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Vermessen

17. Juli 2014

Auweia: Ich hatte noch nie einen passenden Badeanzug. Einen, der nirgends geschlabbert oder gekniffen, der sich nicht an den falschen Stellen gerafft oder gebeult hätte. Noch niemals in meinem Leben.

Und dann lernte ich eine Schneiderin und Designerin kennen, die tatsächlich und ausgerechnet Badeanzüge macht. Vor allem Unterwäsche, und Kleider, ja, aber … Badeanzüge! Wink des Schicksals. Und Gelegenheit beim Schopfe: jetzt, endlich, nach so vielen Jahren –!

Erster Schritt: Maßnehmen für den Maß-Badeanzug. Für mich heißt das: stillhalten. Und nicht schwindlig werden. In Unterwäsche stehe ich also mitten im Raum, während C. mit Gummibändern, Schere, Nadeln und Maßbändern hantiert.

C. spannt ein Gitternetz aus Gummibändern zur Orientierung. Sie mißt sorgfältig und professionell; an heiklen Punkten darf ich selbst das Maßband halten. Nebenbei erfahre ich allerlei Interessantes über Stoffe, Muster und Schnitte. Es ist überhaupt ein erstaunliches Erlebnis, derart im Mittelpunkt zu stehen, und hat durchaus Selbsterfahrungspotential: jetzt weiß ich genau, warum mir der Standard nicht paßt.

Hüfte, Taille, Oberweite — klar, kennt man. Dann kommen allerlei Markierungen hinzu: Längen, Umfänge, Abstände links und rechts, vorn und hinten. Ich habe irgendwann aufgehört, die Maße mitzuzählen, aber mir ist vollkommen klar, daß die Konfektionsmaße von der Stange eine grobe Vereinfachung darstellen. Daß fast jede zweite Frau schlecht oder gar nicht passende Unterwäsche tragen soll, wundert mich nicht.

Noch mal hinsetzen, bitte — Sitzhöhe; und dann das Maß für die Hohlkreuzkorrektur. Und noch ein paar Kontrollmaße — danke. Fertig. Nach einer knappen Dreiviertelstunde.

In einer eindrucksvoll langen Liste hat C. notiert, was sie braucht, um die dollsten Dinge zu entwerfen — eben alles, was man direkt auf der Haut tragen kann. Als nächstes wird sie den Schnitt erstellen, und irgendwann werde ich etwas anprobieren können, was ich nicht für existent gehalten hätte: einen Badeanzug nach Maß. Ich bin sehr, sehr gespannt.

Luxus? Sicher. Und wenn, dann richtig.

Daumiller Lingerie-Maßatelier

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33 Kommentare leave one →
  1. 17. Juli 2014 18:20

    Hoffentlich hat sie das richtige Augenmass für Dich…! Welche Farben sollen es sein?

    • 17. Juli 2014 18:23

      Ich bin noch nicht ganz sicher. Im Moment denke ich an Blockstreifen, schwarz/weiß oder blau/weiß. (Kormorane tragen immer schwarz, was?)

  2. karu02 permalink
    17. Juli 2014 20:01

    Oh, es gibt also einen Ausweg? Ich hatte mir Badeanzüge inzwischen generell abgewöhnt, wusste ja nicht, dass es Badeanzugschneiderinnen gibt. Es scheint mir ein aufregende Angelegenheit zu sein, wäre es für mich jedenfalls.

    • 17. Juli 2014 21:01

      Ich war entzückt. Sie hat auch gar nicht entsetzt geguckt, als ich etwas von Modell Kraftmensch 1912, nur ohne Schnauzbart sagte …

  3. 17. Juli 2014 20:07

    Ich fürchte, es wäre ganz unangemessen, um eine Präsentation des fertigen Badeanzugs zu bitten, aber ich wünsche, dass sich das ausführliche Maßnehmen und das gespannte Warten ganz gelohnt haben wird. Viel Freude!

    • 17. Juli 2014 21:02

      Danke, danke. Ich werde auf jeden Fall weiter berichten; so was macht man ja nicht alle Tage …

    • 17. Juli 2014 21:22

      Sehr schön.

  4. Philipp Elph permalink
    17. Juli 2014 20:38

    Da hätte H. doch einfach eine Vermessungsmaschine bauen können! Wäre das nicht einfacher gewesen?

    • 17. Juli 2014 21:03

      Also, nach der Vermessungsaktion glaube ich fest: Maschinen können so was nicht.

    • 18. Juli 2014 7:15

      Solche „Vermessungsmaschinen“ gibt es. Ich habe so etwas schon gesehen. Allerdings ging es da um Anzüge, die nach Maß gefertigt wurden und nicht um Badeanzüge. Man ging dazu in eine Kabine und die Maschine spuckte anschließend eine 3D-Version der Person aus, nach der dann geschneidert wurde.
      Für Badeanzüge finde ich Maßanfertigungen allerdings noch genialer als für Anzüge. Die üblichen Badeanzüge scheinen in der Regel für magersüchtige Teenies entworfen zu werden. Bei anderen Frauen sehen sie meistens unmöglich aus.
      Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, wie zufrieden du mit dem Ergebnis der Maßanfertigung sein wirst.

    • 18. Juli 2014 7:59

      Davon hat C. auch erzählt; die haben oder hatten zumindest mal das Problem, daß sie zu genau sind. Das kann wohl schnell unvorteilhaft aussehen; das menschliche Auge entscheidet, wo Ausgleich nötig ist.
      Na, und ich bin vielleicht mal gespannt! C. meinte, das größte Kompliment sei gewesen, als eine Kundin in die neue Corsage stieg und sagte: oh, wie bequem! — Ich finde, das klingt vielversprechend.

  5. 17. Juli 2014 22:53

    Wie cool! Vielleicht könntest du das Modell an einer Schneiderpuppe präsentieren?

    • 17. Juli 2014 22:59

      gute idee, petra! ja, berichte weiter – das ist wirklich faszinierend!

    • 18. Juli 2014 8:00

      Es wird sich ein Weg finden. Dauert sicher ein wenig, aber Ergebnis kommt!

  6. 17. Juli 2014 23:50

    Ich schliesse mich dem vorsichtigen Kommentar des Herrn Zeilentiger an und ergänze um die Bitte einer Benachrichtung Ihrer Zufriedenheit nach Erhalt des fertigern Modells. Ich wüsste da jemanden, der daraufhin sicherlich Ihren Weg beschreiten würde.
    Fastmitternächtliche Grüsse vom Schwarzen Berg

    • 18. Juli 2014 8:10

      Oh, aber sicher doch. C. macht übrigens auch Herrenunterwäsche. (Also mal ehrlich: Maßunterhosen! Wer hat das schon?)

    • 18. Juli 2014 9:23

      Ooch, ich dachte dabei nicht an mich. Ich bin ganz zufrieden mit dem Gehäuse, das mir mein Dasein ermöglicht. ;-)
      Morgenschöne Grüsse vom Schwarzen Berg

  7. 18. Juli 2014 16:13

    Die Farben schwarz-weiss würden mir gefallen. In Frankreich wäre das dann blau-weiss.

    • 19. Juli 2014 19:01

      Ich mag den altmodischen Eindruck dieser Farben. (Bzw. Nicht-Farben.)

  8. 19. Juli 2014 14:35

    Gespannt warte ich auf Weiteres.

    • 19. Juli 2014 19:03

      Na, und ich erst –! Das ist durchaus ein anderes, äh, Einkaufserlebnis; mal schnell-schnell Papiertüten füllen fand ich immer langweilig …

  9. Trippmadam permalink
    20. Juli 2014 11:54

    Gerade habe ich mit Erleichterung festgestellt, dass mir mein seinerzeit sündhaft teurer Badeanzug, für den ich eine geschlagene Woche durch die einschlägigen Geschäfte ziehen musste, noch passt und auch keine Löcher hat. Ich habe die Art Sanduhrfigur, von der unsere Großmütter träumten. Die ist anscheinend nicht mehr zeitgemäß (üblicherweise schlabbert bei mir alles in der Taille und kneift überall sonst.)

    • 20. Juli 2014 12:56

      Ich frage mich sowieso, welche Figur zeitgemäß ist (gerade: knabenhaft, aber orntlich Holz vor der Hüttn?). Und wieso Figuren überhaupt zeitgemäß sein sollen und nicht etwa altersgemäß. Oder einfach schön, wie sie sind. Alles über einen Kamm nervt.

  10. 21. Juli 2014 11:29

    Altersgemäß oder altersgerecht? Wir sind doch mit 50 wie früher mit 35 und manche sind mit 20 schon 65….. Hauptsachte es passt zu eigenen Persönlichkeit.

    • 21. Juli 2014 13:21

      Das ist natürlich das Allerbeste. Und gut sitzen sollte es auch …

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