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Weit weg

10. Dezember 2015
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Seit seine Frau gestorben ist, nach kurzer schwerer Krankheit, ist ihm die Zeit zu weit geworden wie ein ausgeleierter Pullover, oder er ist geschrumpft, daß er sich drin verheddert, manchmal.

Manchmal sitzt er morgens, nichts im Blick, und schaut er auf die Uhr, ist schon vier, wird sie ihn gleich rufen zum Kaffee; doch wie es dunkel ist, sitzt er da immer noch. Manchmal klingelt ein Telefon im Haus, soll sie mal drangehen, sie hatte das Telefon lieber als er, immer schon. Kommen Leute und reden — nicht sie, sie täte das nicht, nicht so — von Terminen oder Unterschriften oder Medizin, aber muß er nur die Augen schließen: davon geht das alles restlos vorbei, ganz ohne ihn. Macht ihr nur, macht nur.

Viele Tage sind Nacht, wenn er aus dem Fenster schaut. In der Nacht ist der Garten schön.

Wie soll’s schon gehen, jedem, wie er’s verdient, und: Unkraut, nicht wahr; er flüchtet sich in Worte, in die kein Kummer je gepaßt hat. Seinem Sohn, der ihn wöchentlich besucht, scheint er gefaßt, ja, heiter.

Nur das Stückchen noch. Ist nicht mehr weit. Sagt sie; und sie muß es wissen.

 

Beitrag zum Projekt *.txt (16: Distanz).

–> alle meine *.txte

 

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16 Kommentare leave one →
  1. 10. Dezember 2015 13:27

    Berührend.

  2. 10. Dezember 2015 15:59

    Oh, das ist – puh … ich kanns fühlen. Du findest Worte für scheinbare Leere und Liebe, die … immer ist.
    Danke. Sehr.

    • 10. Dezember 2015 22:58

      Die einen Menschen am Leben halten kann oder in den Tod holen, vielleicht. Danke Dir.

  3. 10. Dezember 2015 19:19

    Wow!

  4. 10. Dezember 2015 21:42

    Ein ganz feiner Text ist das und ich denke an den alten Mann von gegenüber in dem Buch: Die Dame in Blau … das zu einem sehr wichtigen Buch in diesem Jahr für mich geworden ist.
    herzliche Grüsse
    Ulli

  5. 10. Dezember 2015 22:48

    Jetzt muss ich ein Kompliment zurückgeben, das Sie mir einmal gemacht haben: Das ist so gut, dass es weh tut.

    • 10. Dezember 2015 23:17

      Oh, vielen Dank! (Ich frage mich, ob es vielleicht mal wehgetan haben muß, um gut zu sein? Und nicht bloß, weil der Schmerz nachläßt …)

    • 11. Dezember 2015 6:56

      Ich glaube, ein wirklich guter Text ist einer, der Emotionen hervorruft.

    • 11. Dezember 2015 9:55

      Dann braucht es zu guten Texten wohl immer gute Leser.

    • 11. Dezember 2015 10:04

      Der Leser muss sich auch einlassen wollen, glaube ich.

  6. Carmilla DeWinter permalink
    17. Dezember 2015 23:37

    Wie immer mit Verspätung: Wow. Ruft mir Erinnerungen an den einen Großvater wach, aber der hatte immerhin noch den Wellensittich.

    • 19. Dezember 2015 9:50

      Danke. (Der hatte immerhin noch … Da liegt auch eine ganze Geschichte drin.)

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