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Korrekturlesen

24. September 2014

Man bekommt einen Text, der druckfertig gemacht werden soll. Der Text ist von einem Drittautor, voller Fehler in Rechtschreibung und Grammatik; dazu Stilblüten, die wirklich nicht veröffentlicht gehören.

Alles halb so schlimm – dafür ist man ja da.

Man macht sich an die Arbeit, jätet wuchernde Kommas und pflanzt sie an die Stellen, an denen sie von Nutzen sind; man beugt Adjektive, bis sie ohne Verrenkung an ihre Substantive passen; man fädelt Verben auf die richtige Zeitenfolge und flickt hier und da noch einen Konjunktiv. Wortwiederholungen werden wegvariiert, schiefe Bilder gerade gehängt, Bandwurmsätze sinnreich zerteilt, und schon macht das Ganze einen recht ordentlichen Eindruck.

Man schickt den korrigierten Text an den Auftraggeber zurück.

Zwei Tage später kommt ein Anruf. Der Autor habe nicht gut auf die Verstümmelung seines Textes reagiert; die Stilblüten müßten also drinbleiben. In sachen Grammatik sei der Autor nicht so zwanghaft, man möge sich da mal entsprechend locker machen. Kommasetzung laufe bei diesem Autor unter „künstlerische Freiheit“ – tja.

Und dann fällt, durchaus gut gemeint und in tröstendem Ton, der Satz, der Korrekturleserinnen zum Weinen bringt: Nimm’s doch nicht so genau; das liest außer dir sowieso keiner.

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52 Kommentare leave one →
  1. 24. September 2014 14:25

    Sorry! (Hand vor dem Mund) Oh, je! (zweite Hand drauf gelegt) Deine Tränen bringen mich gerade laut zum Lachen!

    • 24. September 2014 14:50

      mich auch *prust* und *tränen aus den augen wisch*. eben hatte ich ich noch schmerzen von der frage eines mannes hier gegenüber, der meinte: ‚haste mal da bei deine schwagers nachgefragt?‘ nun ist alles gut! :-D

    • 24. September 2014 14:55

      Lachen macht gesund! ;)

  2. Philipp Elph permalink
    24. September 2014 14:32

    Bestenfalls nehmen die paar Leser keinen oder wenig Anstoß an den Auswüchsen der künstlerischen Freiheit des Autors. Mich stören Fehler besonders dann, wenn sie in großer Zahl auftreten. Deshalb – in Abwandlung des Buches von Gorch Fock -: Lektorat tut not.

  3. 24. September 2014 14:49

    Bei mir gibt es auch immer viel zu richten. Hoffentlich erträgst Du meine Texte trotzdem. Die Stilblüten sind manchmal auch so gewollt…..

    • 24. September 2014 15:01

      (Oh, stell Dein Licht mal nicht untern Scheffel. Außerdem kann ich durchaus unterscheiden zwischen Geschichten, die ganz privat und mir zur Freude ins Netz gestellt wurden, und Texten, die gedruckt! veröffentlicht!! werden sollen. Selbst da ist es eigentlich nicht tragisch, wenn einer seine Muttersprache nicht beherrscht — von dem Niveau reden wir hier –, er muß es nur wissen und zugeben können.)

  4. 24. September 2014 14:56

    Der Text ist, es schimmert vielleicht ein klein wenig durch, im Affekt entstanden. Inzwischen kann ich wieder drüber lachen; danke euch.
    (Und jetzt gehe ich mir die Kommahölle vorstellen. In allen Einzelheiten. Gnihihi!)

  5. 24. September 2014 15:27

    Hätte ich mir die Arbeit (nach Auftrag) gemacht und bekäme dann diese Auskunft, ich sauste auch unangespitzt durch die Decke, bis ich mich wieder beruhigt hätte.

    • 24. September 2014 15:56

      Naja. Bezahlt werde ich natürlich trotzdem, aber das tröstet manchmal nicht.

    • 24. September 2014 15:59

      Kann ich Wort für Wort nachvollziehen. Mammon ist nur das eine,Anerkennung und „Würdigung“ das andere.

  6. 24. September 2014 15:38

    Drittautor bedeutet drittklassiger Autor? Mir erschließt sich überhaupt nicht, warum er sich nicht von vornherein jegliche Einmischung (= Korrektur) verbeten hat. Perfekt ist perfekt, das bedarf nun mal keiner Verschlimmbesserung. ;-)

    • 24. September 2014 15:59

      Ja, aber … das geht dann so raus! Und kommt so unter die Leute! Und …
      (Ich habe mir sagen lassen, daß das in allen Berufen vorkommt.)

    • 24. September 2014 16:02

      Schon klar. Meine Bemerkung troff auch nur so vor Ironie.

    • 24. September 2014 16:34

      Naja, ich könnte es ja mit derselben Ironie sehen. Aber mal ehrlich. Einer Korrekturleserin sagen, sie solle es mal nicht so genau nehmen, das ist wie von einem Weitspringer verlangen, er solle nicht so weit springen –!

  7. 24. September 2014 15:57

    Ich nehme gern eine Hand voll Kommas, werfe sie in die Luft und freue mich, wenn sie landen. Pardon

    • 24. September 2014 16:34

      Naja, das kann ja auch funktionieren! .)

    • 24. September 2014 16:50

      Eher selten. Ich gebe mir aber wirklich Mühe.;-)

    • 24. September 2014 16:56

      Wie schon oben zu Kormoran gesagt: es gibt einen Unterschied zwischen privaten Texten und solchen, für die ein Leser womöglich Geld hinlegen soll. Bei ersteren sind die Kommas Privatsache, bei letzteren unter Umständen eine Zumutung …

    • 24. September 2014 16:56

      Stimmt.

  8. Trippmadam permalink
    24. September 2014 16:07

    Steht denn dann Ihr Name unter dem Text? Wenn nein, könnte es Ihnen ja egal sein. Eventuell hat man in seiner Branche aber auch einen Ruf zu verlieren. Wenn es heißt, dieses Machwerk wurde von Frau Lakritze überprüft, und es sind immer noch 27 Fehler darin, dann kann das peinlich werden.

    In meinen Korrektorinnenzeiten habe ich versucht, so behutsam wie möglich zu korrigieren. Man möchte ja das zarte Pflänzchen „Kreativität“ auch nicht unnötig beschneiden.Aber entweder wurden zarteste HInweise als pedantisch verstanden oder der Autor erwartete von mir eine völlige Neuformulierung des Machwerks, denn dafür sei ich ja schließlich da.

    Die Frustration führte schließlich zu beruflicher Neuorientierung, und selbst da kann ich es mitunter nicht lassen (und fange an, Textbausteine zu frisieren).

    • 24. September 2014 16:51

      Ich habe es zum Glück weniger mit Künstlern zu tun und mehr mit Sachtext-Autoren. Aber selbst da … Mir widerstrebt es einfach, schlechten Text durchgehen zu lassen; gibt wahrscheinlich schon genug, was ich übersehe. (Und natürlich bin ich pedantisch, das ist mein Job –.)

      Daß Korrektur Luxus ist, sehe ich in jeder Tageszeitung. Ich habe schon Artikel (und Bücher) beiseitegelegt, weil mir zu viele Fehler drin waren; das ist für mich Arbeit, das lese ich nicht zur Erholung.

      Ich kann mir die Geschichte mit den Textbausteinen gut vorstellen. Der Korrekturreflex, der sitzt tief.

    • Trippmadam permalink
      26. September 2014 5:41

      Ich hatte damals auch nicht mit Künstlern zu tun, „Korrektorin“ ist eine leichte Verschleierung der Tatsachen. Meine Aufgabe war es, Menschen den staubtrockenen Formbriefstil abzugewöhnen, den sie sich zwanzig Jahre zuvor mühsam antrainiert hatten.

  9. 24. September 2014 17:20

    … einfach köstlich. :)

  10. karu02 permalink
    24. September 2014 19:57

    Immerhin waren beide Texte, seiner und Deiner, der Anstoß für die Kommahölle. Manchmal habe ich den Eindruck, es wird schon vorher von Schreibern gedacht, das liest ja eh keiner und wer es liest, hat selbst Schuld.

    • 24. September 2014 21:18

      Ja, die Kommahölle ist tröstlich. .) Wer was zu sagen, aber mit der Form Schwierigkeiten hat, zählt zu meinen liebsten Kunden; schlimm sind die, die nur schwafeln und eben die, die sich für unverbesserbar halten.

  11. 24. September 2014 20:50

    autsch, wozu dann ein lektorat? aber die rechnung muss er zahlen für die zeit, die du kommas und wörter und sätze dressiert hast!

    (köstlich geschrieben. und ja, ich hätte auch geheult!)

    • 24. September 2014 21:20

      Ja, wenn man gesagt kriegt, daß es doch eh keinen Unterschied macht, was man da tut, dann kann’s noch so nett gemeint sein …

    • 25. September 2014 0:06

      machst du eigentlich vorher probelektorate mit einem ausschnitt des ganzen? das hat sich bei mir bewährt. dann sehen die leute schon, wie ich arbeite und können sich entscheiden. das probelektorat kostet extra, wenn sie ablehnen, sonst ist es inbegriffen. nur so als tipp. :-)

      dass es keinen unterschied macht, ist wohl für uns buchstabenliebhaberInnen kaum vorstellbar. für mich wäre das vielleicht, wenn ich einem gourmetkoch sage, dass ich keinen unterschied merke zwischen A und B. oder so. ;-)

    • 25. September 2014 8:40

      Ja, so mache ich das auch. Aber manchmal bekommt ein Auftraggeber einen Fremdtext, und dann kommt es zu solchen Situationen.
      Genau: Chili oder Pfeffer, das ist doch sowieso alles eins! .)))

      PS: Ich gaube, mindestens so schlimm ergeht es Typographen. Seit jeder mit Word Texte „professionell“ setzen kann, ist das Lesen anstrengend geworden.

    • 25. September 2014 10:17

      ;-) … jederisteinautor! (frei nach beuys)

  12. 24. September 2014 23:27

    Aufsatznachgucken in der Schule lief ähnlich. Blöde fand ich immer, dass die Kinder alle zu Zwangsthemen schreiben mussten – und die Beurteilungskriterien so eng waren. Gleichmachend sozusagen- und man musste häufig den besten fantastischen Texten ein „Thema verfehlt“ drunter knallröten…

    • 25. September 2014 8:32

      Herrje, ist stelle mir da gleich Eltern vor, die mit dem Rechtsanwalt anrücken, weil da „nicht nachvollziehbar bewertet“ wurde … Ich hoffe, das ist ein Klischee.
      Ha, unter einem mir bekannten „Fantasie-Aufsatz“ stand mal, mit schlechter Note, „zu unrealistisch“. Seither denk ich mir mein Teil.

  13. 25. September 2014 0:14

    Ich kenne es zu gut, um darüber zu lachen. Lächeln, ja, das geht.

    • 25. September 2014 8:33

      Rechtschreibung berührt Fragen der Eitelkeit. Was soll man machen.

  14. 25. September 2014 0:36

    Oh nein, das ist … absurd! Aber wirklich lustig! Vielleicht sollte ich es als Leserin einfach auch nicht so genau nehmen, aber ich stolpere leicht über die vielen, vielen Fehler im Gedruckten. Neulich zB im Stern die Überschrift: „Das gilt es zu gedenken.“ – da habe ich länger drüber „gedenken“ müssen. ;-)

    • 25. September 2014 8:37

      Dochdoch, bitte, unbedingt genau nehmen! Da weiß ich dann wenigstens wieder, für wen ich das mache … ,)

  15. 25. September 2014 14:09

    Ich glaube, ich wäre eine großartige Korrekturleserin für solche Leute, viel zu schludrig, ungeduldig und Kommaregeln kann ich auch nicht wirklich…aber mal ehrlich: wozu Korrekturlesen lassen, wenn ich keine genaue Überarbeitung meines Textes will? Ungenau kann ich selber. Die verdienen Dich gar nicht.

    • 25. September 2014 19:53

      Danke. Das geht runter wie Honig ums Maul. .)

  16. 27. September 2014 0:47

    und es macht eben doch einen Unterschied.
    Ich lege Bücher weg, die so offensichtlich schlecht geschrieben sind. Es gibt durchaus Leute, die es merken.
    Aber es gibt so viele Berufe, die man nur merkt, wenn’s klemmt. Keiner fragt bei einem guten Buch, wer hat das Korrektur gelesen?

    • 28. September 2014 13:09

      Das freut mich sehr. Ich halte mich an dem Gedanken: für jeden einzelnen, wo der liest, lohnt die Korrektur.

  17. walterlenz permalink
    1. Oktober 2014 18:15

    Ein Wespennest, das Thema. Ich bewundere dich, Lakritze, für deine Langmütigkeit. Aber das ist dein Beruf.

    • 1. Oktober 2014 20:17

      Guten Abend, Lenz! Wie schön, ein seltener Gast! Schönste Grüße rüber!

    • walterlenz permalink
      2. Oktober 2014 8:33

      Lakritze, ich lese dich immer. Bei Kommentaren bin ich zurzeit eher mau. Schönste Grüsse zurück an dich, die so sorgfältig mit der Sprache umgeht.

  18. 2. Oktober 2014 11:27

    :-) :-) :-)

  19. 11. Oktober 2014 20:39

    In Sachen Grammatik: müsste es nicht „müssten“ heißen?

    • 11. Oktober 2014 21:17

      Künstlerische Freiheit! (Nein, ernsthaft, wo denn?)

  20. 12. Oktober 2014 20:12

    ;-)

    „die Stilblüten müßten also drinbleiben“ –> „die Stilblüten müssten also drinbleiben“
    „In sachen Grammatik“ –> „In Sachen Grammatik“

    (früher mal in einem Buchverlag eine Lehre gemacht, lange Zeit im Lektorat und Korrektorat verbracht …)

    • 12. Oktober 2014 21:38

      Adlerauge! Dann allerdings doch künstlerische Freiheit. Ich schreibe, zu meinem Privatvergnügen zumindest, unreformiert … im Zweifel klein und zusammen und so. .))
      Oh, und: wunderschöne Bilder bei Ihnen drüben!

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