minoisch wird es hier schon allein aus klimatischen Gründen nicht zugehen …) Und ich habe auch gar nichts dagegen, Kind meiner Zeit zu sein. Der Gedanke, daß jeder Mensch selbst entscheidet, was zu ihm paßt (und nicht alle plötzlich Steckenbeine toll finden und anstreben), sagt mir jedoch sehr zu; ich gehöre zu den Menschen, die sich ärgern, daß es nur noch Hosen für Störche zu geben scheint, weil man das gerade so trägt. Und in zwei Jahren wird man sich fragen: wie konnten wir damals nur …?

  3. karu02 permalink
    2. Februar 2016 15:56

    Mir geht es ähnlich, ich hätte gerne einen Laden, in dem ich immer meine verschlissenen Kleidungstücke nachkaufen kann. Inzwischen komme ich leicht in Versuchung, etwas, was gut passt, sich gut anfühlt und mir gut steht, gleich mehrfach einzukaufen und auf Vorrat zu legen. Dann könnte es nicht passieren, auf diese Hosen mit dem Bund knapp oberhalb des Schambeins angewiesen zu sein, weil es keine anderen mehr gibt. Und so weiter.

    • 2. Februar 2016 20:58

      Leider merke ich das meist erst sehr spät, wie gern ich ein Kleidungsstück trage. Dann gibt es das nicht mehr.

  4. 18. Februar 2016 20:48

    Bruce Darnell gibt in seinem Buch den Rat beim Thema Hosen: “ Wenn Sie ein gut sitzendes Kleidungsstück finden, dann kaufen sie es doppelt.“ Er meint das, da wirklich gut sitzende Kleidung selten zu finden sei.

    Ich selbst habe das Glück, Kleidung selber nähen zu können. Oder zu stricken. Und was das Flicken betrifft, ich meine hier eine Seelenschwester entdeckt zu haben.

    • 18. Februar 2016 21:13

      Oh, danke fürs Vorbeilesen! Wenn ich selbst nähen könnte, müßte ich nicht so viel flicken; das wäre schön.
      Dem guten Rat von Darnell nehme ich mir jedes Mal vor zu folgen, allein: ich weiß immer erst nach längerer Zeit, ob ich ein Kleidungsstück wirklich mag … Ich kann diesen englischen Lord gut verstehen, der eine Abneigung gegen neue Kleidung hatte und deshalb seine (Maß-)Anzüge von einem Butler vor-tragen ließ.

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  1. Kleider machen Leute – von A bis Z | Wortmischer

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