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Unter Riesen

26. August 2014

Durch den Soonwald geht man in zwei, drei Tagen, von einem Rand zum andern. Da, wo sich das Waldgebiet zum Rhein hin neigt, beginnt das Riesenland. Ich gerate hinein an einem feuchten Sommermorgen, als die Nebel leuchtend aus dem Wald steigen.

sw-wanderweg sw-windriese

Am Wegrand stelle ich den Kocher auf, mache Kaffee und schaue zu, wie sich Dunst in den Wipfeln verhakt. Die Sonne gewinnt an Kraft. Da erst entdecke ich die Türme hinter den Bäumen, so unfaßbar, so außerhalb jeder Proportion, daß ich sie gleich in Begriffen verkleinere: Säulen, Stengel, Stiele.

Ich trinke still meinen Kaffee, und um mich herum stehen die Windräder und zersicheln die Wolken im Regelmaß. Durchs zunehmende Licht sausen die Schatten der Rotorblätter, aber zu hören ist nichts, kein Geräusch. Vielleicht sind die gewaltigen Naben zu entfernt? Aus so einer Gondel da oben kann man sicher gut übers Land schauen; ich würde es gern mal tun.

Die Sonne hat alle Schleier weggebrannt, der Tag nimmt Gestalt an, und über dem letzten Schluck Kaffee höre ich dann doch etwas, das Surren eines Elektromotors: der gesamte Kopf einer dieser monströsen Blumen dreht sich, richtet sich neu aus; dann ist wieder Stille.

Ich packe zusammen, inzwischen ist der Tag hell und klar, und gehe weiter durch das Windfeld. Von einer Anhöhe aus kann ich’s überblicken: wie Nadeln in eine Karte sind die Türme in diese Landschaft gesteckt. Gut befestigte Straßen spannen sich zwischen ihnen. Wer das hier geplant und gebaut hat, hat das Land nur als Unterlage verwendet; das macht es unwirklich.

Unterdes verrichten die Riesen lautlos ihre Arbeit, gleichmütig, von einer eigenen, entfernten Schönheit, die nichts mit mir zu tun hat.

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10 Kommentare leave one →
  1. 26. August 2014 14:00

    Sanfte Riesen – wie kann man sie nur nicht mögen? Noch dazu in unverwechselbarer Normalverteilt-Prosalyrik. „zersicheln sie die Wolken im Regelmaß“! (Auch wenn ich zuerst RegeNmaß gelesen habe ;-))

    • 26. August 2014 14:17

      Das Regenmaß, ich schwör, ist auch bald voll. Naß ist die Regel …
      Ich finde sie viel weniger schlimm, die Growiane, als gedacht. Sie sind erstaunlich leise und so groß, daß ich sie aus der Landschaft rechnen kann. Eins wollte ich allerdings nicht: in so einem Rotorschatten leben.
      Ich hoffe nur, sie werden mit Sinn und Verstand gebaut und nicht, um Subventionen abzugreifen.

  2. 26. August 2014 18:20

    Aaah, der Soonwaldsteig… Ist noch etwas verlassen oder nun auch schon voll touristisch ins Wandergeschäft integriert?
    Sommernachittäglichsonnigschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

    • 26. August 2014 18:38

      Ich habe nicht viele Menschen (präzisiere: auf dem eigentlichen Weg: keinen einzigen!) gesehen; ist aber auch nicht das Wetter.
      Herbstabendnaßkalte Grüße zurück!

  3. Trippmadam permalink
    26. August 2014 18:23

    Im Soonwald war ich als Kind mit meinen Eltern. Schöne Fotos. Windräder gab es damals dort noch nicht, aber ich mag sie eigentlich auch.

    • 26. August 2014 18:47

      Die sind ganz neu; und natürlich gab es auch Ärger. Ich bin gespannt, wie sich diese Anlagen auf Dauer bewähren; man weiß ja noch gar nicht viel darüber.

  4. 27. August 2014 0:15

    wundervoll geschriebene wanderpoesie. solchen riesen werde ich zukünftig ganz anders begegnen als bischer. danke für die neuen bilder fürs auge und fürs herz!

    • 1. September 2014 13:35

      Danke. Ich weiß nicht, gibt es bei euch auch diese ins Kraut schießenden Windparks? Ich stelle mir die Schweiz etwas zu, naja, steil vor dafür; aber wer weiß?

  5. 1. September 2014 12:11

    Schöner Eintrag!
    Durch den Soonwald gestern erst gefahren.
    Dort zum ersten Mal vor einigen Jahren auf einer Art Waldlehrpfad diesen Mahnwald gesehen, da steckten lauter Bäumchen umgekehrt im Boden, hatten ihre Wurzeln als Wipfel ins Walddunkel gesteckt!

    • 1. September 2014 13:34

      Danke!
      Von den Überkopfbäumen habe ich nichts gesehen und gehört; aber bei uns in der Familie wurde eine Geschichte erzählt über einen alten Versammlungsbaum bei Hitzacker, in den der Blitz fuhr, und als er ersetzt wurde, grub man den neuen Baum versehentlich falschherum ein. Im Jahr darauf waren die Zweige schon zu Wurzeln geworden, und umgekehrt; der Baum wurde zur Sehenswürdigkeit, weil es eben so gar nichts dran zu sehen gab. Vielleicht ist das im Soon auch so?

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