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Bei Licht betrachtet

25. Juni 2015
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Sie sitzen sich gegenüber, der Kellner hat Getränke gebracht, Zeit fürs nähere Kennenlernen. Nach einigen Tagen des Wer-sind-Sie, Was-machst-du, des Geplänkels in Wort und Bild das erste Date – nicht immer kommt es so weit; und was dann passiert … Die Anspannung ist greifbar.

Er mustert sie. Die Fotos waren akkurat, sie ist attraktiv für ihr Alter, nicht ganz sein Typ. Er macht eine witzige Bemerkung. Sie schlägt die Augen nieder, wenn sie lacht. Sein Blick rutscht tiefer: die Bluse spannt über ihren Brüsten — Sie legt die Hand an den Kragen, ups; er macht eine witzige Bemerkung. Das Essen kommt.

Ganz ausgezeichnet. Sie lächelt. Er ist höflich; angenehme Stimme. In ihren Ausschnitt hat er gestarrt; das passiert. Er wirkt kultiviert und hat die Welt gesehen. Sie fragt sich, wieso er über eine solche Plattform sucht; sie selbst hat dem Drängen ihrer Freundinnen nachgegeben (was soll schon schiefgehen). Sie setzt sich aufrechter und überlegt, ob es auffällt, wenn sie die Schuhe abstreift.

Er achtet darauf, in ihr Gesicht zu schauen. Das Gespräch kommt in Gang; er macht ihr Komplimente. Langsam wird sie lockerer, lacht hell. Es läuft. Vielleicht wird es wirklich noch etwas —

Oh, dein Handy.

Das Gerät liegt neben seinem Teller. Auf dem Display leuchtet das Porträt einer Frau, wohl am Strand aufgenommen, im Abendlicht; sie lacht den Fotografen kokett an, während sie das Bikinioberteil in ihrem Nacken bindet. Da hat er das Telefon auch schon in der Hand.

Entschuldige mich drei Minuten, ich muß das hier —

Er nickt ihr zu und tritt hinaus auf die Terrasse. Im Schein der Außenbeleuchtung sieht sie ihn auf und ab gehen, nach vorn geneigt, als hinge das Telefon an einer schweren Kette, die Schultern starr; und als das Licht sein Gesicht streift, wird ihr kalt. Das ist ein Zerrbild des Gesichts, das sie eben noch im Kerzenschein betrachtet hat, eine Maske aus Wut und Verachtung. Oder vielleicht eben keine Maske.

Als er wieder hereinkommt, waren es wirklich nur drei Minuten. Durchgeknallte Ziege, murmelt er, und entschuldigend: Meine Ex.

Sie sitzt auf der Stuhlkante, die Schuhe, in die sie wieder geschlüpft ist, sind unbequem. Den Espresso ein andermal, vielleicht, ich muß los, hat mich gefreut, getrennt, bitte, alles Gute dir …

Einen Grappa trinkt er noch, allein. Ziegen, knurrt er. Eine wie die andere.

 

Beitrag zum Projekt *.txt (9: nackt). Nachgereicht.

–> alle meine *.txte

 

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6 Kommentare leave one →
  1. 11. August 2015 8:59

    Ziegen und Böcke (lach), schön beschrieben.

    • 11. August 2015 9:35

      Ha, der Bock war mir gar nicht aufgefallen. Jedenfalls: läuft alles auf Gemecker hinaus … .)

  2. 11. August 2015 16:04

    schöner Text. also für die beiden ja nicht schön aber so als Zuschauer…

    • 12. August 2015 12:04

      Nein, für die beiden nicht. Dabei könnte alles so einfach sein.

  3. 12. August 2015 12:00

    Ausgedacht oder abgelauscht?

    • 12. August 2015 12:04

      … oder gar selbst erlebt? (Verrate ich nicht.)

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