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Wortgewänder

22. Mai 2015
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Oh, all die fließend-schönen Wortgewänder! Wohlgesetzte Worte, Widerworte, Wunderworte, Worte mit Knall und Hall und mit Raum für loses Spiel; spröde und schroff, sanft und präzise, funkelnd, schwarz. Mal umschmeichelt mich eine einzelne Wendung, manchmal hüllt es mich mächtig ein; manche packen mich umstandslos am Kragen. Hier glaube ich etwas wiederzuerkennen, dort scheint mir alles neu und nie gesehen. Schönes, Schmerzhaftes, schmerzhaft Schönes.

Oh, danach greifen!

Unter der Wortgewandung muß jemand sein, vielleicht mehr als einer, womöglich: eine Seele. Texte formen, verhüllen, lassen durchscheinen: Menschen, die ihre Sprache beherrschen oder von ihr beherrscht werden. Menschen, die eine Wahrheit suchen oder sie erfinden. Die die Welt verstehen oder verzweifeln an ihr.

Durchschaute ich diese Gewebe, ich fände: harmlos Zufriedene, Finstere, Kluge, Zweifelnde, Bedürftige, Liebenswerte, Selbstbezogene, Großmütige oder gekonnte Mischungen aus all dem. Vielleicht: den Schatten über meinen Tagen. Die große Liebe. Rühr mich nicht an. Nimm mich in den Arm. Völlig anders als gedacht. Oh, wie konntest du nur. Am Ende gar: Menschen, deren Worten ich auf halbem Weg entgegenkomme, und auf der Straße ginge ich ohne Blick an ihnen vorbei.

Da stehen sie nun, schimmernde Gestalten im Lichte meiner Gedanken. So aus der Ferne springt ihre Schönheit ins Auge; der Zauber aber liegt im Ungewissen, in den Schatten.

 

Beitrag zum Projekt *.txt (7: Fassade); entstanden auch mit Gedanken an J.

–> alle meine *.txte

 

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10 Kommentare leave one →
  1. 22. Mai 2015 11:23

    Doch die im Dunkeln? Sieht man nicht.

    • 22. Mai 2015 11:44

      Und das ist auch gut und richtig so. Muß ja nicht jeder alles, und so.

  2. 23. Mai 2015 10:52

    Und dieser dein Text ist auch genau so. Ich sehe dich und eine schöne Seele darin.

    Wunderbare Zeilen und da ist sooo viel Liebe.

    • 24. Mai 2015 0:00

      Danke, Soso … Ich denke, das kennst Du: das Staunen vor Worten; ihre Wichtigkeit. (Ich freue mich, in einer Welt aus Worten zu leben. .))

  3. 26. Mai 2015 20:20

    So trefflich & schön, dass mir die Worte fehlen :-)

    • 26. Mai 2015 20:26

      Danke, danke! .) Und Du wirst sie sicher wieder finden … ,)

  4. 28. Mai 2015 19:41

    Irgendwann irgendwo gelesen und für memorabel gehalten und notiert (wahrscheinlich aus Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“):
    Im Haus des Glücks ist der Wortraum das größte Zimmer.

    • 29. Mai 2015 8:13

      Schön. Ein Dichter würde das so sehen, sicher; andere haben vielleicht andere wesentliche Wunderkammern.

  5. 3. Juni 2015 10:00

    Ein wundervoller Text – wahrscheinlich wollte ihn mir der wp-reader deshalb unterschlagen.
    Ihre Worte jedoch waren mächtiger.
    Vielen Dank dafür und herzliche Grüsse von der anderen Seite des grossen Flusses

    • 4. Juni 2015 16:22

      Oh, danke sehr! (Der WP-Reader macht sowieso, was er will. Bei mir also: gar nichts. Umso mehr freue ich mich übers Gelesenwordensein. .))

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