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Trauriges Viertel

30. November 2014

Leere Läden, die Fenster verstaubt: Zu vermieten. Provisionsfrei.

Hier war mal ein hübsches, helles Café, da gibt es jetzt Versicherungen. Die Bäckerei hatte erst die Backstube und nun auch den Laden geschlossen. Der Käseladen, der Weinhändler konnten sich nicht halten. Ein Rechtsanwalt hat das liebevoll restaurierte Geschäft der Goldschmiedin blickdicht umbauen lassen. Friseure, Friseure, Friseure und Handy-Reparaturen. Kein Metzger mehr; nichts für den täglichen Bedarf.

Im letzten Lebensmittelladen sieht es aus wie immer. So wird es bleiben, sagt die Inhaberin — schließlich hat sie neulich erst renoviert. Nein, sie hört nicht auf; wie auch? Ihre Altersvorsorge hat sie in den Laden gesteckt. Dasselbe höre ich von den alten Herrschaften in einem anderen Geschäft. Über siebzig sind sie beide; toi-toi-toi. Sie werden im Laden stehen, bis sie umfallen; das sagen sie nicht, aber man kann es sich denken.

Einen Laden führen? Kann man heute nicht mehr machen, sagt die Bioladen-Chefin. Ist ein Zuschußgeschäft. Warum sie es trotzdem macht? Für ihre treuen Kunden. Die Kontakte, die freundlichen Gespräche; weil es Spaß macht. Würde ihr das keinen Spaß machen, könnte man im Viertel nicht einmal mehr Brot und Milch kaufen.

Wo wird das enden? In riesigen Einkaufsmärkten, verkehrsgünstig gelegen und mit großen Parkplätzen, wo man nach der Arbeit in einer halben Stunde alle Einkäufe erledigen kann. Und billig noch dazu. Wer kein Auto hat oder nicht (mehr) fahren kann, nun, der muß sich eben etwas mitbringen lassen. Irgendwann wird es für die alternde Gesellschaft Dienstleister geben, die Bestellungen liefern, mit prekär Beschäftigten oder vielleicht ja Drohnen. Dann darf jede und jeder daheim sitzen und zwischen den Besuchen der Liefer- und Pflegedienste auf Bildschirme starren. Draußen wird es sowieso nichts mehr zu sehen geben.

Ja, ich bin sauer.

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24 Kommentare leave one →
  1. 30. November 2014 14:02

    Solche Szenarien spiele ich auch oft durch. Geiz ist billig und schadet uns allen. Wir sägen am berühmten Ast auf dem sitzen. Aber es gibt auch die Gegenkräfte, zum Glück, Tauschinitiativen und anderes. Was muss wohl passiert, damit die Mehrheit umdenkt?

    • 30. November 2014 14:37

      Ich wüßte da was: eine Ölkrise, eine echte. Bei der man merkt, daß es mit dem Fahrrad doch recht weit ist ins Industriegebiet.
      Besonders finster scheint mir das alles, wenn ich die derzeitigen Spendenaufrufe sehe. Zu Weihnachten die Spendierhosen an, aber wegen fünf Cent Ersparnis den lokalen Gemüsehändler meiden … Wie gesagt: sauer, wenn ich so die Innenstadt sterben sehe.

  2. Colorsigns permalink
    30. November 2014 14:08

    ich erlebe es auch , es ist keine Stadt hier- ein Dorf das stirbt, nur ein kleiner Tante Emma Laden hält sich verzweifelt , keine Schule mehr , sie wird geschlossen, Kindergarten haben sie längst, in den Häusern nur noch Wartende , auf Rente , auf Tod. Nur mein Häuschen trägt Blumen im Sommer am Fenster und Weihnachtsschmuck im Jetzt und ich warte nicht wie Nebenan , ich baue neu auf und habe Hoffnung in mir

    dir einen zauberschönen 1 . Advent
    leise doch mutig Christin

    • 30. November 2014 14:54

      Danke, ebenfalls. Das ist ein schönes Bild: ein Zeichen von Leben zwischen leeren Fenstern. Viel Glück und Erfolg!

  3. 30. November 2014 14:57

    Solches beobachte ich hier auch. Oder bei uns auch Lädchen, die monatelang oder noch länger leer stehen, weil die Mieten so horrend hoch sind, dass sich die kein normaler Mensch leisten kann. Und die Vermieter lassen sie lieber leer stehen, als mit dem Preis herunterzugehen. In der Innenstadt reiht sich ein Kleiderladen an den nächsten, dazwischen Juweliere und alle paar hundert Meter ein Starbucks. Waren des täglichen Bedarfs lassen sich fast nur noch in den grossen Häusern erwerben – der Preisunterschied zum Wochenmark ist mittlerweile minimal, trotzdem wird letzterer gerade in der kalten Jahreszeit kaum besucht.

    • 30. November 2014 15:06

      Ich habe mich erkundigt. Der Haushaltswarenladen hätte die ganze Stadt mit Geschirr versorgen müssen, um sich die A-Lagen-Miete noch leisten zu können. Also zog er in die B-Lage, wo nun noch weniger Leute einkaufen … ach. In den A-Lagen-Laden zog nach mehreren kurzen Vermietungen und langem Leerstand ein Wettbüro. Vermietern scheint es völlig egal zu sein, wie es in ihrer Stadt aussieht.

    • 30. November 2014 15:21

      Ähnliches wurde mir auch von meiner Buchhandlung des Vertrauens oder von meinem Friseur, der nun irgendwo in einem Hinterhofkabuff eingemietet ist und kaum Kundschaft hat, erzählt. Gleichzeitig echauffieren sich die Menschen darüber, dass überall dieselbe Ware gekauft werden kann. Dass wir alle diese Entwicklung mit unserem Konsumverhalten mitbeeinflussen, scheint für Viele ausserhalb ihrer Vorstellungskraft zu liegen. Mich hinterlässt das alles ratlos. Selbst wenn ich mich bemühe, in Kleinstunternehmen einzukaufen, wo ich weiss, wo mein Geld hinfliesst und wo ich die Menschen sehe und kennenlernen kann, die hinter dem Unternehmen stehe, ist das nur ein winziger Tropfen auf dem heissen Stein.

    • 30. November 2014 15:21

      Nachtrag: Besonders tragisch ist es, wenn die Stadt selbst die Vermieterin ist, die sich nicht kümmert.

    • 30. November 2014 15:42

      Nun, da sind wir schon mal zwei, und ein paar andere wird es auch noch geben. Das ist ein Anfang.
      Was mich so irritiert, ist, wie der Faktor Mensch komplett herausgenommen wird aus dem täglichen Konsum. Keine inhabergeführten Läden, sondern Ketten mit wechselndem Personal. Kein Sortiment, das ein Mensch nach bestem Wissen und Geschmack bestimmt, sondern überall dasselbe. Offen rund um die Uhr. Allenthalben höre ich: kleine Läden werden gar nicht mehr oder mit langen Wartezeiten beliefert. Und dann das übereinstimmende Urteil: man kann nicht mehr davon leben, wenn man einfach Gemüse, Brot, Fleisch verkauft.
      Daß der Markt es schon regulieren wird, glaube ich nicht. Dem Markt sind Menschen wurscht.

    • 30. November 2014 15:44

      Die Stadt selbst verlangt überhohe Mieten, und dann stehen Läden leer?? Das ist ein Ding. Da muß doch jemand zuständig sein und Auskunft geben können?

    • 30. November 2014 15:49

      tja, ich arbeite bei dieser Stadt und nichtmal ich schaffe es, die verantwortlichen Personen auszumachen. Die Immobilienverwaltung muss schliesslich auch Gewinne erwirtschaften heisst es da jeweils. Hat etwas kafkaeskes mit unserer Verwaltung. Ich bin froh, wenn ich dort eines Tages weg sein werde.

    • 30. November 2014 16:03

      Die Immobilienverwaltung muss schliesslich auch Gewinne erwirtschaften — so etwas ähnliches bekam ich kürzlich zur Antwort, als ich fragte, wieso die lokale Sozialwerkstatt ihr Lädchen zugemacht hat. Kaufmännische Gründe. (Ich bin eine von diesen komischen Briefschreiberinnen.)

    • 30. November 2014 16:18

      Dass du zu diesen Briefschreiberinnen gehörst, gefällt mir. Ich würde mich da auch einordnen, wenn ich nicht Gefahr liefe, mir die Antwort auch gleich selber zustellen zu müssen.

    • 30. November 2014 18:38

      Don Quixotes Erbinnen … .))

  4. 30. November 2014 23:37

    Ja, Wettbüros und Versicherungen. Und Tattoo-Läden und Nagelstudios. Die anderen hingegen weichen.

    • 1. Dezember 2014 11:33

      Geschäfte, denen die Kundschaft nicht ausgeht. (Den Viertel-Bestatter gibt es noch, aber er hat sein Geschäft verkleinert …)

  5. 30. November 2014 23:37

    Die Masse sind nicht die Anbieter sondern die Nachfrager, die Konsumenten, die Käufer.
    Und solange in Deutschland für die grosse Mehrheit der Bevölkerung Geiz geil ist, naja da muss man sich nicht wundern.
    In keinem europäischen Land sind die Lebensmittel so dermassen billig wie in Deutschland. Was ist ein Liter Milch wert, ein Laib Brot, der mich am Leben hält? Fünfzig Cent oder vielleicht doch 75?
    Bei den Lebensmitteln ist es besonders drastisch, und in Folge dann in anderen Handwerken und Gewerben.
    Besonders schofel finde ich immer die Leute, die sich im Fachgeschäft beraten lassen und dann im Doofmarkt kaufen gehen…
    Ich beginne mich aufzuregen und das nicht gut vor dem Schlafengehen.
    Gutenachtundangenehmruhende Grüsse aus dem lebendigen Bembelland

    • 1. Dezember 2014 11:54

      Dafür ist Wohnraum bei uns sehr, sehr teuer; zumindest in den Ballungsräumen. Und wer günstig wohnt, zahlt beim Fahren drauf (nicht zuletzt, weil er sicher nicht zu Fuß einkaufen kann).
      Ich war mal auf dem Markt unterwegs, den Sie so trefflich eingefangen haben, da lief ein Paar um die 60 am Gemüse vorbei, sie fand die Bohnen interessant, und er kommentierte giftig, beim Aldings gäbe es „das alles“ für die Hälfte. Ich hätte ihm am liebsten gesagt, dann verbringen Sie Ihre Wochenenden doch beim Aldings. Er hat nicht gemerkt, daß es mehr ist als nur Gemüse, was er auf dem Markt bekommt.
      (Anderswo habe ich gelesen, daß viele Supermärkte mit ihrem Gemüse nichts verdienen, sondern es nur als Lockangebot da liegen haben. Das kann sich ein kleiner Bauer nicht leisten …)

    • 1. Dezember 2014 14:08

      Das stimmt ja alles und ich kann Ihren Argumenten folgen. Alelrdings sind die Mieten in Frankreich oder England auch ganz schön hapig. Von der Schweiz nicht zu reden.
      In Deutschland gibts aber einige Merkwürdigkeiten, die es sonstwo in Europa nicht gibt.

      Da ziehen hundert Kilometer vom Arbeitsort fort, weil dort das Häusel billiger ist. Fahren zehn Jahre lang täglich stundenlang, verbrauchen Lebenszeit, Sprit mehr Autos und wenn man unterm Strich rechnet, wären sie stadtnah wohnend am Ende doch billiger dabei weggekommen. Nur ein Beispiel.

      Andere könnte ich nennen. Man muss wahrscheinlich ausser Landes leben, um derlei seltsame Verhaltensweisen zu erkennen. manche sind halt auch ziemlich subtil.
      Ihr Marktbeispiel. Solche Sprüche könnten hier quer durch die Bevölkerung gehen, in Frankreich würden Sie bei einem solchen Ausspruch sofort die Schichtzugehörigkeit erkennen.

      Es ist ein Leid aber nicht hoffnungslos.
      Dezembergraugriesigmittäglichfeierabendanpeilende Grüsse aus dem fantastischen Bembelland

    • 1. Dezember 2014 14:37

      Neinnein, das Wohnraumbeispiel ist gar kein Gegenargument; es zeigt nur, wofür wir in Deutschland Geld ausgeben. Wohnen und Transport (Urlaub etc. eingerechnet) sind da ziemlich weit oben auf der Liste. Essen darf nichts kosten; einem Bäcker, der für seine handwerklich hergestellten Brötchen 60 Cent verlangt, wird da gern mal Gier unterstellt.
      Ich war am Wochenende in einem Lokal im Elsaß, altmodische, reichhaltige Küche, komplett im (kleinen) Dorf produziert. Da saßen lauter junge Leute bei Mehrgangmenüs. Das wäre bei uns mindestens ungewöhnlich. Doch, wir haben schon ein anderes Verhältnis zum Essen und zu Lebensmitteln als die Nachbarn.

    • 1. Dezember 2014 20:58

      Das Elsassbeispiel treibt mir die sprichtwörtlichen Tränen in die Augen – – Sie haben sowas von Recht mit Ihrer Beobachtung – es ist zum verzwatzeln!
      Vomdezemberabendspaziergangdurchgefrorene Grüsse aus dem magischen Bembelland

  6. 1. Dezember 2014 11:48

    Dein Beitrag macht mich richtig traurig. Und ja, ich bin auch sauer. Immerhin in meinem kleinen Umkreis habe ich jetzt schon mehrfach gehört, dass nicht bei Amazon das Weihnachtsgeschenksammelsurium geordert, sondern in den Läden der Stadt eingekauft wird.
    Es gibt ja immer noch so Oasen, ganze Straßen mit individuellem Einzelhandel, zumindest hier in Berlin. Wobei da natülich auch viel blöder Kram dabei ist. Aber hier in der Ecke können es sich die Menschen noch leisten, für Qualität Geld auszugeben und sie tun es auch, eines der Merkmale dieses Kiez‘, die mir gefallen. So hält sich der exzellente Buchladen, die Biobäckerei und der Neulandmetzger.
    Bei uns um die Ecke hat ein kleines, absolut zauberhaftes Cafe eröffnet. Der Kaffee ist ausgezeichnet, der Kuchen nicht immer. Aber das ist mir egal, ich gehe hin und bestelle ihn immer wieder, damit es da bleibt, das kleine Cafe um die Ecke…

    • 1. Dezember 2014 12:02

      Störrisch bleiben, und Mensch! Wir benehmen uns viel zu oft wie Kunden … (Und gerade die, die sich’s leisten könnten.)
      Wenn ich hier in meine Kommentarspalte gucke, kann es so schlimm nicht sein; aber meine Kommentarspalte ist nicht die Welt. Nun. Ein Anfang immerhin.

  7. 7. Dezember 2014 13:01

    Dein Bericht erinnert mich an meine ostwestfälische Heimatstadt, in der noch überall die „Perfectum est“-Fahnen von Mitte des Jahres hängen, als die nahegelegene ehemalige Reichsabtei in den Reigen der UnescoWelterbes aufgenommen wurde. In der Innenstadt viel mehr geschlossene Geschäfte als der Stadt guttut. Kein Bäcker mehr, der noch selber backt, kein Fleischer, kein Lebensmittelgeschäft, der 70erJahreMarktplatz soll demnächst umgestaltet werden. Mal schauen…

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