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Die Ordnungen zur See

20. Januar 2015

Im Grunde ist es klar: Himmel oben, Meer unten; und alles dafür tun, daß es so bleibt.

Seezeichen, sagte der Kapitän, seien für Idioten gemacht. Deshalb seien sie simpel; regelrecht narrensicher. Denn: früher sei ja vor allem zur See gegangen, wer an Land nix geworden war.

Alles hat Richtung und Reihenfolge: wie herum gewickelt, was wo aufgehängt, wem was gesagt wird. Damit Land und Wasser gründlich geschieden seien, tragen die Dinge andere Namen auf dem Meer. Abläufe wie am Schnürchen, daß im Dunkeln, bei Windstärke Elf, bei Mann über Bord, in der endlosen Routine der Deckswachen jeder Handgriff sitzt.

Viele Jahre, erzählte der Kapitän, sei er für Monate am Stück um die Welt gefahren; seine Frau und er hätten sich Briefe geschrieben. Schnell lernten sie, Durchschläge der eigenen Nachrichten aufzubewahren, denn die Antwort auf eine Frage aus dem Sommer kam oft erst im Herbst.

Die Fahrrinnen mit Tonnen und Leuchtfeuern; Strömungen, Winde, die Gezeiten, und über allem als höchste Ordnung die Gestirne.

Auf der Seefahrtsschule standen Fächer wie Nautik, Navigation und Englisch auf dem Lehrplan – und, über eineinhalb Jahre hinweg, eine Wochenstunde Literatur. In dieser Stunde wurde, nach Gattungen sortiert, die Literatur im Hinblick auf die Seefahrt behandelt, von der Odyssee über Melville bis zu Joseph Conrad. Wozu? Für die langen Nächte? Der Steuermann zuckt mit den Schultern. Ihm hat es gefallen; heute ist das alles abgeschafft. Die ganze Seefahrtsschule: Vergangenheit.

Die Sternbilder sind seit GPS nicht mehr so wichtig. Aber sie machen den Blick zum Nachthimmel wunderbar.

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16 Kommentare leave one →
  1. 20. Januar 2015 23:36

    Schön leichtfüßig erzählt.
    Geht es nur mir so, dass ich immer wieder Heimweh kriege nach der Zeit, als man noch Briefe schrieb (sogar mit Durchschlag)?
    Und Literatur als Fach für den angehenden Kapitän. Vorbei, vorbei. schade.

    • 21. Januar 2015 9:42

      Gelegentlich schreibe ich Briefe; eine Zumutung seien sie, sagte eine Empfängerin, der Handschrift wegen. Die Verzögerung ist es vielleicht; daß man zwei, drei Tage in den Postämtern lebt …
      Heute sind Kapitänsausbildungen ISO 9001-zertifiziert. Literatur ist dazu nicht vonnöten.

    • 21. Januar 2015 9:46

      Schade.
      (Ich freue mich immer noch sehr über Briefe. Muss aber zugeben, dass ich selbst wenig schreibe. Man verlernt es beinahe und die Handschrift wird immer unausgeschriebener davon).

    • 21. Januar 2015 10:44

      Heutzutage werden nur noch Kompetenzen vermittelt. Man liest nicht; man lernt nur, wie man lesen könnte.

  2. 21. Januar 2015 11:02

    Bezeichnend auch, dass die 17-jährige Kölner Schülerin es bedauert zwar in der Lage zu sein eine „Gedichtsanalyse“ in 4 Sprachen zu verfassen, sich aber nicht um Miet- und Steuerangelegenheiten kümmern zu können.

    Statt sich mit kulturellem Ballast abzuschleppen sind mehr lebenspraktische Kompetenzen gefragt.

    • 21. Januar 2015 11:31

      Das ist dann wohl ein klassischer Fall von „Der Kunde will das so“. (Argh. Ganz großes Faß.)

    • 21. Januar 2015 12:06

      Bezeichnend auch, daß schon 17jährige glauben, sie müßten sich um Steuer- und Mietangelegenheiten kümmern können. Was war ich als Schüler froh, mich um herrlich arkane Dinge kümmern zu dürfen. Der Ernst des Geldes kommt früh genug, möchte man meinen.

  3. 21. Januar 2015 12:19

    Du schreibst einfach genial. So leicht und doch mit Tiefgang, weise, philosophisch.

    Ich denke grad, dass ich so eine Schifffahrt auch einmal erleben wollen würde. Oder auch nicht. Diese Klarheit und Ordnung macht mir Eindruck.

    • 21. Januar 2015 13:02

      Danke Dir, Soso. (Das Meer ist fern, da habe ich mein Notizbuch geplündert.)
      Für nicht so ordentliche Menschen ist es wahnsinnig viel zu lernen (also, von „narrensicher“ hätte ich nichts gemerkt …), aber eben auch sehr eindrucksvoll.

  4. 21. Januar 2015 16:44

    Ich freue mich auf diesen Tag: Du hast Dein Kapitänspatent und steuerst bei der Weltumsegelung nur mit dem Sextanten. Du rufst die Zugvögel zu Hilfe….. (lach)

    • 21. Januar 2015 22:51

      Haha, ehe ich die Welt umsegele, habe ich noch viel zu lernen! Navigieren können wie die Zugvögel, das wäre allerdings schön.

  5. 22. Januar 2015 0:15

    Oh, das ist jetzt aber lange gereift.

    Und zu den anderen Kommentaren: die Menge an Wissen, die der moderne Mensch fürs Leben in dieser Gesellschaft heute so braucht, ist enorm, dass da so einiges als weniger wichtig über den Tellerrand fällt, kann man bedauern, ich kann es aber gut nachvollziehen.

    • 22. Januar 2015 11:05

      Klar; daß man nicht mehr wissen muß, wie man Segel flickt, wenn man Tanker fährt, das kann ich nachvollziehen. Aber es läßt tief blicken, daß die Literatur (die auch schon für Segel- und Dampfschiffkapitäne vergleichsweise nutzlos war) nun nicht mehr dabei ist. Eine Ausbildung, die nicht allein am meßbaren Nutzen orientiert ist, ist mir sympathischer.

  6. 25. Januar 2015 13:54

    Die Zugvögel haben ihre Navigationskünste nicht verlernt. Sie nutzen ihnen jedoch zunehmend weniger wegen der Veränderungen elektromagnetischer Felder.

    Die Störche sind vielleicht schlauer. Immer mehr überwintern bei uns. Nicht nur unter Menschen gibt immer mehr Migranten.

    Sie haben das so schön beschrieben. da danke ich Ihnen sehr dafür.
    Mittäglichweichgebrühte Saunagrüsse aus dem spritzigen Bembelland

    • 26. Januar 2015 19:18

      Aber nur Störche schaffen es, zu Migranten zu werden, indem sie das Wandern sein lassen. .)
      (Vorteil: holt man sich keinen Schnupfen, und keine kaputten Knie.)

    • 27. Januar 2015 12:03

      Dies ist das Geheimnis der Störche. Bleibt die Frage, ob Störche jederzeit schnupfenfrei sind…
      Vormittäglichsonnenschöne Grüsse aus dem blauhimmlischen Bembelland

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