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Man weiß es nicht

4. April 2015

Ist es Dorf, ist es Stadt? Das kommt drauf an. Wer hier bleibt, sagt: Stadt.

Der letzte Lebensmittelladen im Ort hat aufgegeben, als im Gewerbegebiet der Discounter kam. Kurz danach der Metzger; der nächste wird der Bäcker sein. Was die alten Leute machen? Die Nachbarn kaufen ein; man kennt sich schließlich.

Ständig die freundlichen Fragen, wann er den Sichtbeton von seinem Anbau denn verputzen will. Der junge Architekt runzelt die Stirn. Alles Wohnspießer hier; reißen die jahrhundertealten Höfe ab und setzen sich Einfamilienhäuser hin, mit Doppelparkplatz zur Straße.

Ach, und das Fräulein, die Pfarrhaushälterin, ist jetzt auch tot. Wie der Pfarrer gestorben war damals, hat sie ihn schön gemacht, die ganze katholische Gemeinde ist gekommen, und da lag er auf seiner Seite vom Doppelbett; alles voller Blumen. Bis zum Schluß hat sie dann noch allein im Pfarrhaus gewohnt, der neue Pfarrer war ja schon nicht mehr vor Ort; jetzt hat’s die Gemeinde verkauft.

Die Sowiesos? Ei, mit dene rede mir nit; wieso, müsse Se die Oma frage, die weiß des noch.

 

 

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28 Kommentare leave one →
  1. 4. April 2015 15:03

    Die einleitende Frage wäre nicht so leicht ins Englische zu übersetzen, denn town kann sowohl Stadt als auch Dorf (neben „village“) bedeuten.

    Wie gut, dass es wenigstens noch Nachbarn gibt, die für andere einkaufen. Sonst müssten rollende Tante Emmas her oder Hofläden mit Lieferservice. Von Discountern kann man solche Extras nicht erwarten. Oder vielleicht doch? Wenn die Bratbuden mit dem großen gelben M jetzt sogar am Tisch servieren?

    • 4. April 2015 15:36

      Ha, aber kein Fall für http://untrans.eu; schließlich gib’s ja auch noch city.
      Hm; was werden wir tun, wenn die Grüne Wiese dermaleinst zu weit ist? Essen im Netz bestellen? Oder erledigen das dann unsere intelligenten Kühlschränke für uns (sie kennen uns schließlich)?
      Das mit den Bratbuden wußte ich gar nicht. Heißt das, die wird’s bald nicht mehr geben?

    • 4. April 2015 15:50

      Die „city“ habe ich bewusst ausgeklammert, denn es gibt zwar sehr kleine „cities“ (die kleinste in GB ist Bangor), aber das sind nie Dörfer.
      Ich hatte auch kurz überlegt, ob Alte und Kranke dann ein Sträußchen Petersilie im Internet bestellen müssen, aber ob die überhaupt Netzanschluss haben? Intelligente Kühlschränke dann wohl eher auch nicht.
      Keine Ahnung, wie lange es das gelbe M noch gibt. Zunächst sind das nur ein paar handverlesene Filialen. Man hofft, so den Umsatzrückgang aufhalten zu können. Frikadellen – ob mit oder ohne Fleisch – werden wohl nie aussterben, auch ohne Pappdeckel drumherum.
      Übrigens las ich erst gestern, dass M einige seiner Angestellten jetzt mehr Lohn bezahlt. Die müssen ja wirklich verzweifelt sein. ;-)

    • 4. April 2015 21:32

      Jetzt habe ich mich in Bangor vertüdelt, das ist aber auch –! Mit Universität sogar.
      Die Bratbuden müßten ja nur durchhalten, bis der Veganismus ausgrassiert hat; nicht daß mir was dran läge.

    • 4. April 2015 22:31

      I was totally unimpressed by this so-called city. Aber ein Gutes hat sie: Mehrmals pro Stunde fahren lokale Busse binnen 15 Minuten zur Insel Anglesey.

      In mehreren Hamburger Stadtteilen haben die Tempel amerikanischer Esskultur bereits dichtgemacht. Das schlimmste war der Geruch, der ihnen entströmte. Dann doch lieber alle zehn Jahre mal ne Currywurst und an Uwe Timm denken. Und an Grönemeyer sowieso.

    • 5. April 2015 11:10

      Mir gefiel ja die Geschichte von dem Schieferhimmelbett aus einem Stück; leider gibt es kein Bild.
      Ha: „Crrrywuast!“

    • 5. April 2015 17:20

      So spektakulär sieht das slate bed ja gar nicht aus. Und ich hätte schwören können, dass es aus Holz ist: http://www.conwy-camera-club.org/?p=2768

    • 5. April 2015 17:31

      Stimmt — sieht aus wie Holz. Hm. Man müßte versuchen, es anzuheben. Oder anzustecken …
      (Übrigens hätte ich das Bett auch nicht gemocht; ich finde, der Behang beißt sich mit dem Rest der Welt.)

    • 5. April 2015 17:32

      Typisch englischer Geschmack eben …

    • 5. April 2015 17:33

      (Außer dem von Queen Victoria.)

    • 5. April 2015 19:59

      She was entitled to her own opinion. And so are you.

  2. 4. April 2015 15:04

    Was ich hier für Bilder sehe. ..wunderbar.
    Danke für diese Geschichte

    • 4. April 2015 15:37

      Oh, das sind nur die ganz normalen Abgründe. Danke fürs Lesen!

  3. 4. April 2015 20:59

    Ich danke Ihnen sehr für Ihre eindrückliche Skizze.
    Durch einige solcher kleinen Gemeinwesen bin ich gerade erst gekommen.
    Mit Ihren Sätzen haben Sie der Tristesse ein wenig Farbe verliehen.
    Abendschöne Grüsse aus dem Bembelland

    • 4. April 2015 21:34

      Oh, so trist sind die Kleingemeindchen nicht, wenn man genauer hinguckt. Ich meine, so normal. .)

    • 4. April 2015 21:36

      Oh, ich meinte eher die menschliche Komponente.
      Es gibt in diesen Orten durchaus Kleinode, die den genaueren Blick lohnen.

  4. 4. April 2015 21:18

    Eine Geschichte, wie sie häufig vorkommt… das Sterben der kleineren Städte ist so häufig zu beobachten, meine Heimatstadt ist da nicht anders…
    Danke für so dicht erzählte Geschichte, lakritze!

    • 4. April 2015 21:37

      Ich denke ja immer noch, die kleinen Städte — kurze Wege, auch ins Grüne, und alles da für eine ordentliche Infrastruktur — könnten der Rückzugsort für die vertriebenen Großstädter werden. Müssen sie nur noch ein bißchen durchhalten …

  5. 4. April 2015 22:07

    Krass, klasse beobachtet und auf den Punkt gebracht.

    • 5. April 2015 11:03

      Danke, Soso! Das Krasse fällt in den kleineren Orten mehr auf, aber man muß ihnen lassen, sie nehmen’s manchmal mit Stil.

  6. 5. April 2015 10:20

    „Hat ihn schön gemacht“, hinter dem Satz steht ein ganzes Lebensgefühl, eine Lebensweise, scheint mir, jedenfalls lese ich diese Formulierung und es ist, als würde sich eine Tür mit ganz viel (Bekanntem und Halbvergessenem) dahinter öffnen.

    • 5. April 2015 11:08

      Oh, das freut mich ganz extraordinär. Da ist tatsächlich noch ein bißchen was von dem, der mir die Geschichte erzählte, mitgekommen. Man muß ja immer so viel weglassen …

  7. 5. April 2015 12:38

    Bei uns im Dorf…
    da ist’s genauso.

    Da sagt der Nachbar noch, seine Tochter dürfte jeden Freund mit nach Hause bringen… nur keinen Paschtinger (also jmd. aus dem Nachbardorf).

    • 5. April 2015 13:02

      Au-ha. Und wenn doch — Romeo und Julia? Ich will’s nicht hoffen …

  8. karu02 permalink
    5. April 2015 20:06

    Das kleinteilige Muster des Stoffes, aus dem die Geschichte gewebt ist, kommt mir sehr bekannt vor. Du hast es wieder einmal sehr gut auf den Punkt gebracht.

    • 6. April 2015 10:07

      Daß Du das kennst, glaube ich sofort. .) Der Stoff ist wohl überall gleich und unterscheidet sich höchstens in der Farbe.

  9. 7. April 2015 16:25

    Hast Du „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić gelesen? Ich glaube, Du würdest es mögen. Das Thema ist ein bisschen anders, das „kleinteilige Muster“ jedoch ein ähnliches.

    • 7. April 2015 16:36

      Das hatte ich bislang nicht auf dem Zettel; werde jetzt aber mal schauen. Danke.

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