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Meerchenwege

14. Januar 2015

Manchmal muß man auch hin, wo’s nicht geht. Oder vielmehr: wo es lange nicht ging; denn erst vor zwölf Millionen Jahren zog sich das tertiäre Meer aus dem Mainzer Becken zurück und hinterließ die kalkigen Hügel, die heute Rheinhessen heißen.

Wegkreuz an altem Feldweg.

Wegkreuz an altem Feld- und heutigem Radweg.

Man sieht diese Gegend sonst nur von der Autobahn, und so ist das Tal der Selz, die sich auf ihrem Weg zum Rhein ein breites Bett gewaschen hat, eine Überraschung. Weiches Steigen und Fallen, hier und da eine Erhöhung, die man kaum schroffer nennen mag; Bäume gibt es nur in Zeilen an Gräben oder gelegentlich als Landmarke im Einerlei der Äcker.

Vom Bahnhof in Nieder-Olm geht es durch Neubaugebiet aus dem Ort, und da ist erst einmal – Leere. Felder, die Bahnlinie, in der Ferne die Autobahn. Nackt liegt der Boden, und wo die Selz sich schlängelt, zeigt eine ungekämmte Reihe Weiden an. Darüber: Himmel, fast so viel wie an der Küste; darin eine kräftige Sonne.

Ich muß an meine aktuelle Lektüre denken: diese Landschaft in diesem Licht würde in die Innere Mongolei passen, wären da nicht die Dörfer, die immer weiter über die Ebene quellen und Kleinfamiliendomizile in die sanften Hügel würfeln.

Da der Kirchturm, dort die Windräder und da hinten der runde Hügel mit dem Weinbergshäuschen — kaum bin ich ein paar Schritte gegangen, haben sich schon alle Landmarken verschoben; als wäre ich mit Siebenmeilenstiefeln unterwegs. Ich springe ein wenig, um zu prüfen, ob hier die Schwerkraft gilt wie anderswo.

Später an der Bushaltestelle in Köngernheim komme ich mit einem Mann ins Gespräch. Oh, er wandere ja gern, aber hier –? Ich möge es ihm nicht übelnehmen: Rheinhessen sei die häßlichste Gegend, die ihm je untergekommen sei.

Nun ja. Man muß es mögen; ich mag’s.

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13 Kommentare leave one →
  1. 14. Januar 2015 22:42

    Ach, in meiner Nähe unterwegs! Wir haben kein „Kleinfamiliendomizil“ ins Dorf gewürfelt, immer diese offene alte große Winzerhütte, in der kurz nach dem Krieg sieben polnische Familien gelebt hätten…Hier hat alles seine Geschichte- und hässlich ist hier nichts – und rumwandern ist göttlich!

    • 15. Januar 2015 10:07

      Ich will da unbedingt mal weiter gehen. Von Selzen bis nach Ingelheim, oder so.
      Große Winzerhütte klingt gut –! Die Randgebiete von Rhein-Main: Reihenhaussiedlungen und Einfamilienklötzchen, immer schön mit Carport, jedes Jahr mehr. Nieder-Olm kannte ich vor fast dreißig Jahren – das ist ordentlich gewuchert.

  2. 15. Januar 2015 0:03

    Herrliche Sprache, mit welcher du gottgleich diese Landschaft entstehen lässt. Gewürfelt.
    Köstlich wohltuend natürlich und still ist es bei dir.
    Danke!

    • 15. Januar 2015 10:13

      Ich weiß nicht; wie wohl andere, Unvoreingenommene diese Landschaft sehen? Falls Ihr mal einen kleinen Ausflug machen wollt … ,)

    • 15. Januar 2015 11:20

      MIr würds wohl gefallen, aber dem Liebsten eher nicht. Ich erinnere mich, wie er an der Meseta litt, in Spanien auf dem Jakobsweg. Nur Weite … von daher … :-)
      Mal schauen …

    • 15. Januar 2015 19:58

      Ach, aber gegen die Meseta kann Rheinhessen einpacken. Da ist man in dreieinhalb Stunden zu Fuß durch … (Aber ich wüßte auch das ein oder andere Wegelchen für Waldmenschen, natürlich.)

  3. 15. Januar 2015 9:47

    Wie schön, so ein Tag am (im) Meer. Und wie sich mit Hingabe auch Landschaften erschließen lassen, die anderen nur Hässlichkeit ist. Beim Thema Meer fiel mir eben ein, wie man an der Decke eines Bergwerksstollens im Schwarzwald die Trockenrisse am Grund des verdunstenden Urozeans sehen kann. Mir war schwindelig in dem Moment und mir ist es noch, wenn ich daran denke. Immer gute Wege wünsche ich!

    • 15. Januar 2015 10:33

      Danke! Landschaften mögen ist eine leichte Übung, denke ich … (Oh, und in den Abgrund der Zeit schauen. Ja.)

  4. 15. Januar 2015 15:00

    .. sich auflösen in den dingen, zu dem werden, was januar ist, so teenageblau der himmel, das glucksen der wupper und oh, what a nice kräutergärtlein..

    • 15. Januar 2015 19:56

      Selz: immerhin Weingegend, da hat man was für die Auflösung.
      (Lieblingskommentar für heute; danke!)

  5. 18. Januar 2015 22:57

    Der schöne Titel schon.
    Und der Kommentar des Mannes an der Bushaltestelle.
    Dazwischen liegt Rheinhessen. Wenn scheinbar nichts da ist, muss man eben exakter gugge.
    Haben Sie Hekate ein Opfer dargebracht? Einen Zweig vielleicht oder einen guten Gedanken?
    Vielen Dank für den Bericht.

    Abendlichstille Grüsse aus dem Bembelland

    (PS: leider zeigt mir mein WP-Reader Ihre aktuellen Beiträge nicht mehr an)

    • 19. Januar 2015 20:54

      Danke, Herr Ärmel! Der WP-Reader ist sicher vielbeschäftigt. Meiner hat schon vor geraumer Weile den Dienst eingestellt, so daß ich alles von Hand lesen muß, was ich lesen will.
      Ich finde das ja auch — Rheinhessen ist so eine Krypto-Schönheit, die schmeißt sich nicht jedem an den Hals. Nächstes Mal denke ich an Hekate. Und an Proserpina auch gleich …

    • 19. Januar 2015 23:22

      Ach wie gut, dass Sie mich erinnern, Proserpina rutsch mir doch immer wieder aus dem Gedächtnis ;-)
      Abendschöne Grüsse aus dem heissenäplerschlürfenden Bembelland

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