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Brückenzauber

1. Februar 2015

Die zwei gehen Hand in Hand, er raucht unterm Kapuzenpulli, sie pustet die Haare aus dem Gesicht; ich höre sie lachen. Wie alt mögen sie sein? Alle paar Schritte halten sie und stecken die Köpfe zusammen, beugen sich nieder zum Gitter des Handlaufs, zu einem der unzähligen kalten Quader, die andere hier hoch überm Strom befestigt haben.

Hier; sie richtet den Finger auf eine Stelle. Hier hängen die Schlösser noch nicht in Trauben; man kann zwischen ihnen hindurch aufs Wasser sehen. Er löst sich von ihr, wirft die Kippe in den Fluß und nestelt in seiner Jackentasche. Entzücken klingt in ihrer Stimme, als er das Schloß in die Höhe hält, schrill protestiert sie, als er einen Fuß zwischen die Gitter zwängt und sich nach oben stemmt, sich nach einer Strebe über allen anderen streckt. Ich glaube zu hören, wie es stählern klickt. Die Brücke bebt leise, als er wieder auf zwei Füßen landet.

Sie umhalst ihn, und dann saugen sie sich lange aneinander fest. Schließlich hebt sie die Faust, schwingt sie mit einem Hüpfer nach vorn und oben; in der Sonne müßte das winzige Stück Metall, das im Bogen dem Wasser zustürzt, glitzern, aber der Himmel ist bedeckt. Stumm schluckt der Fluß das Schlüsselchen.

Oben, auf der Brücke, machen sich die beiden auf den Weg zurück, die Arme um einander geschlungen. Und während er sich eine Zigarette ansteckt, während ich ihre Stimme zwitschern und gurren höre, während sie sich beschwingt entfernen nach vollbrachter Tat, nach getaner Arbeit, denke ich: möge dieser Schlüssel vergehen, möge die Stadtreinigung mit dem Seitenschneider kommen und euch von diesem Schloß befreien, bevor auch nur eins von euch sich dran erinnern muß mit Bitterkeit.

 

Beitrag zum Projekt *.txt (2: wünschen).

–> alle meine *.txte

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30 Kommentare leave one →
  1. Trippmadam permalink
    1. Februar 2015 15:30

    Ich habe nie verstanden, warum ausgerechnet ein Schloss ein Symbol der Liebe sein soll. Kann man da nicht gleich Handschellen nehmen?

    • 1. Februar 2015 21:45

      Haha! Ausgezeichnete Idee. Mit Gravur und Straßsteinchen. Unbedingt patentieren lassen –!

    • 2. Februar 2015 19:43

      Wobei ich Handschellen ja noch wenigstens sexy fände… ;-)

    • 2. Februar 2015 22:08

      ,) Aber vermutlich auch mehr als Gegenstand denn als Symbol für eine Paarbeziehung …?

  2. 1. Februar 2015 16:08

    Moden eben…

  3. 1. Februar 2015 16:27

    Möge ihre Liebe ewig und einen Tag während, ohne Schloss, ohne Handschellen, ohne Schlüssel und ohne Brücken.
    Wunderbar erzählt …
    Wie Trippmadam verstehe ich den Symbol des Schlosses auch nicht. Und noch weniger, wie viele diesen Brauch praktizieren.

    • 1. Februar 2015 21:50

      Ja, das muß doch auch anders hinzubekommen sein! .) Ewig verschlossen, das ist eine schreckliche Vorstellung.

  4. 1. Februar 2015 17:00

    Es gab auch mal Schlösser für Keuschheitsgürtel. Die jungen Krieger fuhren ins gelobte Land…….

    • 1. Februar 2015 21:51

      Ja, an die muß ich auch immer denken. (Ich hoffe, da sind die Schlüssel nicht in irgendwelchen Fließgewässern gelandet.)

  5. 1. Februar 2015 17:22

    Mir ist schon der Ehering seltsam zuwider… ;-)

    • 1. Februar 2015 21:54

      Aneinandergeschmiedet –? Auch keine so angenehme Vorstellung.

  6. 1. Februar 2015 20:42

    Da lässt sich gar nichts mehr hinzufügen.

    • 1. Februar 2015 21:55

      Manche Leute haben Silberhochzeitsschlösser; das finde ich noch seltsamer …

  7. 1. Februar 2015 22:04

    So neu ist die Mode ja auch wieder nicht …

    Des solt dû gewis sîn.
    Dû bist beslozzen in mînem herzen;
    Verlorn ist daz slüzzelîn:
    Dû muost immer drinne sîn.

    Aber es klingt schon ein bisschen bedrohlich. Kormorans Keuschheitsgürtelschlossschüssel ist mir noch unheimlicher. Sicher gab es auch eine Art Houdinitrick, um sich da zeitweise wieder rauszuwinden?

    • 1. Februar 2015 23:34

      (Ansonsten: rostet runter, irgendwann …)
      Und das slüzzelîn mochte ich nur unter der Prämisse, daß die Minne doch was eher Theoretisches war.

    • 2. Februar 2015 1:38

      Das ist jetzt aber nur Deine Theorie? Unsere Vorfahren haben sich ja doch irgendwie ganz konkret fortgepflanzt, wo wären wir denn sonst?

    • 2. Februar 2015 16:56

      .)))
      (Schlüsselkinder –?)

  8. 1. Februar 2015 22:33

    schöner text!

  9. karu02 permalink
    2. Februar 2015 14:54

    Ich weiß ja nicht, ob man das nur einmal darf, verschließen und wegwerfen. Wäre die Wiederverwendung erlaubt, müssten die Schlüsseldienste oder Tauchausrüstungsausrüster gut verdienen.

    • 2. Februar 2015 16:55

      So verdienen nur die, die Schlösser gravieren …

  10. 3. Februar 2015 12:00

    Ist das Liebe oder kann das weg?

    • 3. Februar 2015 12:24

      Vorher weiß man ja immer nur, was die Statistik sagt.

  11. 9. Februar 2015 12:18

    Eine schöne Konsequenz aus dieser undurchdachten Unsitte ist Dein Geschichtchen.

    • 9. Februar 2015 22:01

      .)) Danke, Frau Eichhorn. Wogegen ich manchmal schon gern Schlösser hätte, ist der Lauf der Zeit; aber den Schlüssel würde ich ganz gewiß nicht wegwerfen …

  12. 15. Februar 2015 10:05

    Ja: schöner Text, sehr! Aber ein bisschen gefällt sie mir schon, diese (Un)sitte mit den Schlössern – weil das ja ein ehrlicher Ausdruck von einem in diesem Moment ganz echten Gefühl und Wunsch ist: Zusammengehören. Für immer. Fand das sehr spannend hier in den Kommentaren zu lesen, wie negativ das andere assoziieren. Mit Deinem Wunsch, dass das Schloss weggeschnitten werden möge, bevor die zwei aus Deiner Geschichte sich trennen, bringst Du das Dilemma mit den romantischen Träumen gut auf den Punkt.

    • 15. Februar 2015 10:25

      Vielleicht bin ich einfach abergläubischer als die meisten, aber bei der Vorstellung, eine Liebe per Schloß zu besiegeln, wird mir ganz beklommen. Ich glaube an den Wert von Freiheit. Ich kenne Menschen, die aneinandergekettet sind, die nur eine Trennung retten könnte … Ist vielleicht eine Altersfrage; wenn man die Romantik eine Weile beobachtet hat, traut man ihr nicht mehr weit. Danke fürs Vorbeilesen und den Kommentar!

    • 17. Februar 2015 23:31

      Ok, so formuliert – wenn ich mir so den Klang zuschnappender Schlösser vorstelle – kriege ich auch ein bekommenes Gefühl und Fluchtimpulse… Vielleicht finde ich an diesem Brauch einfach anrührend, dass diese Schlösser von Menschen erzählen, die – jedenfalls für diesen einen Moment, in dem sie dieses Ding da anbringen – für immer zusammengehören wollen. Liebe Grüße aus der Hauptstadt der gern-oder-auch-nicht-allein-Lebenden! Greta

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