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Vom Vermögen

23. November 2013

Einmal beobachtete ich zwei Jungen auf einem sonst mittäglich leeren Schulhof. Der Große, elf, zwölf Jahre alt, fuhr mit dem Skateboard auf ein niedriges Mäuerchen zu, sprang in die Luft, wobei er das Board mit sich riß, daß es sich in der Luft drehte, und vesuchte mittig auf dem Board und auf der Mauerkrone zu landen. Immer wieder nahm er Anlauf, sprang, drehte; immer wieder entglitt ihm das Board, blieb auf der Strecke oder polterte auf der anderen Seite des Mäuerchens zu Boden.

Der Jüngere, vielleicht sieben, saß auf der Eingangstreppe und beobachtete diese Bemühungen ernst und gebannt, sah Anlauf, Scheitern, den nächsten Anlauf, Verbesserungen, Rückschläge, erneuten Versuch, und als der Ältere eine Pause einlegte und die Rollen seines Boards kontrollierte, stellte er sich zu ihm und fragte:

  Du! Wieso machst’n du das?
Der Große schaute auf:
  Nur so. — Und, nach einem prüfenden Blick auf den Kleineren:
  Das ist ein total geiles Gefühl, wenn man was kann.
Dann ließ er das Brett zu Boden kippen und nahm wieder Anlauf.

*

Nach einer atemberaubenden Steigung kam ein Aussichtspunkt, ein Parkplatz war dabei mit Mülleimern und Erklärungstafeln, auch ein Heimatverein hatte sich vor hundert Jahren per Gedenkstein verewigt, aber vorne an der Felskante war es herrlich; das Land lag hingebreitet, Hügel hinter Hügel, und der Herbst spielte darauf mit Licht und Farbe.

Am Geländer stand ein Mann, genauer: er saß, denn er hatte sich auf dem Mittelbrett seines Rollators niedergelassen, das dafür gedacht ist. Da saß er unbeweglich und entspannt und schaute.

Vielleicht machte er dasselbe wie ich: vielleicht schaute er auf Wege, die er mal gegangen war, und dachte an Landschaften und Geschichten, durch die ihn diese Wege getragen hatten. Und dann wäre es nicht dasselbe, ganz und gar nicht.

*

Gäbe es das, die Wahl zwischen »Ruhm und Ehre« und »Glück und Reichtum« — welche Verlegenheit! Im Märchen fehlt ja oft etwas, damit das Weltbild vollständig bleibt.

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8 Kommentare leave one →
  1. 23. November 2013 18:03

    Noch eine Geschichte bei Zeilentiger.

  2. 23. November 2013 20:10

    ich mag es, wie du mich diesen geschichten überlässt. die buben auf dem pausenhof. der mann auf dem rollator. und ja, es ist nie dasselbe. immer anders. jeder weg, den du gehst. jedes mal.

    auch in artikeln fehlt manches, auch in filmen, auch in büchern. alles wäre unerträglich.

    danke, dass du mit deinem blog die welt erträglicher machst … :-)

    • 24. November 2013 10:32

      Oh, danke, Soso!
      Ich habe ein Weilchen nachgedacht über das Talent zum Reichwerden und das zum Reichsein. Ich wäre sehr, sehr froh, wenn gar nicht mehr nötig wäre, als etwas zu können.

    • 24. November 2013 11:03

      da sprichst du mir aus der seele. die einen können allerdings auch das noch: ihr können teuer verkaufen. ;-)

    • 28. November 2013 17:24

      Und ich bin nicht mal sicher, ob ich das gern können würde. Wohl eher nicht. (Unheilbar inkompatibel.)

  3. 27. November 2013 10:46

    Ich mag deine „Geschichtchen“, auch, weil ich – wie Du – einen Hang zur kurzen Form habe. Du lässt weg, dampfst ein, legst Fährten, summierst, vorsichtig und in meist poetisch knapper Form, und so kommt es, dass dem Leser, also auch mir, die Leerstellen mehr zu denken geben als das Niedergeschriebene. Auch das „muss man können“, wie mein Söhnchen es einmal ausdrückte.
    Gruß, Uwe

    • 28. November 2013 17:29

      Oh, das freut mich sehr. Die Geschichte vom Söhnchen sowieso.
      Die kurze Form ist die, auf die ich mich verlegt habe; vielleicht, weil das Streichen so schön wehtut. Deine Short cuts lese ich nicht mit Sachkenntnis, aber mit Beifall.

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