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Selbstbildnis im Wasserspiegel eines Putzeimers

19. August 2015

Da, ein Auge, da der Mund; der Schaum dazwischen,
der noch die Nase und die Stirn verdeckt,
steht knisternd, seifenbläschengleich. Ich gehe wischen,
weil’s sein muß; weil man ja nicht gerne ganz verdreckt.

Das klare Wasser mit dem hellen Schaum darüber
wird, je öfter ich den Lappen in es tauch‘,
erst gräulich, grau dann, matter, trüb und trüber,
und mein Gesicht in seinem Spiegel wird es auch.

Die Tage gehen, und es bleibt der Schmutz. Die Lieder,
die ich beim Putzen sang, zerstäuben wie die Zeit;
ich sang sie nur, um mich zu motivieren.

Im Wassereimer steht mein Bild in Schlieren.
Die Frische ist dahin. Ach, die Vergänglichkeit:
der Schaum zerfiel. Und morgen alles, alles wieder.

 

Beitrag zum Projekt *.txt (11: Schwermut) und zugleich ein Haushaltssonett.

–> alle meine *.txte

 

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14 Kommentare leave one →
  1. 19. August 2015 11:19

    Wunderbar. Dass es heute noch so überzeugende Sonette gibt.

    • 19. August 2015 11:23

      Dankeschön. Das Memento mori hat mühelos seine Nische im Haushalt gefunden. Zur Hohen Schule des (katholischen) Sonetts hingegen bitte hier entlang; meine sind ja mehr so ungefähr …

    • 20. August 2015 22:29

      Sachen gibt’s. Danke für den Hinweis.

  2. 19. August 2015 12:57

    ich schliesse mich zeilentiger an- wunderbar und vielschichtig – danke

    • 19. August 2015 15:06

      Dankesehr. Man könnte auch sagen: aus der Reihe „Schmutzige Gedichte“ …

  3. 19. August 2015 13:30

    Frei nach dem Selfie-Motto: ich putze also bin ich.

  4. 19. August 2015 15:17

    Ein Lied für Sisyphos irgendwie.
    Mag ich. 😄

    • 19. August 2015 17:06

      Die Vergeblichkeit, und alle haben was davon. .)

  5. 19. August 2015 16:58

    Dahin ist nun die Frau im Spiegel?
    Im Eimer ist sie fürderhin?
    Bleibt noch, Herrn Waechters Hund hineinzustopfen *1)
    Und sich zu spiegeln in des Eimerrandes Tropfen. *2)

    1) https://anglogermantranslations.wordpress.com/2011/03/14/es-lachelt-der-eimer/
    2) http://www.literaturwelt.com/werke/klopstock/fruehlingsfeier.html

    • 19. August 2015 17:28

      Hach! Danke! Hübsch und herrlich, alles Ergänzte!

  6. 13. September 2015 12:37

    Das Zerstäuben der Zeit, das Selbstbild in Schlieren- wunderbar und tiefgründig. Bin beeindruckt und erfreut.

    • 13. September 2015 17:05

      Danke. Hat, anders als man denken könnte, Spaß gemacht.

    • 13. September 2015 18:02

      Nein, nein- es hört sich genau so an, nach Spaß, oder besser noch Freude!

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