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Nicht so super

31. Januar 2016

Ein Text für Kleider machen Leute, diesmal zum Buchstaben C.

 

Ich war noch recht klein, da besaß ich für den Winter einen Kapuzenumhang aus grauem Wollstoff, bretthart und eng; wenn ich irgendetwas machen wollte, mußte ich dazu die Arme durch zwei Schlitze stecken (wobei immer, immer die Pulloverärmel hochrutschten) oder besser gleich das ganze Ding ausziehen. Meine Mutter fand es sehr schick, sie hatte so eins in beige, und sie nannte es auch nicht einfach Jacke – ich war in der Phase, in der man sich alle Wörter geschrieben vorstellen muß, also schrieb ich in Gedanken: Keeb.

Eine ganze Zeit war Keeb für mich ein Wort. Häng dein Keeb ordentlich auf. Es regnet, zieh die Kapuze vom Keeb über. Wo hast du schon wieder dein Keeb gelassen? Das Keeb ist für mich mit diesem widerspenstigen Lodenstoff verbunden, mit der Orientierungslosigkeit unter Kapuzen, die Sicht und Hören nur nach vorne zulassen, mit kalten Armen und mit Geschimpftkriegen.

Später erfuhr ich, daß das wohl ein Cape gewesen war, zumindest eine Art davon. Ein Cape! Glamour, Romantik, Superhelden! Das hat das Konzept für mich aber auch nicht mehr gerettet.

 

 

 

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19 Kommentare leave one →
  1. 31. Januar 2016 11:25

    Oh, sowas hatte ich auch mal. Ich fühlte mich damit unwirklich, verkleidet, älter als ich war und mochte es so sehr, wie ich es nicht mochte. Es war die Ausnahme-, nicht die Regelkleidung. (War es wasserdicht? Hieß es Poncho?)

    Toll, dein Text!

    • 31. Januar 2016 18:35

      Danke! — Das mit dem Mögen habe ich noch nicht ganz herausgefunden; ich weiß nicht, ob ich Dinge damals mochte oder ob ich sie bloß mit Dingen, die ich mochte oder eben nicht, in Verbindung brachte. Finde ich ja klasse, daß Du Dich auch an so was erinnerst. .)

  2. 31. Januar 2016 11:48

    Was für eine herrliche Geschichte, um den Sonntag lesend zu beginnen! Vielen Dank dafür.

    Beim „Keeb“ musste ich unwillkürlich an ein geheimnisvolles Wort meiner Kindheit denken: Ein Spielkamerad hatte mir versichert, die besten Filme seien die, in denen eine „Seidel-Hupen“ genannte Technik zum Einsatz käme. Ehrfürchtig nickte ich damals und bestätigte wortreich die Überlegenheit der Seidel-Hupen, um nicht für einen Deppen gehalten zu werden, obwohl ich keine Ahnung hatte, wovon er redete.
    Monate später wurde mir irgendwann klar dass diese Seidel-Hupen nichts anderes als die süddeutsche Aussprache der „Zeitlupe“ war.

    • 31. Januar 2016 13:46

      Ich bin Süddeutsche, aber von Seidel-Hupen hab ich noch nie was gehört. Allerdings gefällt mir das Wort so gut, dass ich es am liebsten in unseren Sprachschatz aufnehmen würde. ;-)

    • 31. Januar 2016 18:38

      Hahaha! Die „Seidel-Hupen“ klingen fast ein bißchen anrüchig … Wunderbar, fast ein Wumbaba. (Macht Spaß, die Aktion „Kleider machen Leute“!)

  3. 31. Januar 2016 12:06

    Oh, ich habe beim Lesen gleich auch kalte Arme bekommen… danke für’s Teilhabenlassen!

    • 31. Januar 2016 18:39

      Den Dank reiche ich gleich weiter an den Herrn Wortmischer; das ist seine Aktion. .)
      Wenn sich der Pullover verfängt und man die Arme nur nackig aus dem Umhang bekommt? Scheußlich. Vor allem im Regen. Brrr.

    • 2. Februar 2016 16:32

      Jetzt hats eine Weile gedauert, bis ich kapierte, welche Hupen du anrüchig finden könntest. Aber … ja … stimmt … jetzt wo du es sagst!
      :-D

  4. 31. Januar 2016 12:52

    Schön und nachvollziehbar beschrieben. Langsam nähern wir uns der Erklärung, warum nicht nur „Kleider machen Leute“ für manche Menschen gelten mag, sondern auch, warum für die Textilunaffinen vielmehr gilt: „Kleider machen Leute verrückt!“ Hat wohl mit der frühkindlichen Prägung und modebwusstem Mutterstolz zu tun. ;-)

    • 31. Januar 2016 18:41

      Kleider machen Leute verrückt: ähm. Dazu wüßte ich auch gleich Geschichten. Mit runter- und hochrutschenden Dingen. Na, die Aktion geht ja noch ein wenig weiter …

  5. 31. Januar 2016 14:00

    *schallendlach* Ich hatte auch mal ein „Keeb“, muss irgendwann im Mittelalter gewesen sein. In meins hat es immer reingezogen und ich mochte es auch nicht.

    • 31. Januar 2016 18:44

      Ah. Auch im Mittelalter. .) Ja, ärmellos ist für Kinder nur so eine mittelpraktische Idee.

    • 31. Januar 2016 19:21

      Ich hatte auch mal einen Poncho. Selbes Konzept, aber es kommt noch dicker: Ich musste ihn selbst häkeln, in der Schule, das Fach hieß damals noch Handarbeit. Das Leben ist eines der härtesten. ;-)

    • 31. Januar 2016 20:44

      Das ist allerdings verschärft. Ich glaube, Selbstgehäkeltes hätte ich nicht anziehen dürfen; ich konnte nur Luftmaschen.

    • 1. Februar 2016 11:40

      Durch Luftmaschen zieht es ja bekanntlich recht unangenehm. Vom Reinregnen ganz zu schweigen.

    • 2. Februar 2016 10:04

      Gickel. Kommt ganz auf die Enge der Wicklung an, oder?

  6. karu02 permalink
    31. Januar 2016 19:55

    Die Keeb-Story und die Kommentare wecken so viele Erinnerungen, dass es mich auch zum Schreiben drängt.

Trackbacks

  1. Kleider machen Leute – von A bis Z | Wortmischer

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